Schule im Corona-Modus – Das denken Braunschweiger Schüler

Braunschweig.  Leben und Lernen in der Krise: Schüler haben am ersten Schultag ihre Gedanken zu Papier gebracht. Ein Projekt der Sally-Perel-Gesamtschule.

Seit dieser Woche gehen die ersten Schüler in Braunschweig wieder in die Schule, um sich für ihre Abschlussprüfungen vorzubereiten. Doch viele haben den Kopf nicht frei, um richtig lernen zu können.

Seit dieser Woche gehen die ersten Schüler in Braunschweig wieder in die Schule, um sich für ihre Abschlussprüfungen vorzubereiten. Doch viele haben den Kopf nicht frei, um richtig lernen zu können.

Foto: lorenzoantonucci / Getty Images

Schüler des zehnten Jahrgangs der Sally-Perel-Gesamtschule in Volkmarode haben an ihrem ersten Schultag nach der Corona-Zwangspause aufgeschrieben, was sie zurzeit bewegt. Entstanden sind sehr persönliche „Innere Monologe“, aus denen wir hier zitieren dürfen. Redakteurin Katja Dartsch hat die Passagen zusammengestellt – auf Wunsch der Schüler erscheinen sie anonym.

Heute ist mein erster Schultag nach den „Corona-Ferien“. Zuerst war ich etwas überfordert. Zuhause ist es langweilig, man vermisst seine Freunde und lernt so viel wie noch nie. In die Schule zu gehen – diese Aussicht war gut: Man sieht seine Freunde, seine Klasse. Doch so ist es nicht. Alle kommen mit Mundschutz oder Handschuhen. Vor dem Unterricht muss jeder seine Hände waschen – es sind Bilder wie in einem Krankenhaus. Meine Freundin hat Geburtstag, und ich kann sie nicht einmal umarmen! Ich weiß: Hygiene und Gesundheit gehen vor. Trotzdem ist es eine komische Situation. Wenn ich heute nach Hause gehe habe ich Angst, das Virus in mir zu tragen und meine Familie damit anzustecken.

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Die letzten Wochen waren verwirrend. Sowohl für mich, als auch für meine Mutter. Meine Mutter arbeitet im Homeoffice. So lange aufeinander zu hocken ist schwerer als gedacht, und wir zicken uns auch häufiger mal an. Man weiß nicht, wohin mit sich. Ich darf mich mit Freunden treffen, jedoch erlauben das nicht alle Eltern. Es ist eine psychische Belastung, keine richtigen sozialen Kontakte pflegen zu können. Das nervt mich sehr und macht mich auch etwas traurig.

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Meiner Meinung nach ist das im Moment eine richtig schwierige Situation. Heute bin ich seit sechs Wochen das erste Mal wieder zur Schule gegangen: Ich musste mich entscheiden, ob ich wieder zur Schule gehe oder meine Eltern schütze. Meine Eltern gehören zur Risikogruppe. In der Schule gibt es kein Desinfektionsmittel und viel zu wenige Waschbecken. Allein durch das Händewaschen müssen wir auf 15 Minuten des Unterrichts verzichten. Außerdem ist es unmöglich, dauerhaft Abstand zu halten, um die Ansteckungsgefahr zu verringern.

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Mir geht das Thema Corona ganz schön nah, da mein Vater sich viele Sorgen macht und riesige Angst um uns hat. Wir sind natürlich nicht die einzige Familie, die das betrifft. Es gibt unzählige andere Familie auch in anderen Städten, anderen Bundesländern, in anderen Ländern und auf anderen Kontinenten, denen es noch viel schlechter geht, die nicht ansatzweise soviel Schutz, Verpflegung und Sicherheit haben wie wir.

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Puh. Nach dem Video von Rezo (bekannter YouTuber; Anmerkung der Redaktion) ist mir klar gewordne, dass ich mehr auf meine Gesundheit und die meiner Eltern achten muss als auf meinen Schulabschluss. Jeder hat eine Geschichte. Meine Geschichte ist, dass mein Vater schwer krank ist und zu hundert Prozent an diesem verdammten Virus sterben würde. Diese Angst macht mich fertig. Und ich weiß, dass es da draußen mehr Leute als nur mich gibt, die Angst haben, ihre Eltern oder Oma und Opa zu verlieren.

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Der erste Tag in der Schule war schrecklich. Morgens Händewaschen und keine Luft bekommen durch diese bescheuerte Maske. Mir persönlich ist es wichtig, einen guten Schulabschluss zu machen. Aber noch wichtiger ist es mir, die Familie und andere Menschen zu schützen.

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Für manche ist es nicht organisierbar, zu Hause alle Aufgaben zu machen – wegen fehlendem Material, wegen der Geschwister oder fehlender Motivation. Manche haben Angst, dass sie ihren Abschluss nicht hinkriegen, weil sie die Aufgaben nicht verstehen oder einfach zu unübersichtlich finden. Das macht etwas mit der Psyche. Das macht es schwer, an sich selbst zu glauben und das zu schaffen, was man schaffen möchte. Ich denke, dass die Abschlussprüfungen nicht geschrieben werden sollten.

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Ich bin sauer. Wirklich sauer. Oder man könnte eher sagen, dass ich Angst habe. Außerdem bin ich enttäuscht. Ich habe Angst, meine Abschlussprüfungen zu verhauen und es deshalb nicht in die Oberstufe zu schaffen. Ich konnte mich in der letzten Zeit einfach nicht hinsetzen und konzentriert lernen. Dabei lief vorher eigentlich alles sehr gut in der Schule, sogar in Mathe. Doch die Corona-Krise hat alles erschwert. Es ist Mist, meine Schwester zu sehen, die sich auf die Abitur-Prüfungen vorbereitet und total am Ende ist. Es ist Mist, meinen Vater zu sehen, der sich Sorgen um Geld machen muss, da es in der Krise nicht so gut läuft.

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Hessen und Baden-Württemberg machen es richtig. Die Schüler werden alle versetzt. Das ist die einzig richtige Lösung für alle. Es kann nicht sein, dass alle unter diesem Stress die Prüfungen absolvieren müssen. Die Lehrer geben ihr Bestes, aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, ist es einfach gelaufen.

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Heute ist der erste Schultag nach sechs Wochen „schulfrei“. Wir wurden in Gruppen aufgeteilt. 15 Leute anstatt der ganzen Klasse. Ich habe Glück gehabt und habe fast alle meine Freunde in meiner Gruppe. Wir müssen 1,5 Meter Abstand halten, einen Mundschutz tragen und nach jeder Pause die Hände für 20 bis 30 Sekunden waschen. Wir müssen aufpassen, dass wir alle Regeln einhalten, damit wir uns nicht gegenseitig anstecken. Seit Wochen sitze ich jeden Tag zu Hause und habe für die Schule gelernt oder Aufgaben bearbeitet. In anderen Bundesländern wurden die Abschlussprüfungen abgesagt, weil sie verstanden haben, dass es für die Schüler so am besten ist. Weil es in diesen Zeiten schwer ist, zu lernen. Außerdem bekomme ich schon nach fünf Minuten keine Luft mehr unter dieser Maske! Es ist die reine Qual, das länger auszuhalten.

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Die letzten Wochen waren hart. Meine Eltern müssen arbeiten. Wegen der Schulschließung musste ich auf meine beiden jüngeren Geschwister aufpassen und gleichzeitig für die Abschlussprüfungen üben. Jetzt, da ich wieder in der Schule bin, habe ich Angst, dass meine Geschwister allein nicht zurechtkommen. Ich habe oft Panikattacken und Angstzustände. Wir werden jetzt unter super erschwerten Bedingungen unsere Prüfungen haben. Und danach? Wir werden keinen Abschlussstreich haben, keine Abschlussfeier, und in die Ferien dürfen wir auch nicht.

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Wenn ich nach draußen gehe, sehe ich überall Leute mit Masken. Der Anblick macht mir Angst. Es ist beängstigend, jeden Tag mit dermaßen vielen Corona-Nachrichten konfrontiert zu werden. Man kann kein Radio hören, keine Nachrichten mehr gucken, ohne immer wieder mit Risiken, Todesfällen und Schutzmaßnahmen konfrontiert zu werden. Jeden Tag mache ich mir Gedanken: Wie geht es weiter? Was muss ich noch in der Schule machen? Schaffe ich so meinen Abschluss? Geht es anderen genau so wie mir? Und, was mich am meisten beschäftigt: Wann hört es endlich auf? Wann ist das alles endlich vorbei?

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