Halle ohne Namen in Braunschweig im Belagerungszustand

Braunschweig.  Rund um den AfD-Parteitag in Braunschweig sind An- und Entspannung hochpräzise abgestimmt. Das Konzept der Polizei geht auf.

Brodelnde Enge vor der Halle, legitime Meinungsäußerungen im dafür vorgesehenen Protest-Bereich. 

Brodelnde Enge vor der Halle, legitime Meinungsäußerungen im dafür vorgesehenen Protest-Bereich. 

Foto: Peter Sierigk

Samstagmorgen um 7 auf dem Frankfurter Platz und an der Theodor-Heuss-Straße kann man noch nicht ahnen, was das heute wird. Die Nacht war ruhig, zum Glück, aber es sind eben auch paar hundert Leute da, denen das vielleicht alles ein bisschen zu ruhig ist. Sie wollen blockieren und „Faschisten angreifen“, wo sie sie treffen.

Ob die, die da gleich vom Bahnhof kommen und zur Halle ohne Namen wollen, welche sind, das weiß man nicht genau. Es könnten auch Demokraten sein, dann wär’ es etwas anderes. „Wir kriegen euch alle“, wird trotzdem skandiert.

Kommt es jetzt schon zur Konfrontation? Nein, eine kräftige Schwadron Bereitschaftspolizei in voller Montur brettert die gesperrte Theodor-Heuss-Straße runter und baut sich da sicherheitshalber mal auf. Dann noch eine.

Eine Truppe wird auf dem Gehweg postiert – so entsteht eine Gasse für die Delegierten des AfD-Bundesparteitags, der in Braunschweig über die Bühne gehen soll.

Rund um die Halle, deren Name pünktlich zur Veranstaltung verhüllt wurde, sind An- und Entspannung hochpräzise abgestimmt. Die Polizei überlässt nicht viel dem Zufall bei diesem Groß-Einsatz, der Polizeipräsident und der Einsatzleiter werden später sagen können, sie hätten alle ihre Aufträge erfüllt.

Das sind nicht wenige. Da müssen die Delegierten sicher in die Halle kommen, schließlich ist dies eine zugelassene Partei mit demokratischen Rechten. Da müssen Störer und Gewaltbereite gestoppt werden, schließlich kann man Straftaten nicht zulassen. Da müssen Demos, Kundgebungen und Versammlungen ermöglicht werden, auch in unmittelbarer Nähe zum Protest-Gegenstand, so ist das in der Demokratie.

Sie funktioniert. Mehr als 2000 Einsatzkräfte sind aufgeboten. Und am filigranen Ventil zwischen An- und Entspannung sind gut vorbereitete Profis am Werk. Als Schwarzvermummte am Morgen die Frankfurter Straße blockieren, hört man aus den Polizeilautsprechern Interessantes: Dies hier sei zwar bislang keine genehmigte Versammlung, aber nun sei es eine. Und wenn die Teilnehmer es wollten, dann könnten sie doch zu den anderen da vorne an der Halle gehen.

Und Ruhe ist. So geht das ein paar Mal an diesem Tag. Auf der Theodor-Heuss-Straße, am Lessingplatz. Feines Ventilspiel. Luft anhalten. Die Kräfte vom Konfliktmanagement der Polizei in ihren roten Westen erklären uns noch, das hätte man den Leuten doch auch ohne Lautsprecher sagen können.

Sie sind hier als Fachkräfte für Deeskalation im Einsatz. Außerdem ist man bei der Polizei ja auch voll des Lobes über die Veranstalter der Demonstrationen. Sie hätten „nachhaltig auf die Friedfertigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer“ eingewirkt.

So muss das sein. Während sie also drinnen ihren Parteitag abhalten können, steigt draußen eine der größten Demos, die diese Stadt gesehen hat. Demokratie, was willst du mehr: Zwischen Frühstück, Shopping-Mall und Weihnachtsmarkt treffen sich die Leute zur Demo, dann werden es mehr als 20.000 – und wenn die Musik auf dem Schlossplatz zu laut wird, dann geht man eben woanders hin.

Der Oberbürgermeister spricht privat zur Menschenmenge in der Innenstadt, denn als Chef der Stadtverwaltung ist er daran gehindert. „Wir sind nicht braun, wir sind nicht bräunlich, wir sind bunt und vielfältig“, ruft Ulrich Markurth. Das sollten die Millionen im Land, die jetzt auf Braunschweig schauten, wissen. In einer Erklärung am Sonntag lobt der Oberbürgermeister die Polizei, ihre Vorbereitung, das Augenmaß. Die Beamten hätten so ermöglicht, „dass viele tausend Menschen aus Braunschweig und der Region für ihre Meinung demonstrieren konnten“.

Einmal dabei, hebt er auch die Demo-Teilnehmer heraus. Sie hätten vorbildlich gezeigt, „wie friedlicher Protest, wie friedliche Auseinandersetzung mit anderen Meinungen im demokratischen Gemeinwesen aussehen kann“. Darauf kann man stolz sein.

Nur gut, dass das alles so abgegangen ist. Es reichen ja wenige, denen das zu viel Frieden, Freude und Demokratie ist.

Wer da nicht zum Zuge kommt, weil das Konzept aufgeht, der setzt sich eben an seinen Computer und schreibt ein paar Zeilen: „Polizei kesselt 30 Leute im Bürgerpark ein. Zwei Verletzte.“ Geht jetzt doch noch alles schief? Kippt die Statik? Schon tickern die ersten Kanäle die Meldung. Unsere Redaktion schickt einen Reporter hin. Der findet nichts und meldet präzise: „Fake News!“ Besser so.

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