Musikalisch den Wolf in sich entdecken

Braunschweig.  Das TU-Orchester und Götz van Ooyen betreiben Wildschutz im Audimax. das Konzert ist noch einmal heute zu erleben!

TU-Orchester mit Götz van Ooyen 

TU-Orchester mit Götz van Ooyen 

Foto: Rainer Sliepen

Zu einer längst fälligen Informationsveranstaltung hatte das Orchester der TU Braunschweig mit seinem Leiter Markus Lüdke geladen. Thema: „Der Problemwolf“, Unterzeile „Musik im Schafsfell.“ Und wie man es bei einem gesellschaftlich brisanten Thema erwarten kann, war das Audimax fast bis auf den letzten Platz besetzt.

Als Experte anwesend Götz van Ooyen, Jäger und brillanter Kommunikator. Vom Hochsitz gab der in grünes Tuch gewandete Nimrod die Richtung vor: „Ein Riss geht durch die Gesellschaft und auch durch Sie, liebes Publikum.“ Schuld seien Begriffe wie Obergrenze, Abschottung, Minderheitenschutz. Man ahnt: Die Migration. „Nein“, sagt van Ooyen, „nicht der Syrer, der Wolf ist der Eindringling“.

Der Boden der Polarisierung sei bereitet in der Region zwischen Wolfsburg und Wolfenbüttel. Das Publikum nickt, obwohl auf Befragen niemand bisher einen Wolf in freier Wildbahn gesehen hat. Dennoch, Prävention tue not. Der Wolf stehe für das Animalische, Düstere, Bedrohliche. Carl Maria von Weber hat in seiner „Freischütz“-Ouvertüre dieser Dämonie Gestalt gegeben. Was liedhaft beginnt, leitet über zu unheimlich heraufgeschleuderten Tonfolgen, die sich in einer wahrhaftigen Explosion des Orchesterklangs erfüllen. Die ersehnte Auflösung des Bösen in ein jubelndes Erlösungsmotiv beeindruckt die Zuhörer, nicht aber van Ooyen.

Der konfrontiert seine erschauernden Zuhörer mit Ratschlägen für eine Begegnung mit dem Wolf. „Spüren Sie nicht das Wölfische in sich selbst?“ Dominanzgehabe? Kinderaufzucht? Soziale Rangfolge? Deshalb: Waffe im Anschlag, Zähne gefletscht, Schwanz hoch und dann Attacke. Und schließlich eine Demonstration, wie man den Wolf matt setzt. Tritte in den Bauch, blitzschnelle Drehungen, den Wolf am Schwanz gepackt und zu Boden geschleudert. „Das üben wir jetzt mal“. Und das Publikum dreht und wendet sich.

Der Wolf hat verspielt. Wirklich? Da brüllt es im Orchester auf. Der Wolf! Sergej Rachmaninow hat ihm in „Le Chaperon rouge“ (Rotkäppchen) ein orchestrales Denkmal gesetzt. Ein furchterregendes Spiel zwischen dem arglos tändelnden Kind und der Bestie. Atemlos hetzt das dahin. Der Kontrast fasziniert. Dann Waldesromantik. Das Orchester singt Webers „Jägerchor“ voller Inbrunst und jagdlichem Schwung.

Auch Henri Dutilleux hat in einem Ballett die Persönlichkeit des Wolfs vertont. Der Mensch als Wolf. La Belle et la Bête (Die Schöne und das Biest). Das Orchester malt in wunderbaren Farben das Geheimnisvolle, die Auflösung der Grenzen zwischen Bösem und Gutem. Und da wird die Botschaft deutlich. Der Wolf als Mitgeschöpf. Kein Feind. Tragen wir die Vorurteile zu Grabe.

Wie die Tiere des Waldes den Jäger zu Grabe tragen. Gustav Mahler hat das in seiner 1. Sinfonie als Trauermarsch komponiert. Voller Ironie, mit Klezmer-Elementen, durchwirkt von lyrischer Schönheit. Still verlöscht der Satz in der Ferne.

Viel zu hören, viel zu denken. Langer Beifall für Konzeption und Ausführung eines ungewöhnlichen Konzerts.

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