Mehr Frauen in die Politik! Brauchen wir eine Quote?

Braunschweig.  35 Prozent der Ratsleute in Braunschweig sind Frauen. Zum Frauentag wollen wir von ihnen wissen, wie ihr Anteil erhöht werden könnte.

In allen Parteien sind Männer bislang in der Mehrzahl.

In allen Parteien sind Männer bislang in der Mehrzahl.

Foto: maximmmmum / Getty Images/iStockphoto

Seit einigen Wochen wird bundesweit über eine gesetzliche Frauenquote für die Parlamente diskutiert. Im Bundestag liegt der Anteil der Frauen bei 31 Prozent, im Landtag in Hannover bei 28 Prozent und im Braunschweiger Rat bei 35 Prozent.

Brandenburg hat kürzlich ein Paritäts-Gesetz beschlossen: Zur Landtagswahl müssen alle Parteien paritätische Kandidatenlisten aufstellen, also abwechselnd Frau und Mann. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat dies auch für den niedersächsischen Landtag ins Gespräch gebracht. Ähnliche Überlegungen zu den Listen gibt es für den Bundestag. Gleichzeitig hört man hier und da die Forderung, zusätzlich in den Wahlkreisen „Tandems“ als Direktkandidaten aufzustellen, also immer eine Frau und einen Mann – erst dann werde wirkliche Parität und Gleichstellung gewährleistet, heißt es.

Wie stehen die Frauen im Rat der Stadt zu diesem Thema? Wir haben alle 19 befragt, eine von ihnen konnte aus zeitlichen Gründen nicht antworten. Hier zeigen wir ihre Meinungen im Überblick. Was einige Ratsherren zu diesem Thema sagen, können Sie in Kürze lesen.

Astrid Buchholz (BIBS):
Ich würde eine Frauenquote grundsätzlich unterstützen, offensichtlich kommen wir ohne eine Regelung nicht wirklich voran. Allerdings könnte es bei kleineren Parteien und Gruppierungen problematisch werden, überall KandidatInnen aufzustellen, solange der Frauenanteil in den Parteien noch nicht mit dem der Männer gleichgezogen hat. Daran müsste gearbeitet werden. Und mit dem „Tandem“ würde man EinzelkandidatInnen, die ohne Partei im Hintergrund für ein Direktmandat kandidieren, ausschließen. Hier wäre eine spezielle Regelung sinnvoll.

Elke Flake (Grüne):
Früher war ich skeptisch, eine verbindliche Frauenquote für kommunale Gremien und Parlamente vorzuschreiben. Inzwischen bin ich davon überzeugt, dass es nicht anders geht. Nur so werden wir einen Frauenanteil erreichen, der auch dem gesellschaftlichen Anteil entspricht. Der jetzige Anteil ist erschreckend niedrig und wird überhaupt nur deshalb erreicht, weil Parteien wie Grüne, Linke und SPD eine verbindliche Frauenquote von bis zu 50 Prozent bei der Listenaufstellung vorschreiben.

Beate Gries (Grüne):
Demokratie lebt von dem Grundgedanken, dass die Anliegen der gesamten Gesellschaft repräsentiert werden. Geschlechtergerechte Quoten sind in allen Parlamenten wesentlich, um diesen Anspruch zu erfüllen.

Susanne Hahn (SPD):
Ich muss leider feststellen, dass es anscheinend ohne entsprechende Maßgaben nicht gelingt, dass Frauen und Männer in gleichem Maßen in den Parlamenten vertreten sind. Daher ist die Diskussion über ein Paritégesetz ein Schritt in die richtige Richtung.

Annegret Ihbe (SPD):
100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts ist es an der Zeit, den nächsten Schritt in Form eines Paritäts-Gesetzes zu gehen. Wenn Frauen von den Parteien nicht aufgestellt werden, können sie auch nicht gewählt werden. In der SPD machen wir mit einem „Reißverschluss-Verfahren“ bei der Listenaufstellung gute Erfahrungen: Frauen und Männer werden immer im Wechsel aufgestellt – so haben wir erreicht, dass beide zu fast gleichen Anteilen im Rat sitzen.

Lisa-Marie Jalyschko (Grüne):
Ich befürworte ein Paritäts-Gesetz. Die strukturelle Benachteiligung von Frauen führt leider dazu, dass sich ohne verbindliche Vorgaben nichts ändert.

Christiane Jaschinski-Gaus (SPD): Ich begrüße es, durch eine geregelte Quote Frauen gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen. Gegner meinen, dies verstoße gegen den verfassungsrechtlichen Grundsatz der Wahlfreiheit: Nicht Geschlecht allein, sondern Qualifikation müsse entscheiden. Dem ist entgegenzusetzen, dass das Grundgesetz zwar die Gleichheit aller Menschen festschreibt, zur Entstehungszeit aber noch nicht einmal die Frauen selbst bestimmen durften, ob sie einer Berufstätigkeit nachgehen wollen. Seitdem hat sich das Frauenbild zum Glück überwiegend gewandelt, wenn auch nicht bei jedem. Eine garantierte Quote sichert Frauen die gleichberechtigte Teilhabe. Ohne taktische Machtspiele. Und nicht nur weil sie „Frau“ sind, sondern genauso qualifiziert Interessen ihrer Wähler/-innen vertreten können wie Männer.

Anke Kaphammel (CDU):
Nachdem die Freiwilligkeit einer paritätischen Besetzung in den unterschiedlichen Parlamenten bislang nicht ausreichend mit Erfolg beschieden war, halte ich die gesetzliche Frauenquote für geboten. Quote – welche auch immer – ist im Folgeschluss nicht mit mehr Qualität gleich zusetzen, keine Quote demzufolge aber auch nicht mit weniger. Einzig die Betrachtungsweise der zu beurteilenden politischen Sachlage erweitert sich maßgeblich, was per se begrüßenswert ist.

Antje Keller (CDU):
Als vor 100 Jahren mutige Frauen das Wahlrecht erstritten haben, ging es ihnen auch um aktive Mitbestimmung in Form von Mandaten. Freiwillige Verpflichtungen haben bislang keine nennenswerten Veränderungen gebracht. Länder wie Frankreich und Schweden zeigen, dass durch gesetzliche Regelungen der Anteil von Frauen und Männern in den Parlamenten nahezu ausgeglichen ist. Wir brauchen nach Jahrzehnten des Stillstands eine gesetzliche Regelung.

Heidemarie Mundlos (CDU):
Ich befürworte gesetzliche Quoten, aber es kommt auf die Ausgestaltung an. Unter anderem auf Basis des französischen Modells wünsche ich mir einen Dialog. Ich kann mir auch eine Regelung vorstellen, bei der sowohl Männer als auch Frauen nicht weniger als ein Drittel bei jeweils drei aufeinander folgenden Listenplätzen ausmachen dürfen. Hingegen halte ich größere Wahlkreise mit Tandems für nicht praktikabel. Um Frauen die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und ehrenamtlichem politischen Mandat zu erleichtern und den Frauenanteil wenigstens auf 40 Prozent zu steigern, halte ich eine Einrichtung beziehungsweise Verbesserung von Förderprogrammen auch finanzieller Art – insbesondere für Mütter – für unabdingbar.

Annika Naber (Grüne):
Parlamente sollen möglichst ein Abbild der Gesellschaft sein. Die Gespräche über ein Paritäts-Gesetz werden auf weibliche und männliche Geschlechter begrenzt – langfristig müsste auch das dritte Geschlecht mitgedacht werden. Da in Deutschland fast gleich viele Männer wie Frauen leben, sollten Parlamente je zu 50 Prozent mit Frauen und Männern besetzt sein. Eine Frauen-Quote ist notwendig.

Gisela Ohnesorge (Linke):
Quotierte Listen gibt es bei der Linken schon lange. Insofern ist die entsprechende Repräsentanz von Frauen in Parlamenten bei unserer Partei bereits gegeben, so auch in unserer Ratsfraktion. Aber ich sehe deutlichen Nachholbedarf bei anderen Parteien. Eine Frauenquote in den Parlamenten ist notwendig.

Nicole Palm (SPD):
Ich erachte es als sinnvoll, eine paritätische Besetzung der Listen, wie die SPD es vor Ort bereits handhabt, auch bei der Listenaufstellung für Landtags- und Bundestagskandidatinnen und -kandidaten anzuwenden. Ich bin mittlerweile der Überzeugung, dass es ohne eine gesetzliche Regelung nicht funktionieren wird, die gleiche Anzahl von Männern und Frauen in den Parlamenten zu erreichen, auch wenn ich keine glühende Anhängerin einer solchen Lösung bin.

Anke Schneider (Linke):
Für die Linke ist eine 50-prozentige-Mindestquotierung bei allen Wahlen seit ihrer Gründung selbstverständlich. Da leider die wenigsten Parteien aus freien Stücken so handeln, sind Frauen in fast allen Gremien unterrepräsentiert. Ich finde es großartig, dass der Brandenburger Landtag mit den Stimmen von Linken, SPD und Grünen ein Parité-Gesetz beschlossen hat.

Annette Schütze (SPD):
Eine Quote ist sinnvoll. Deshalb hat die SPD sowohl die Liste für die Landtagswahl als auch die aussichtsreichen Plätze bei der Ratswahl quotiert. Im Rat vertreten die SPD deshalb auch annähernd gleich viele Frauen und Männer. Bei Landtags- und Bundestagswahlen ist das durch die Direktmandate schwieriger zu erreichen. Ziel muss es sein, auf der gesamten Liste gleich viele Männer und Frauen zu platzieren. Die Auswirkungen eines Tandem-Systems müssen noch diskutiert werden: Was bedeutet es, einen doppelt so großen Wahlkreis zu betreuen, und ist das gut für die WählerInnen? Grundsätzlich würde es jedoch nicht das Problem lösen, dass Frauen sich weniger politisch engagieren als Männer.

Cornelia Seiffert (SPD):
Eine gesetzliche Frauenquote finde ich gut. Auch die Idee, „Tandems“ für die Direktkandidaten einzuführen, geht in die richtige Richtung – die Anzahl der Wahlkreise sollte hierbei aber nicht angetastet werden, denn zu große Wahlkreise werden schnell unüberschaubar.

Anneke vom Hofe (AfD):
Ich spreche mich deutlich gegen eine Frauenquote in Parlamenten aus. Für mich ist diese verfassungswidrig und steht konträr zu einer freien Wahl. Ich als Frau möchte nicht durch mein zufälliges Geschlecht, sondern aufgrund meiner Persönlichkeit und meiner Qualifikationen überzeugen. Wenn zum Beispiel bei der SPD auf Frauen, die rund ein Drittel der Mitglieder ausmachen, 40 Prozent der Parteiposten und 50 Prozent der Mandate entfallen, hat das für mich nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Wenn wir Frauen in Parlamenten mehr weibliche Vertreter haben wollen, müssen wir auch selber vermehrt aktiv in der Politik werden.

Simone Wilimzig-Wilke (SPD):
Ich stehe hinter der Forderung nach einer gesetzlichen Frauenquote. Der Landesfrauenrat gehört zu den Erstunterzeichnern des Aufrufes: „Wir brauchen alle Argumente! #mehrfrauenindieparlamente“ des Deutschen Frauenrates.

Warum sind nicht noch mehr Frauen in Parteien aktiv?

Astrid Buchholz (BIBS): Auf der kommunalen und damit ehrenamtlichen Ebene bedeutet die politische Arbeit einen enormen Zeitaufwand. Vielleicht scheuen diesen gerade Frauen, weil sie durch Beruf und Familie oft doppelt belastet sind. Wenn Parteien Strukturen wie die Grünen haben, die eine Gleichheit von Frauen und Männern herstellen, führt das dazu, dass mehr Frauen mitarbeiten – ein guter Weg.


Elke Flake (Grüne): „Quotierungs-Parteien“ haben auch unter ihren Mitgliedern einen höheren Frauenanteil als die anderen. Während es etwa bei den Grünen fast 40 Prozent sind, hat die FDP nur etwas über 20 Prozent. Für alle Parteien gilt: Ihre Arbeit folgt zu oft männlich geprägten Strukturen – Machtnetzwerke, Hierarchien, Konkurrenz, Streitkultur. Teamarbeit und Gemeinschaft kommen oft zu kurz.


Beate Gries (Grüne): Noch immer machen Frauen im Haushalt und in der Kindererziehung den Großteil der Arbeit. Dadurch fehlt es an Zeit und Energie für politische Aktivitäten. Auch schreckt der mitunter harte und aggressive verbale Schlagabtausch der männlich dominierten Parlamente viele Frauen ab. Wer Bestehendes verändern will, eckt an – Mädchen müssen bestärkt werden, Ablehnung auszuhalten.


Susanne Hahn (SPD):
Frauen dürften erst seit 100 Jahren wählen. Männer hatten viel Zeit, sich in der Politik zu vernetzen, das können Frauen nicht einfach so aufholen, zumal das Thema Kinder immer bei den Frauen behaftet bleibt.


Annegret Ihbe (SPD): In vielen Parteien herrschen noch alte Strukturen, viele Positionen werden von Männern besetzt. Das muss sich ändern. Eine von mehreren Maßnahmen, Frauen zu stärken, mehr Verantwortung und Macht zu übernehmen, sind Mentoring-Programme. Dabei werden Frauen auf dem Weg in die Politik begleitet.


Lisa-Marie Jalyschko (Grüne): Es gibt viele Gründe – alle haben mit gesellschaftlichen Rollenvorstellungen und der damit verbundenen Abwertung von Frauen zu tun. In allen Parteien werden mittelmäßige Männer oft gefördert, während von Frauen Bestleistungen erwartet werden. Hinzu kommt die ungleiche Verteilung von Ressourcen: Wer hat überhaupt Zeit, sich bei Abendveranstaltungen in Parteien zu engagieren? Wer kocht währenddessen das Abendessen für die Familie?


Christiane Jaschinski-Gaus (SPD): Ich glaube nicht, dass Frauen generell zurückhaltender sind. Sie sind nur viel mehr in traditionelle Familienmodelle eingebunden. Frauen leisten mindestens genauso viel wie Männer, manchmal sogar mehr. Nötig sind gute Rahmenbedingungen wie flexible Arbeitszeitmodelle und verlässliche Kinderbetreuung.


Anke Kaphammel (CDU): Da ist zum Beispiel die nicht gleichmäßige Belastung von Männern und Frauen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, des Weiteren die Wahrnehmung politischer Diskussionskultur bis hin zur Verteidigung erkämpfter „Pfründe“. Hier gilt es, dass besonders Frauen andere Frauen ermutigen, sich einzubringen.


Antje Keller (CDU): Frauen müssen sich mehr zutrauen. Wenn Frauen bereit sind, sich neben Familie, Beruf und Freunden politisch in Parteien zu engagieren, sollte ihre politische Mitarbeit gefördert werden und mehr Anerkennung finden.


Heidemarie Mundlos (CDU): Das Interesse an Politik scheint bei Männern ausgeprägter zu sein. Man sollte Frauen ermutigen, in Parteien einzutreten. Die Chancen waren noch nie so gut wie jetzt, auch angesichts von Quotenregelungen!


Annika Naber (Grüne): Eine paritätische Besetzung der Parlamente setzt voraus, dass in einer Partei Geschlechtergerechtigkeit gelebt wird, auf die persönliche Begeisterung für politische Arbeit treffen kann.


Gisela Ohnesorge (Linke): Es ist schwierig, Familie/Kinder mit politischen Terminen (oft am Wochenende) zu vereinbaren. Frauen wird Männerdominanz oft deutlich: So werden Beiträge von Frauen erst wahrgenommen, wenn ein Mann sie wiederholt hat, und dann als Beitrag des Mannes gewertet. Frauen wollen Harmonie. Deshalb scheuen sie die Arbeit in Parteien, die oft von Kontroversen geprägt ist.


Nicole Palm (SPD): Machtstrukturen sind nach wie vor männlich geprägt. Da müssen sich Frauen ihre Position oftmals erst erarbeiten, gerade, wenn sie in vermeintlich klassische Männerdomänen vordringen. Generell stehen Frauen immer noch vor der Herausforderung Job, Familie und politisches Engagement unter einen Hut zu bringen.


Anke Schneider (Linke): Das Problem liegt teilweise noch in traditionellen Rollenmustern. Alle demokratischen Parteien sollten Themen, die besonders Frauen betreffen, ernstnehmen, Frauen bestmöglich fördern und ihre innerparteiliche Kultur weiterentwickeln.


Annette Schütze (SPD):
Parteiarbeit nimmt viel Zeit in Anspruch. Zeit fehlt jedoch den Frauen oftmals, da sie den Hauptanteil der Erziehungs- und Hausarbeit übernehmen. Oft mangelt es an weiblichen Vorbildern jenseits großer Persönlichkeiten. Daher ist ein Mentorenprogramm sinnvoll. Frauen würden auch von einer Personalpolitik in Parteien profitieren, die alle Fähigkeiten (berufliche, ehrenamtliche, lebenspraktische) berücksichtigt.


Cornelia Seiffert (SPD):
Viele Frauen scheuen aufgrund ihrer Familienplanung und der traditionellen Rollenbilder noch immer den Weg in die Politik. Gerade ehrenamtliche Tätigkeiten wie ein Ratsmandat erfordern viel Arbeit – auch in den Abendstunden. Hier sollten sich Männer und Frauen in ihrer jeweiligen Karriereplanung unterstützen.

Anneke vom Hofe (AfD): Ich habe den Eindruck, dass Frauen sich weniger für Politik und Politikarbeit begeistern können. Das muss sich ändern: Wenn wir Politik beeinflussen wollen, müssen wir in Parteien eintreten und am politischen Leben teilnehmen. Wenn Frauen nicht im gleichen Umfang wie Männer bereit sind, politische Parteiarbeit zu leisten, haben sie auch nicht im gleichen Umfang Mandate verdient.


Simone Wilimzig-Wilke (SPD):
Frauen übernehmen häufig den Hauptteil der „Sorgearbeit“. Zudem führen unsichtbare Hürden wie mangelhafte Einbindung in informelle Entscheidungs- und Machtstrukturen und subtile Diskriminierung dazu, dass Frauen sich weniger in Parteien engagieren. Auch sind Männer dominanter, etwa bei Redebeiträgen. Positive Vorbilder und das Netzwerken sind wichtig.

Was wäre bei mehr Frauen in der Politik anders?

Astrid Buchholz (BIBS): Frauen sind nicht prinzipiell bessere Menschen als Männer, und ein Mangel an Rückgrat und Gradlinigkeit ist bei allen Geschlechtern anzutreffen. Es wird also nicht alles „paradiesisch“, wenn Frauen entsprechend ihres Bevölkerungsanteils vertreten wären. Aber im Umgang und in der Kommunikation würde sich einiges ändern. Inhaltlich würden Themen wie die Entlohnung von Pflegeberufen und ErzieherInnen vielleicht mehr Gewicht bekommen. Und um ein aktuelles Beispiel zu nehmen: Den Paragraf 219a gibt es nur deshalb noch, weil die Politik mehrheitlich von Männern bestimmt wird.


Elke Flake (Grüne): Frauen sind keine besseren Menschen, trotzdem dürfte sich bei einer gleichgeschlechtlichen Verteilung vieles ändern. Dann spielen wahrscheinlich im Rat Themen wie Bildung, Familie, Kinderbetreuung, Umwelt oder das soziale Zusammenleben mindestens so eine wichtige Rolle wie Stadtplanung, Verkehr, Sport oder Feuerwehr. Bei Diskussionen könnten mehr Teamgeist, gemeinsames Ringen um Lösungen sowie Kompromissbereitschaft die Rechthabe-Politik und die ums Prinzip geführten Antrags-Machtkämpfe ablösen.


Beate Gries (Grüne): Frauen „klüngeln“ weniger in Hinterzimmern. Rangordnung, Macht und Geltungsdrang sind weniger ausgeprägt. Wenn Frauen und Männer zu gleichen Teilen gestalten, erwarte ich eine andere Themensetzung.


Susanne Hahn (SPD): Die Debattenzeit würde sich verkürzen. Frauen wiederholen sich nicht immer oder erzählen alles doppelt und dreifach. Die Arbeit wäre konstruktiver, effizienter und freundlicher.


Annegret Ihbe (SPD): Die Kommunalpolitik braucht Frauen und Männer, die ihre Erfahrungen aus unterschiedlichen Altersgruppen, Lebensbedingungen und Berufsgruppen einbringen können. Politik profitiert von den Kompetenzen der Frauen in der Finanz-, Wirtschaftspolitik, Schul- und Sportpolitik.

Lisa-Marie Jalyschko (Grüne): Politische Partizipation ist ein Schritt hin zum Abbau ungleicher Machtverhältnisse. Demokratie heißt nicht nur, dass jede*r mitspielen darf, sondern auch, dass alle die Spielregeln mitbestimmen.


Christiane Jaschinski-Gaus (SPD): Frauen bringen oft andere gesellschaftliche und soziale Erfahrungshorizonte mit. Das ermöglicht es, Sachverhalte auch einmal aus anderer Sicht zu diskutieren, etwa bei Themen wie Kita und Schule.


Anke Kaphammel (CDU): Eine stärkere weibliche, von anderen Umständen und Lebenserfahrungen geprägte Sichtweise würde sicher zu anderen Ergebnissen durch veränderte Kommunikation führen.


Antje Keller (CDU): Wir würden der Gleichberechtigung nach Artikel 3 des Grundgesetzes durch die Gleichstellung von Männern und Frauen in den Parlamenten einen großen Schritt näherkommen.


Heidemarie Mundlos (CDU): Vermutlich würde sich nicht so viel ändern, denn so unterschiedlich agieren Frauen und Männer in der Politik im Normalfall nicht, von Ausnahmen abgesehen: Eine Frau Putin oder Frau Trump würden vermutlich anders regieren. Frauen bringen aber durchaus auch andere und bisher unberücksichtigte Gesichtspunkte in Diskussionen ein.


Annika Naber (Grüne): Ich erlebe die Beratungen in den Ausschüssen des Rates so, dass Frauen eine Auseinandersetzung durch das Aufwerfen von Fragen führen, die wiederum zu einem Dialog führen. Nicht selten entstehen dadurch andere Ergebnisse als erwartet.


Gisela Ohnesorge (Linke): Langfristig würde ein höherer Frauenanteil wohl zu einer Veränderung in der Auseinandersetzung führen. Wobei es ein Fehler wäre, davon auszugehen, dass Frauen generell die besseren Menschen seien. Frauen pflegen aber einen anderen Diskussionsstil, sie haben häufig eine andere Perspektive. Damit würden auch Bereiche in den Vordergrund geraten, die momentan weniger beachtet werden. Der Stellenwert des Sozialbereiches wäre wohl höher.


Nicole Palm (SPD): Ich erlebe Frauen oft als kompromissbereiter und kommunikativer. Aus meinem beruflichen Kontext weiß ich, dass Frauen oft stärker teamorientiert arbeiten und bei der Entwicklung von Lösungen und der Entscheidungsfindung die operativen Ebenen mehr einbeziehen. Nach meiner Erfahrung lassen sich so Lösungen erzielen, die von möglichst vielen Beteiligten mit getragen werden.


Anke Schneider (Linke): Ein höherer Frauenanteil würde sich in den Abstimmungsergebnissen niederschlagen, ich denke dabei zum Beispiel an die kürzlich geführte Debatte über die Paragraphen 219a und 218 oder an Maßnahmen zur Sicherung einer gleichen Entlohnung. Dass Frauen auch eine andere Diskussionskultur mitbringen, kann man in den Parlamenten und auch im Rat heute schon beobachten.


Annette Schütze (SPD): Bei einem größeren Frauenanteil würde eine Schwerpunktverschiebung stattfinden. Wohin die gehen würde, wäre eine spannende Frage. Frauen sollten zudem mehr Netzwerkarbeit betreiben und Allianzen schmieden, auch über Parteigrenzen hinweg.


Cornelia Seiffert (SPD): Ob eine Quote für ein anderes Miteinander sorgen würde, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich denke, dass verschiedene Faktoren Einfluss auf die kollegiale Zusammenarbeit haben, nicht nur das Geschlecht.


Anneke vom Hofe (AfD): Es wird wohl weniger vom Geschlecht als mehr vom Lebensstil, Lebensstandard, Wohnort, Beruf und der politischen Einstellung abhängen, welche politischen Ziele vom Einzelnen verfolgt werden. Die Ergebnisse, die in einem Parlament erarbeitet werden, sind also von den Mehrheitsverhältnissen, den einzelnen Persönlichkeiten und dem Umfeld (Dorf, Stadt, Bundesland, ...) geprägt. Eine Reduzierung auf das Geschlecht ist nicht zielführend.


Simone Wilimzig-Wilke (SPD): Aus der Wirtschaft weiß man, dass gemischte Teams bessere Entscheidungen treffen. Mehr Frauen bedeutet, verschiedene Lebenswelten besser zu vertreten. Gesetzesentwürfe und Beschlüsse würden sich stärker verändern, im Besonderen bei Themen wie der Betreuung von Kindern und Angehörigen.

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