Zusammen arbeitet man weniger allein

Braunschweig.  Coworking: In „Gemeinschaftsbüros“ arbeiten Menschen aus unterschiedlichen Berufsfeldern nebeneinander – und miteinander.

Esther Kappe hat vpr fünf Jahren den „ZeitRaum“ gegründet.

Esther Kappe hat vpr fünf Jahren den „ZeitRaum“ gegründet.

Foto: Florian Kleinschmidt / BestPixels

Ein eigenes Büro ist ihnen zu teuer, zu Hause fällt ihnen die Decke auf den Kopf, sie wollen Austausch mit anderen: Die Gründe, sich in einem Coworking-Space einzumieten, sind vielfältig. Esther Kappe hat das erkannt und den „ZeitRaum“ an der Wilhelmstraße eröffnet. In Gemeinschaftsbüros wie diesem tummeln sich Menschen unterschiedlicher Berufe und arbeiten nebeneinander – und miteinander.

Die meisten von Esthers Kunden haben ein Home-Office. Aus unterschiedlichen Gründen möchten sie aber nicht nur von zu Hause aus arbeiten, sondern ab und an – oder auch dauerhaft – Zeit in einem externen Büro verbringen.

Der „ZeitRaum“ bietet ihnen die Möglichkeit dazu. Auf Tages-, Monats- oder Jahresbasis können sich Interessierte einmieten. Sie bekommen dann einen Schreibtisch, Internet, Scanner und Drucker gestellt – alles im Großraumbüro. Außerdem können sie sich in der kleinen Küchen Essen zubereiten und sich am Kaffee- und Teevorrat bedienen. Je nachdem, wie lange sie mieten, bekommen sie auch eine Firmenadresse und können das Büro rund um die Uhr nutzen. Auch ein gesonderter Konferenzraum steht ihnen zur Verfügung.

Manche arbeiten hier produktiver

Carolin Gelsomino schaut zwei Mal im Monat im Coworking-Space vorbei. Die selbstständige Übersetzerin arbeitet schon seit vielen Jahren im Home-Office. „Ich bin ein Team-Mensch. Wenn ich allein zu Hause sitze, habe ich aber nur ein ,digitales Team’“, sagt die 54-Jährige. Immer dann, wenn sie einen Szenenwechsel braucht, kommt sie deshalb in den „ZeitRaum“. Dort arbeite sie sogar produktiver als von zu Hause aus.

Diese Erfahrung hat auch Esther Kappe gemacht. Bevor sie den Coworking-Space eröffnet hat, hat sie selbst zehn Jahre lang als Journalistin im Home-Office gearbeitet. Zu Hause habe sie sich einfach nicht so gut konzentrieren können. Kleine Kinder, die Spülmaschine, der Wocheneinkauf – all das sind Ablenkungsfaktoren.

Das Coworking ist im Silicon Valley, einem der bedeutendsten Standorte der IT- und Hightech-Industrie, in den USA entstanden. Dort kamen Start-ups, Kreative und Freelancer zusammen, die einen zeitlich flexiblen Arbeitsplatz brauchten.

Die Nachfrage ist groß

Früher hat Esther Kappe selbst häufig in Coworking-Spaces gearbeitet. Dass es in Braunschweig noch keinen gab, konnte sie nicht verstehen. 2014 hat sie daher den „ZeitRaum“ eröffnet. Seitdem seien die Langzeitarbeitsplätze eigentlich immer ausgebucht.

„Für Leute, die sich für kürzere Zeit einmieten wollen, haben wir aber immer einen Platz frei“, sagt Esther. Denn genau das sei unter anderem ja auch der Sinn des Konzeptes. Wer spontan einen Arbeitsplatz braucht und sich nicht in ein Café setzen möchte, kann einfach bei ihr vorbeikommen.

Autor Mathias Schürmann definiert den Coworking-Space als integriertes und flexibles Geschäfts- und Arbeitsmodell, dessen Kernwerte Zusammenarbeit, Gemeinschaft, Nachhaltigkeit, Offenheit und Zugänglichkeit sind. Neben dem zur Verfügung gestellten Raum steht noch ein anderer Punkt im Vordergrund: der Aufbau eines Netzwerkes für Wissensaustausch, Innovation und Weiterbildung.

Carolin Gelsomino profitiert davon. „Wenn man mal nicht weiter weiß, kann man die anderen immer fragen, ob sie vielleicht jemanden kennen, der helfen kann“, sagt die Übersetzerin. Das Netzwerk im Coworking-Space habe sie schon oft weitergebracht.

Esther Kappe schwört auf die Netzwerke in den Gemeinschaftsbüros. Dass die Mieter aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen kommen, könne jedem Einzelnen nutzen. Hundetrainer, Immobilienmakler, Softwareentwickler, Studenten – alle bringen verschiedene Kenntnisse und Kontakte ein. „Hier haben sich sogar schon Firmen gegründet“, erzählt Esther.

Und auch Freundschaften gehen aus der Arbeitssituation hervor. Gerade bei den Mietern, die lange bleiben. Darauf arbeitet Esther auch aktiv hin. Einmal im Monat frühstücken alle Mieter gemeinsam. An Geburtstagen setzen sie sich für einen Kaffee zusammen, und nach Arbeitsschluss trinken sie ab und an gemeinsam ein Bier. Außerdem duzen sich im „ZeitRaum“ alle. Ganz nach dem Motto: zusammen arbeitet man weniger allein.

Beruf und Privates trennen

Auch Stefan Boysen hat einen Arbeitsplatz im Gemeinschaftsbüro gemietet – auf unbestimmte Zeit. Der Öffentlichkeitsarbeiter kommt schon seit zweieinhalb Jahren. Für ihn ist es wichtig, seinen Beruf und das Privatleben zu trennen. „So kann ich zu Hause besser leben und am Arbeitsplatz besser arbeiten“, sagt er. Für Esther Kappe bedeutet Work-Life-Balance etwas anderes: So arbeitet ihr Mann häufig vom Coworking-Space aus, und auch ihre Tochter ist häufig vor Ort.

Trotz allem: Ein Coworking-Space ist immer noch ein Großraumbüro, in dem viele Menschen arbeiten, telefonieren, quatschen und Mittagspause machen. Ein höherer Lärmpegel als im Arbeitszimmer zu Hause lässt sich dabei kaum vermeiden. „Meine Erfahrung zeigt aber, dass es leiser ist, je mehr Leute da sind“, sagt Esther Kappe. Rücksichtnahme – für Coworking-Spaces überlebenswichtig.

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