Raubüberfälle – Passanten griffen ein

Braunschweig.  Im Prozess vor dem Braunschweiger Landgericht spricht der drogenabhängige Angeklagte dagegen von Missverständnissen.

Die Stimmung am Schoduvel am 3. März vergangenen Jahres soll ein 31-Jähriger ausgenutzt haben, um einen stark angetrunken Mann auf einer Sitzbank an der Münzstraße zu berauben.

Die Stimmung am Schoduvel am 3. März vergangenen Jahres soll ein 31-Jähriger ausgenutzt haben, um einen stark angetrunken Mann auf einer Sitzbank an der Münzstraße zu berauben.

Foto: Philipp Ziebart

Alles nur Missverständnisse? War der Geldbörsenraub, den Passanten an Karneval auf der Münzstraße beobachtet haben wollen, nichts als der gut gemeinte Versuch, einem Betrunkenen zu helfen?

Und dann der Überfall auf einen 74-Jährigen zwei Wochen später zur Mittagszeit auf dem Waisenhausdamm: An eine Hauswand soll der Angeklagte den alten Mann gedrückt, ihn zu Boden gestoßen und mit einem Regenschirm gegen den Kehlkopf seines Opfers gedrückt haben. Dabei, heißt es in der Anklage, habe er versucht, die Geldbörse aus der Hosentasche des Seniors zu ziehen.

Der 31-Jährige bestreitet das: Er habe den Mann um 30 Cent zum Telefonieren gebeten. „Verschwinde“, habe der geantwortet und ihn weggeschubst. Er habe zurückgeschubst, sei auf regennasser Straße ausgerutscht und auf den Mann gefallen.

Auch in diesem Fall griff ein Passant couragiert ein. Der Radfahrer war mit seiner Freundin auf dem Weg zum Frühstücken, als er, wie er im Prozess vor dem Landgericht berichtet, die Hilfeschreie des 74-Jährigen hörte. „Da standen Leute drumherum und haben zugeguckt.“ Er sei sofort eingeschritten, habe den Angreifer mit aller Kraft von dem älteren Herrn, der auf dem Weg zum Eintracht-Spiel gewesen sei, weggezogen und versucht, ihn festzuhalten. Als er einen Schlag gegen den Kehlkopf bekommen habe, habe er loslassen müssen.

Kurz darauf nahm die Polizei den Angeklagten in einer Straßenbahn fest, in die er sich geflüchtet hatte.

„Also in beiden Fällen haben Zeugen die Situation verkannt“, fasst der Vorsitzende Richter der 9. großen Strafkammer die Behauptungen des 31-Jährigen im Prozess um Raub, Körperverletzung und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte zusammen. Dem aber widersprechen die Zeugenaussagen. So schildern Passanten, am Tag des Schoduvel im März 2019 beobachtet zu haben, wie der Angeklagte einen offenbar betrunkenen Mann auf der Münzstraße so an der Jacke zog, dass der von einer Sitzbank zu Boden rutschte.

Der Betrunkene habe das Wort „Geldbörse“ gestammelt – woraufhin einige Passanten den Angeklagten verfolgten, ihm die Geldbörse wieder abnahmen und ihn überwältigten. Ob sie dabei handgreiflicher geworden sind als nötig, muss in einem anderen Verfahren geklärt werden. Der Angeklagte hat deshalb Strafanzeige erstattet.

Seine Version: Er habe dem Betrunkenen helfen wollen und aus dessen Hosentasche das Handy – samt Geldbörse – lediglich gezogen, um einen Krankenwagen zu rufen.

Der Mann mit Bürstenhaarschnitt und in gepflegt-weißem Hemd, der auf der Anklagebank sitzt, ist drogenabhängig und, wie er von sich selbst sagt, „kein unbeschriebenes Blatt“. Zur Tatzeit stand er unter Bewährung. Derzeit verbüßt er eine Haftstrafe.

Obwohl er die Raubtaten und damit die Hauptvorwürfe am ersten Verhandlungstag bestreitet, erhofft er sich vom Gericht eine Einweisung in eine Entziehungsanstalt. „Ich will meine Drogenkarriere beenden“, sagt er.

Einen solchen Maßregelvollzug kann das Gericht für Drogen- oder Alkoholabhängige anordnen, wenn sie zur Tatzeit schuldunfähig oder vermindert schuldfähig waren und die Gefahr besteht, dass sie wegen ihrer Sucht weiterhin straffällig werden.

Die Bedingung: Eine solche Therapie in einer geschlossenen Einrichtung, die auf die Strafe angerechnet werden kann, muss Aussicht auf Erfolg haben.

Von einer verminderten Schuldfähigkeit des 31-Jährigen geht bereits die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage aus. Die vorgeworfenen Raubtaten – Fälle von Beschaffungskriminalität?

Damit nicht genug. Nach seiner Festnahme soll der 31-Jährige auf dem Weg vom Polizeigewahrsam in die Psychiatrie im Rettungswagen randaliert und einen mitfahrenden Polizeibeamten angegriffen haben. Er selbst beruft sich auf eine Erinnerungslücke, entschuldigt sich im Gerichtssaal aber gleichwohl.

„Ich nehme Entschuldigungen selten an, aber diese klingt sehr glaubwürdig. Danke“, antwortet der Beamte. Und fügt hinzu: „Es sind immer die Drogen, es ist immer der Alkohol.“

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