Braunschweiger Schüler fordern: Abi-Prüfungen sollen ausfallen!

Braunschweig.  Die Lernbedingungen seien unfair und die Angst vor einer Infektion mit Corona sei groß – sagt Maximilian Berkhan, Schüler der IGS Franzsches Feld.

Vorbereitung für die Abi-Prüfungen an einem Gymnasium: In einigen Bundesländern wie Hessen, Rheinland-Pfalz, Berlin und Brandenburg haben die ersten Prüfungen bereits stattgefunden.

Vorbereitung für die Abi-Prüfungen an einem Gymnasium: In einigen Bundesländern wie Hessen, Rheinland-Pfalz, Berlin und Brandenburg haben die ersten Prüfungen bereits stattgefunden.

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Die Abiturprüfungen in Braunschweig beginnen in wenigen Tagen – und sie werden in diesem Jahr angesichts der Corona-Krise unter ganz besonderen Bedingungen stattfinden. Bundesweit setzen sich angehende Abiturienten dafür ein, dass die Prüfungen diesmal ausfallen: aus Sorge um ihre Gesundheit und die ihrer Familien – und weil die Lernsituation für viele außerordentlich schwierig ist.

Schüler der IGS Franzsches Feld haben einen Brief an Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne geschrieben. Über die Hintergründe sprachen wir mit Maximilian Berkhan (18), Schüler des 13. Jahrgangs der IGS Franzsches Feld.

Maximilian, habt ihr schon eine Reaktion auf euren Brief aus dem Ministerium erhalten?

Nein, bisher haben wir keine Antwort bekommen. Aber wir haben unseren Schulleiter kontaktiert und er hat uns mitgeteilt, dass er ebenfalls eine Bitte um Absage der Abiturprüfungen an das Ministerium geschrieben habe. Er steht also hinter uns.

In eurem Brief schreibt ihr, dass ein Abi zu fairen Bedingungen in diesem Jahr nicht möglich sei. Kannst du das näher erklären?

Der Austausch unter Mitschülern und mit den Lehrern ist beispielsweise ein Problem. Ein weiteres ist der fehlende Platz zu Hause: Einige von uns teilen sich das Zimmer mit Geschwistern oder befinden sich in einer schwierigen Familiensituation, die das Lernen Zuhause nahezu unmöglich macht. Ausweichorte wie Bibliotheken sind geschlossen. Selbst im Park darf man sich nicht hinsetzen und lernen.

Außerdem gibt es Schüler, die keinen Computer zu Hause haben. Das Lernen wird auch dadurch erschwert, dass einige auf kleine Geschwister aufpassen müssen.

Natürlich sorgen wir uns auch um unsere Gesundheit und die unserer Familien. Zumal es Schüler in unserem Jahrgang gibt, die direkt von dem Corona-Virus betroffen sind und Familienmitglieder verloren haben.

Man kann sich einfach nicht richtig auf die Prüfungsvorbereitung konzentrieren, weil im Kopf gerade so ganz andere Sachen abgehen.

In der Tat sind es besondere Umstände, die du schilderst – aber müssen zurzeit nicht alle irgendwie mit besonderen Umständen zurechtkommen: die Verkäuferin, die trotz hoher Ansteckungsgefahr zur Arbeit gehen muss, der Kurzarbeiter, der mit deutlich weniger Geld auskommen muss, der Ladenbesitzer, dem die Einnahmen weggebrochen sind, die berufstätigen Eltern, die parallel zum Job ihre Kinder betreuen müssen? Die Corona-Zeit verlangt allen viel ab...

Das stimmt schon. Allerdings gibt es für die allermeisten, die unter den besonderen Umständen leiden, besondere Maßnahmen – nur nicht für uns. Wir sollen trotz allem ein normales Abitur schreiben. In anderen Ländern wie Frankreich oder England wurden die Abschlussprüfungen abgesagt.

Gerne wird in diesen Tagen das so genannte Durchschnitts-Abi als Lösung gefordert. Könntest du bitte erklären, was darunter zu verstehen ist?

In den vergangenen zwei Jahren haben wir die schulischen Leistungen für zwei Drittel unserer Abiturnote bereits erbracht. Das letzte Drittel setzt sich normalerweise zusammen aus den Ergebnissen der Abschlussprüfungen: einer mündlichen und vier schriftlichen Prüfungen. Wenn diese Prüfungen entfallen, könnte die Abschlussnote aus den bisherigen schulischen Leistungen errechnet werden.

Das wäre in unserem Sinne, denn dann müssten wir nicht das Risiko eingehen, uns in der Vorbereitungs- oder Prüfungszeit mit Corona zu infizieren.

Betroffen sind rund 500 Schüler an zehn Braunschweiger Schulen. Meinst du nicht, dass sich durch Abstandshaltung das Ansteckungsrisiko minimieren lässt? Zumal es in den nächsten Wochen an den Schulen ja insgesamt nicht so voll sein wird wie sonst...

Im Internet liest man Berichte aus Bundesländern, wo bereits Prüfungen geschrieben werden, und die dortigen Maßnahmen sind offenbar mehr Schein als Sein: Da wird zum Beispiel der Mindestabstand in den Klassenzimmern eingehalten, aber nicht auf den Fluren. Zudem geht es nicht nur um das Ansteckungsrisiko im Schulgebäude: Man muss ja erstmal zur Schule kommen. Viele sind darauf angewiesen, mit Bus und Bahn zu fahren, was das Risiko einer Ansteckung erhöht.

Was würde denn passieren, wenn bei einem Schüler in der Vorbereitungs- oder Prüfungsphase Corona diagnostiziert wird?

Was wäre wenn… Keine Ahnung. Wir bekommen zwar täglich aktuelle Informationen über neue Vorgaben aus der Politik von unserem Schulleiter weitergeleitet, aber manche Dinge sind einfach noch nicht entschieden oder wurden noch nicht entsprechend kommuniziert.

Die Forderung nach einer Streichung der Abiturprüfungen erhält Unterstützung aus Wissenschaft und Lehre. Auch der Schulleiterverband Niedersachsen hat sich jetzt hinter diese Forderung gestellt. Wie groß ist die Bewegung – und gibt es Schüler, die trotz Corona an den Prüfungen festhalten wollen?

Eine einheitliche Bewegung ist das eher nicht, aber es gibt viele einzelne Gruppen, die sich für dieses Ziel einsetzen. Aber genauso gibt es Gegenmeinungen, also Leute, die sagen, dass man uns das Abi nicht „schenken“ sollte. Es gibt auch Schüler, die an den Prüfungen festhalten wollen. Natürlich ist es blöd, wenn man am Ende wochenlang umsonst gelernt hat. Doch diejenigen sollten ihren Blick weiten und an die denken, die es gerade richtig schwer haben.

Corona in Braunschweig- Alle Fakten auf einen Blick

Denkt ihr darüber nach, rechtliche Schritte einzulegen, sollte eure Bitte kein Gehör finden? Bundesweit gibt es ja bereits erste Fälle. Vor dem Verwaltungsgericht Berlin ist gerade eine Schülerin gescheitert mit ihrem Eilantrag, die Prüfungstermine wegen der Ansteckungsgefahr zu verschieben.

Natürlich haben wir uns schon informiert, was juristisch möglich wäre und welche Gesetze eventuell verletzt werden. Aber Genaueres haben wir noch nicht geplant.

Ob es nun Abiturprüfungen geben wird oder nicht: Die Schule ist für euch bald vorbei. Wie sieht es mit euren Zukunftsplänen aus – werden sie von Corona durchkreuzt?

Viele von uns hatten einen Auslandsaufenthalt, ein Freiwilliges Soziales Jahr und ähnliches geplant. Einer aus meiner Klasse wollte nach Japan, ein anderer in Sachen Meeresbiologie nach Kroatien – das wurde alles abgesagt, fällt alles aus. Da sind viele traurig, dass aus ihren Plänen vorerst nichts wird.

FAKTEN ZUM ABI 2020

- Ende März hatte das Niedersächsische Kultusministerium die Abitur-Prüfungstermine aufgrund der Corona-Krise um drei Wochen verschoben.

- Die angehenden Abiturienten gehen ab dem 27. April zur Prüfungsvorbereitung wieder in die Schule. Die erste schriftliche Prüfung soll laut dem neuen Fahrplan am 11. Mai stattfinden, die erste mündliche Prüfung am 3. Juni. Die letzten Nachprüfungen finden am 8. Juli statt. Die Abitur-Zeugnisse können am 9. und 10. Juli ausgegeben werden.

- Rund 300 Schüler der fünf Braunschweiger Gesamtschulen sowie rund 200 Schüler der Berufsschulen, von Abendgymnasium und Kolleg nehmen in diesem Jahr an den Abi-Prüfungen teil. An den Gymnasien gibt es in diesem Jahr aufgrund der Rückkehr zum G9 keinen Abiturjahrgang.

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