Schwarzrotgold

Heimarbeit statt Homeoffice – Streuer statt Spreader

Die Ausdrucksweise der Bürger eines Landes zeigt, wie selbstbewusst sie sind.

Wenn der Frühling sich mit den ersten Sonnenstrahlen ankündigt, freut man sich normalerweise über Frühlingsgefühle, über die Natur, die blüht und wieder grün wird. Leider beschäftigen uns zurzeit traurige Gedanken, Todesnachrichten erreichen dauernd unser Wohnzimmer, das Misstrauen gegenüber anderen ist allgegenwärtig. Dank der elektronischen Nachrichten können wir wenigstens noch manchmal lachen. Die unzähligen Videos, die rund um den Globus verschickt werden, machen uns Freude. Früher hätte ich diese Videos ignoriert. Jetzt schaue ich sie an. Ich erhalte für einen kurzen Moment eine Ablenkung und bewundere jedes Mal die Kreativität der Menschen, die sich das alles ausdenken.

Die Sonnenstrahlen machen mir auch Sorgen. Niesen macht verdächtig. Als Allergiker fürchte ich mich vor dem nächsten Pollenflug. Was für eine Zeit! In meiner Schulzeit fragte mich auf dem Schulhof ein Kamerad, ob ich wüsste, wie man einen Elefanten töten kann. Ich sagte: „Nein.“ „Du musst nur eine Ameise in seinen Rüssel einsetzen. Die Ameise krabbelt bis in sein Gehirn und tötet ihn.“ Ich war perplex und fragte mich, ob man tatsächlich dieses riesige Tier mit einer Ameise töten kann. Aber jetzt zittert unsere Elefanten-Gesellschaft, weil sich eine Ameise in ihrem Rüssel befindet. Immer wenn ich im Großhandel für Gastronomie vor leeren Regalen stehe, denke ich an meine Zeit in der Sowjetunion, ich vermute, dass es vielen Braunschweigern genauso ergeht, die vor 30 Jahren auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs gelebt haben. Wenn man einkaufen ging, war man nicht sicher, ob man das Produkt, das man kaufen wollte, finden würde. Im Supermarkt nahm man alles mit, was man gebrauchen konnte. Und da man spontan kaufte, war das Geld immer knapp und man konnte eine Speisekammer voller Zucker haben, während Kaffee und Tee fehlten.

Zugegeben, die Gründe waren andere. Wir träumten damals vom Schlaraffenland im Westen. Heute gibt es kein Land, in das wir flüchten könnten. Überall sind die Grenzen dicht. Es ist noch nicht lange her, dass manche Länder, für den Fall eines Atomkrieges Bunker gebaut haben, um die Bevölkerung zu schützen. Wir haben es nicht leicht mit den Einschränkungen. Wie wäre es gewesen, wenn die Menschen nach einem Atomangriff unter Tage irgendwo sitzen würden? Wie lange würde man das aushalten? Aber für solche Schutzsysteme wurde viel Geld ausgegeben. Wenn ich mich nicht irre, können alle Länder weltweit innerhalb weniger Stunden alle ihre Bürger mit Waffen ausrüsten, aber mit Schutzmasken, wie wir heute beobachten, nicht. Als jemand, der sich für die Wirtschaft interessiert, habe ich mich gefragt, warum wir keine nennenswerte Preisinflation für Lebensmittel haben. Denn durch die Hamster-Käufe ist die Nachfrage größer geworden als das Angebot. Vielleicht liegt es daran, dass wir nur sehr wenige Unternehmen haben, die den Markt unter sich aufgeteilt haben und uns versorgen. Inflationär ist aber der Gebrauch von englischen Ausdrücken in den Medien: Homeoffice, Spreader, Lockdown, Shutdown. Was gibt es gegen „Heimarbeit“, „Anstecker oder Streuer“, „Ausgangssperre“ und „Stilllegung des öffentlichen Lebens“ einzuwenden? Seit Jahren erleben wir eine Verschlechterung der deutschen Sprache. Wann kommt endlich ein mutiger Kultusminister, der dieser Entwicklung einen Riegel vorschieben kann?

Wäre ich Siegfried Lenz mal begegnet, hätte ich ihn gefragt, was er, der so wortreich mit der Sprache umgegangen ist, über die bewusste Zerstörung der deutschen Sprache denkt. Die Ausdrucksweise der Bürger eines Landes zeigt, wie selbstbewusst sie sind. Wir sind in Deutschland und solange es einen vergleichbaren Ausdruck gibt, sollte es verboten sein, sich in den Medien in einer Fremdsprache auszudrücken. Wenn ich mich auf Französisch unterhalte, bemühe ich mich, ausschließlich französische Wörter zu verwenden, obwohl es mir schwerfällt, passende Wörter für „schadenfroh“, „Sehnsucht“ und „gespannt sein“ zu finden. In diesem Sinne: „Bleiben Sie gesund“ statt „bleiben Sie en bonne santé.“

Luc Degla studierte im Benin Mathematik und in Moskau und Braunschweig Maschinenbau. Der freie Autor lebt in Braunschweig. In seiner Kolumne beschreibt er sein Leben mit den Deutschen.

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