In Braunschweig werden Bakterien erforscht und archiviert

Braunschweig.  Bakterien haben einen schlechten Ruf. Dabei machen die meisten gar nicht krank - sagt der Direktor des Leibniz-Instituts DSMZ in Stöckheim.

Blick ins Labor: eine Indikatorkulturplatte zum Nachweis von resistenten Keimen.

Blick ins Labor: eine Indikatorkulturplatte zum Nachweis von resistenten Keimen.

Foto: Daniel Karmann

Wenn wir an Bakterien denken, wollen wir am liebsten gleich zum Waschbecken eilen und uns gründlich die Hände waschen: Wir kennen Bakterien als Ursache für Durchfall und Erkältungen, haben vieles über die Pest und andere Epidemien im Kopf und auch schon einiges über multiresistente Keime gelesen.

Bakterien, das kann man wohl sagen, haben ein denkbar schlechtes Image. Zu Unrecht, wie Professor Jörg Overmann sagt, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts DSMZ, der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen. Die Gesellschaft mit 200 Mitarbeitern hat ihren Sitz auf dem Science-Campus in Stöckheim, beherbergt rund 70.000 Kulturen und Biomaterialien und gilt damit als vielfältigste Bioressourcen-Sammlung der Welt. Sie beliefert Wissenschaftler aus aller Welt mit Bakterien, Phagen, Pilzen und Zelllinien.

Der Rote Saal im Braunschweiger Residenzschloss war bestens gefüllt, als Mikrobiologe Jörg Overmann dort am Samstag erklärte: „Nur ein verschwindend geringer Anteil von weniger als 0,1 Prozent der bisher bekannten Bakterien macht krank.“ Dass Bakterien töten, sei die absolute Ausnahme. Mehr als 99,9 Prozent der bekannten Bakterien, beispielsweise in unserem Darm oder auf unserer Haut, könnten entscheidend die Gesundheit fördern oder sich in anderer Weise positiv auf den Körper auswirken.

Außerdem steckten in Bakterien andere wertvolle Eigenschaften: Manche erzeugten Strom, lösten Öl und Plastikmaterialien auf oder machten Schadstoffe unschädlich. Erfolgreich seien beispielsweise schon Altlasten mit Hilfe von Bakterien behandelt worden.

Der Mensch habe drei- bis zehnmal mehr Bakterienzellen als Körperzellen, so der Experte: „Und das ist essenziell für unsere Gesundheit.“ Allein im Darm eines jeden Menschen tummelten sich etwa 400 verschiedene Bakterienarten, die für das Gleichgewicht der Darmflora sorgten. Ein Antibiotikum, das sei bekannt, könnte dieses Gleichgewicht mächtig durcheinanderbringen – und sich laut neueren Erkenntnissen damit sogar bis auf die Psyche auswirken.

Die Erde sei ein Planet der Mikroorganismen: „Die meiste Zeit unseres Planeten war er nur von Bakterien besiedelt, fast vier Milliarden Jahre lang.“ Zum Vergleich: Den Homo sapiens gibt es erst seit 250.000 bis 300.000 Jahren. „Die Bakterien hatten viel Zeit, sich zu entwickeln und haben gelernt, sich äußerst schnell an Veränderungen anzupassen. Sie haben besonders effektive Mechanismen entwickelt zur Weitergabe genetischer Informationen“, so Overmann. Das sei auch der Grund dafür, dass sich die Zahl der resistenten Keime so rasant entwickele.

Bakterien seien überall: im Boden, in Meeren und Seen. Für das Ökosystem seien sie ein wichtiger Dienstleister. Overmann nannte ein Beispiel: „50 Prozent des Sauerstoffs auf der Erde werden von Bakterien im Meer produziert.“

Wissenschaftlich erforscht seien heutzutage rund 16.000 Bakterienarten – und damit nur ein Bruchteil der geschätzt 2,2 Milliarden Bakterienarten insgesamt. „Nimmt man eine Handvoll Erde, lassen sich allein darin rund 50.000 unterschiedliche Bakterienarten finden“, sagt Overmann. Es gebe also noch viel zu erforschen – und das Potenzial, Bakterien sinnvoll einzusetzen, sei enorm.

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