Zu wenige wissen: Medikamente verhindern Ausbruch von Aids

Braunschweig.  Jürgen Hoffmann gehörte in den 1980er-Jahren zu den Mitbegründern der Braunschweiger Aidshilfe. Als Geschäftsführer geht er jetzt in den Ruhestand.

Jürgen Hoffmann verabschiedet sich als Geschäftsführer der Braunschweiger Aidshilfe in den Ruhestand. Ehrenamtlich bleibt er weiterhin aktiv.

Jürgen Hoffmann verabschiedet sich als Geschäftsführer der Braunschweiger Aidshilfe in den Ruhestand. Ehrenamtlich bleibt er weiterhin aktiv.

Foto: Philipp Ziebart/BestPixels.de

Einer seiner besten Freunde war 35 Jahre alt, als er starb. „Es hätte mich genauso treffen können“, sagt Jürgen Hoffmann. Als er 1985 gemeinsam mit zwölf anderen die Braunschweiger Aidshilfe gegründet habe, „wussten wir alle noch nicht, ob wir mit dem Virus infiziert sind“. Dass er sich nicht angesteckt habe, sei reiner Zufall.

Heute ist Jürgen Hoffmann 67. Zum Jahreswechsel scheidet er als Geschäftsführer der Aidshilfe aus, wird dem Verein aber weiterhin als Ehrenamtlicher treu bleiben.

Sein Berufsleben hat er ganz der Aidshilfe gewidmet. Untrennbar ist es mit seiner Biografie als schwuler Mann verknüpft. Nicht nur wegen der in den 1980er-Jahren um sich greifenden „Riesenangst“, sich möglicherweise angesteckt zu haben – was damals einem Todesurteil gleichkam.

Die Initiatoren der Aidshilfe trieb eine weitere Sorge um: die vor sozialer Ächtung. „Wir haben uns gefragt: Wie wird die Gesellschaft mit uns schwulen Männern jetzt umgehen?“

Homosexuelle Männer und Drogenabhängige, die verunreinigte Spritzen benutzt hatten, zählten zu den häufigsten Opfern von Aids. Die Medizin hatte dem grassierenden unbekannten Virus anfangs nichts entgegenzusetzen. „Ich habe viele Freunde und Bekannte verloren“, sagt Jürgen Hoffmann. Das sei sicherlich eine Triebfeder für sein Engagement gewesen. „Ich war gesund und hatte die Möglichkeit, etwas zu tun.“

Der Braunschweiger Verein war nach Hannover und Göttingen die dritte Aidshilfe in Niedersachsen. Hoffmann erinnert sich an eine jahrelange Panikstimmung, ja Hysterie. „Die Leute riefen reihenweise bei uns an: ob sie noch auf öffentliche Toiletten oder ins Schwimmbad gehen oder ob Mücken das Virus übertragen könnten.“

Um Menschen ihre oft ins Irrationale abgleitenden Ängste zu nehmen, habe die damalige CDU-Gesundheitsministerin Rita Süssmuth vor laufenden Fernsehkameras demonstrativ aus dem Glas eines Aidskranken getrunken.

Und auch die Mitarbeiter der Aidshilfe taten ihr Bestes, um über Ansteckungswege aufzuklären und zugleich einer unbegründeten Furcht den Stachel zu nehmen. „Es gab noch kein Internet. Unser Ziel war es, seriöse Informationen weiterzugeben.“ Hinter der Furcht lauerten Vorurteile und Diskriminierung. Als sexuell übertragbare Krankheit wurde Aids mit Begriffen wie Schuld und Moral verknüpft. Hoffmann sah darin eine große gesellschaftliche Gefahr für Homosexuelle. „Wir waren uns sicher: Wir werden abgestempelt – egal, ob wir infiziert sind oder nicht.“

35 Jahre später ist der Betriebswirt und jahrzehntelange Geschäftsführer der Aidshilfe stolz, dass Infizierte und Erkrankte in Deutschland nicht ausgegrenzt wurden. Unterstützung statt Diskriminierung – dieser Weg werde bis heute erfolgreich gegangen. „Und die Aidshilfen haben daran ihren Anteil.“ Auch darauf ist Hoffmann stolz.

Nach einer Schätzung des Robert-Koch-Instituts sind bundesweit aktuell rund 90.000 Menschen HIV- positiv, 10.600 von ihnen indes wissen nichts von ihrer Infektion.

Dieses Nichtwissen hält Hoffmann für die größte Gefahr – für die eigene Gesundheit ebenso wie für das Risiko, andere Menschen anzustecken.

Denn längst – und auch das wissen aus Hoffmanns Sicht viel zu wenig Menschen – hat HIV seinen Schrecken als todbringende Krankheit verloren.

Der medizinische Durchbruch kam mit der ersten wirksamen Kombi-Therapie Mitte der 1990er- Jahre und wurde seither immer weiter verbessert. Der wichtigste Appell der Aidshilfe heute: Lasst euch testen! Denn die modernen Medikamente senken die Viruslast bis unter die Nachweisbarkeitsgrenze.

„Wenn Menschen die Angst verlieren und zum Test gehen, können sie erreichen, dass die Krankheit gar nicht erst ausbricht.“ Und dass sie andere nicht mehr anstecken können. „Nicht nachweisbar – nicht übertragbar“, nennt Hoffmann die Faustformel. „Für HIV-positive Menschen ist das eine entlastende Botschaft“, meint Hoffmann. „Es ermöglicht ein freies Leben.“

Doch richtig angekommen scheint die Botschaft noch nicht: Nur jeder zehnte Deutsche weiß, dass Medikamente das Virus inzwischen in Schach halten können. Dagegen verbinden viele mit Aids immer noch die alten Bilder sterbender Menschen.

Auch in der Braunschweiger Aidshilfe erlebt es Hoffmann nach wie vor, dass Menschen schon ein durch das Virus geschwächtes Immunsystem haben, bevor sie sich überhaupt testen lassen.

Etwa 500 bis 600 Menschen sterben laut Hoffmann in Deutschland jährlich immer noch an Aids. Allerdings: Es waren in der Vergangenheit schon dreimal so viele.

An die Braunschweiger Aidshilfe wenden sich im Jahr rund 150 HIV- Positive. Sie kommen nicht nur aus Braunschweig. Zum Einzugsbereich des Vereins gehören ebenso Wolfenbüttel, Helmstedt, Salzgitter und Peine.

Wie gehe ich in meiner Familie, in meiner Partnerschaft oder am Arbeitsplatz mit der Diagnose um? Welche medizinischen Möglichkeiten habe ich? Das sind Fragen, die Betroffene immer wieder umtreiben.

Was auffällt: Unter den Neuinfizierten steigt der Anteil heterosexueller Frauen und Männer, während der Anteil homosexueller Männer rückläufig sei. In letzterer Gruppe scheine die Aufklärung gegriffen zu haben, glaubt Hoffmann.

Vier Haupt- und rund 50 Ehrenamtliche sind derzeit in der Aidshilfe aktiv. Sie stehen Betroffenen zur Seite, klären in Schulen oder Justizvollzugsanstalten über die Krankheit auf, holen Arbeitgeber ins Boot und setzen wie am Welt-Aids-Tag auch öffentlich Zeichen.

„Wir haben es geschafft, Diskriminierung abzubauen“, bilanziert Hoffmann. Auch persönlich habe er durch seine Arbeit gelernt, „dass man so, wie man ist, zu sich stehen kann, und dass das ein Gewinn ist“.

Sein Nachfolger Kai Zayko, seit elf Jahren Mitarbeiter der Aidshilfe, wird gleichwohl weiterhin mit irrationalen Ängsten von Menschen zu tun haben. Gut sei es, wenn sie in dieser Situation Rat bei der Aidshilfe suchten – wie jene Erzieherinnen, die ein HIV-positives Kind in ihrer Kita betreuten. „Da kommen die Ängste dann doch wieder hoch.“

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