Aids – die Angst vor Ansteckung sitzt tief

Braunschweig.   Ob beim Zahnarzt oder im Job: HIV-infizierte Menschen werden im Alltag häufig diskriminiert. Dies ist Thema einer Fachtagung in Braunschweig.

Im Krankenhaus ziehe sich mancher Mitarbeiter lieber zwei Paar Handschuhe über, wenn ein Patient mit HIV-Infektion behandelt werden muss, sagt Kerstin Mörsch von der Aidshilfe.

Im Krankenhaus ziehe sich mancher Mitarbeiter lieber zwei Paar Handschuhe über, wenn ein Patient mit HIV-Infektion behandelt werden muss, sagt Kerstin Mörsch von der Aidshilfe.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

Die Diagnose „HIV-positiv“ verändert mit einem Schlag das ganze Leben. Zwar besitzen die Betroffenen dank gravierender Fortschritte in der Medizin eine fast normale Lebenserwartung bei rechtzeitiger Behandlung. Die Zahl der Viren im Blut sei durch Medikamente derart gering, dass der HIV-Infizierte nicht einmal mehr ansteckend sei, erklärt Jürgen Hofmann, Geschäftsführer der Braunschweiger Aidshilfe.

In der Öffentlichkeit aber sei die Angst vor Ansteckung immer noch enorm groß – und das bekämen die Infizierten immer wieder im Alltag zu spüren.

„HIV-Infizierte erleben häufig Diskriminierung und Benachteiligung in ganz unterschiedlichen Bereichen“, weiß auch Kerstin Mörsch aus ihrer Arbeit als Koordinatorin der Antidiskriminierungsarbeit bei der Deutschen Aidshilfe in Berlin. Sie nimmt an der Fachtagung „Antidiskriminierungsarbeit in Aidshilfen“ teil, die derzeit in Braunschweig stattfindet. Was sind die Gründe für die Diskriminierung, und wie kann man das ändern? Mit Fragen wie diesen beschäftigen sich die rund 90 Teilnehmer aus der ganzen Bundesrepublik.

Besonders häufig würden Betroffene mit Vorurteilen und Vorbehalten im Gesundheitswesen konfrontiert, sagt Kerstin Mörsch. Zum Beispiel, wenn ein HIV-infizierter Patient ins Krankenhaus kommt oder eine Behandlung beim Zahnarzt benötigt. „Da wird die Behandlung verweigert, sie bekommen bei der Terminvergabe immer nur am Ende der Sprechzeit einen Termin, nach ihnen wird die ganze Praxis desinfiziert, die Mitarbeiter tragen zwei Paar Handschuhe übereinander“, zählt sie Beispiele auf und erklärt: „Derartige Hygienemaßnahmen sind übertrieben und überhaupt nicht notwendig. Sie führen aber dazu, dass die Betroffenen sich fühlen wie Aussätzige.“ Diskriminierung mache ihnen das Leben schwer und führe auch dazu, dass einige ihre Infektion lieber verheimlichten.

Rund 100 Beschwerden über Diskriminierung landen bei Kerstin Mörsch pro Jahr auf dem Schreibtisch. „Das ist sicherlich nur die kleine Spitze des Eisberges“, vermutet sie. Auch im Erwerbsleben würden HIV-infizierte Menschen oft benachteiligt. „Gerade bei Einstellungsverfahren im Gesundheitswesen, bei Fluggesellschaften und der Polizei wird gerne ein HIV-Test verlangt oder die Bewerber werden gefragt, ob sie infiziert sind“, so die Expertin.

Dabei sei das gar nicht erlaubt, ergänzt Jürgen Hoffmann und stellt klar: „Der HIV-Status ist für die berufliche Tätigkeit nicht relevant.“ HIV-positive Beschäftigte seien nicht weniger belastbar oder leistungsfähig.

Hoffmann betont: „HIV ist schwer übertragbar. Im alltäglichen beruflichen Miteinander und im Arbeitsalltag besteht keine Infektionsgefahr. Auch nicht in Bereichen wie der Pflege, der Kinderbetreuung oder Gastronomie.“ Selbst im Erste-Hilfe Fall reichten die üblichen Hygienevorschriften aus, um eine Übertragung zu verhindern. Er vermutet, dass die Bilder von Aids-Kampagnen aus den späten 80er und frühen 90er Jahren die Angst vor Aids stark geprägt haben. „Der medizinische Stand aber ist ein ganz anderer als damals“, sagt Hoffmann.

Die Aidshilfen wollen darüber verstärkt aufklären. Die Deutsche Aidshilfe hat in diesem Jahr mit großen Unternehmen wie IBM die Aktion „Respekt und Selbstverständlichkeit: Für einen diskriminierungsfreien Umgang mit HIV-positiven Menschen im Arbeitsleben“ gestartet. Bundesweit werden Betriebe gesucht, die mit gutem Beispiel vorangehen wollen. Die Braunschweiger Aidshilfe hatte bereits zu ihrem 30. Geburtstag im Jahr 2015 unter dem Motto „30 Jahre – 30 Partner“ Arbeitgeber aus der Region aufgerufen, ein Zeichen zu setzen.

Das sei harte Aufklärungsarbeit gewesen, räumt Jürgen Hoffmann ein. Um so mehr freut er sich, dass mittlerweile sogar 60 Betriebe gefunden wurden, die sich beteiligen. Das neue Ziel: „Bis Ende 2019 wollen wir die Kampagne auf 100 Betriebe ausweiten“, plant Hoffmann.

Fakten

- In Deutschland leben rund 88 000 Menschen mit HIV. HIV steht für „Humanes Immundefizienz-Virus“.

- HIV schädigt die körpereigenen Abwehrkräfte, also das Immunsystem. So kann der Körper Krankheitserreger nicht mehr so erfolgreich bekämpfen. Im schlimmsten Fall treten lebensbedrohliche Erkrankungen auf. Dann spricht man von Aids („Acquired Immune Deficiency Syndrome“).

-Mittlerweile gibt es wirkungsvolle Medikamente, die die Vermehrung der Viren im Blut verhindern, sie aber nicht vollständig entfernen. So können die meisten HIV-infizierten Menschen lange Zeit mit dem Virus leben, ohne an Aids zu erkranken.

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