Startschuss für Radverkehr-Kampagne?

Braunschweig  Bei einer Diskussion geht es darum, wie das Fahrradfahren in Braunschweig weiter vorangebracht werden kann.

Mit der „Critical Mass“ zeigen Radfahrer, dass sie trotz der Dominanz der Autos auch Raum auf den Straßen beanspruchen. Die Aktion findet in Braunschweig jeden Monat einmal statt – immer am letzten Freitag. Start ist jeweils 19 Uhr am Hauptbahnhof.

Mit der „Critical Mass“ zeigen Radfahrer, dass sie trotz der Dominanz der Autos auch Raum auf den Straßen beanspruchen. Die Aktion findet in Braunschweig jeden Monat einmal statt – immer am letzten Freitag. Start ist jeweils 19 Uhr am Hauptbahnhof.

Foto: Thomas Ammerpohl

Ist Braunschweig schon fahrradfreundlich – oder geht noch mehr? Diese Frage war am Donnerstag Thema einer Diskussion im Haus der Kulturen. Eingeladen hatten der VCD (ökologischer Verkehrsclub Deutschland), der ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub) und das Braunschweiger Forum. Als Gastredner sprach Heinrich Strößenreuther. Der Fahrradaktivist hatte 2016 in Berlin den „Volksentscheid Fahrrad“ initiiert und dort mit Tausenden Mitstreitern ein Landesgesetz zur kräftigen Förderung des Radverkehrs auf den Weg gebracht.

Ihn treibt vor allem eines an: Klimaschutz. Schon jetzt sei klar, dass zum Beispiel der pazifische Inselstaat Kiribati wegen des steigenden Meeresspiegels versinken werde – die Bewohner müssen flüchten. „Das ist der Grund, warum ich Fahrradaktivist bin!“, sagte Strößenreuther. „Wir brauchen eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad.“ Das heißt: Der Kohlendioxid-Ausstoß muss sinken.

Ein Schritt in diese Richtung: weniger Autoverkehr, mehr Radverkehr. Damit ist aus seiner Sicht ein Konflikt um die vorhandenen Flächen in den Städten unausweichlich. Radfahrer brauchen Platz – und der muss in der Regel den Autofahrern genommen werden. „Dieses Problem ist so groß, dass unsere Politiker es nicht allein lösen können. Sie glauben nämlich, dass sie abgewählt werden, sobald sie etwas gegen Autofahrer machen. Deshalb müssen wir ihnen helfen.“ Wie diese Hilfe aussehen kann, hat Strößenreuther mit mehreren Aktionen in Berlin gezeigt. So hat er zum Beispiel eine App entwickelt, mit der man Falschparker anzeigen kann, die Radwege und andere Bereiche blockieren. Er hat eine Petition für höhere Bußgelder bei Falschparken gestartet. Er hat Mahnwachen für Radfahrer organisiert, die bei Unfällen gestorben sind. Und er hat es geschafft, unzählige Menschen zu aktivieren, so dass innerhalb weniger Wochen rund 105 000 Unterschriften für den millionenschweren Ausbau des Radverkehrs in Berlin zusammengekommen sind.

Das Programm sieht unter anderem vor, etliche Parkplätze an Straßen für den Bau geschützter Radspuren zu beseitigen. Der Berliner Senat hat das Gesetz beschlossen, die Zustimmung des Abgeordnetenhauses gilt nur noch als Formsache.

Als früherer Greenpeace-Aktivist weiß Strößenreuther, wie man Kampagnen aufzieht und Menschen mitreißt. Seine Botschaft kam bei den rund 100 Zuhörern im Haus der Kulturen gut an. „Das ist Eure Stadt“, sagte er. „Ihr müsst entscheiden, was Ihr von Braunschweig erwartet. Eure Politiker müssen vor Euch mehr Angst haben als vor den Autofahrern!“

Im Publikum saßen viele, die den Radverkehr in Braunschweig vorantreiben wollen. Manch einer träumte an diesem Abend schon davon, nach dem Berliner Vorbild auch hier einen Bürgerentscheid zu initiieren. „Wir sollten uns kurzfristig treffen“, forderte einer der Zuhörer.

Strößenreuther, der auch viele Städte, Verbände und Unternehmen berät, machte deutlich, dass es klarer Ziele bedarf, wenn man solch eine Kampagne plane. Und er warnte davor, unüberlegt auf Konfrontation zu setzen: „Ich

habe gehört, dass Euer Oberbürgermeister gern Fahrrad fährt. Vielleicht ist er offen für Euer Anliegen – dann ist eine Kooperationsstrategie viel besser. Zieht ihn auf Eure Seite.“ Er betonte zudem: „Es geht nicht um ein Gegeneinander von Radfahrern und Autofahrern. Es geht um ein neues Miteinander mit einer neuen Flächenaufteilung.“ Wichtig sei, dass sich eine initiale Gruppe zusammenfinde, wenn etwas verändert werden solle.

Die Bereitschaft dazu ist in Braunschweig offensichtlich da. Aus dem Publikum hieß es: „Ich habe den Eindruck, dass wir uns oft verzetteln. Wir brauchen mehr Stringenz.“ Hans-Jürgen Voss vom VCD sagte abschließend: „Bisher sind wir immer einzeln losgegangen. Wir müssen jetzt schauen, was wir zusammen umsetzen können.“

KOMMENTAR

Verbündet Euch!

Radfahren in Braunschweig kann Spaß machen: auf dem Ringgleis, auf Fahrradstraßen wie im Univiertel, auf breiten Radwegen wie an der Kurt-Schumacher-Straße oder auf Einbahnstraßen, die man in entgegengesetzter Richtung durchfahren darf.

Radfahren in Braunschweig kann aber auch verärgern: Es ist unbegreiflich, warum der Platz vorm Hauptbahnhof seit Jahren wie ein wüster Fahrrad-Schrottplatz aussehen muss. Ebenso bleibt unverständlich, warum Fahrradampeln neuerdings mit Pfeilen ausgerüstet werden, die nur verwirren, weil sich ihr Sinn nicht erschließt.

Und Radfahren in Braunschweig kann sogar Angst machen: Wer auf vermeintlichen Schutzstreifen unterwegs ist, fühlt sich oft schutzlos ausgeliefert. Wie Hohn wirkt es, dass etwa an der Museumstraße nebenan ein meist verwaister Fußweg mit den Ausmaßen eines Boulevards für Radfahrer tabu ist.

Kurzum, die Stadt macht schon viel für Radfahrer, aber längst nicht genug. Mehr Druck auf Politik und Verwaltung ist nötig – und die Zeit dafür ist ideal: Es liegt viel Schwung in der Luft, das zeigen Aktionen wie die monatliche „Critical Mass“ und das dreiwöchige Stadtradeln, an dem sich Braunschweig in diesem Jahr wieder beteiligen will. Außerdem war der Radverkehr ein großes Thema der Bürgerbeteiligung „Denk Deine Stadt“. Deren Ergebnisse sollen noch in diesem Jahr in ein Stadtentwicklungskonzept mit der Perspektive 2030 einfließen. Also, Freunde des Radfahrens, verbündet Euch!

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