(Nicht nur) Blau-gelbe Fußballgeschichten

Braunschweig  Philip Grözinger und Wolfgang Siesing zeigen ihre Bilder über „Heldentage“ der Eintracht in der Hagen-Kemenate

Philip Grözinger (links), sein Breitner-Porträt und Wolfgang Siesing.

Philip Grözinger (links), sein Breitner-Porträt und Wolfgang Siesing.

Foto: Berger

Alles Eintracht, oder was? Der Hype um den stolzen Braunschweiger Fußballclub ist nun auch in der alten, kleinen Hagen-Kemenate angekommen. Die Künstler Philip Grözinger und Wolfgang Siesing zeigen dort im schmalen Gang des ersten Stocks, dem „Spielergang“, wie Eintracht-Vize Rainer Ottinger es zur Eröffnung nannte, ihre Kunststücke zum Thema „Heldentage“. Sie wollen Mythen der Fußballgeschichte, speziell natürlich der von Eintracht Braunschweig, aber auch der Weltgeschichte beleuchten.

Da glänzen mannshohe Fotos der derzeitigen Spieler Boland, Kumbela, Nyman und Baffo, wie sie Siesing, inzwischen schon lange in Berlin lebender Fotograf und Reporter, erfasst hat. Der 56-jährige geborene Braunschweiger ist natürlich Eintracht-Fan, sein Großonkel war mal Torwart des Vereins. Ein Foto von ihm zeigt die Elf von 1914 auf dem Franzschen Feld. Ein roter Ball scheint seinen Abdruck darauf gelassen zu haben. „Wenig später mussten sie in den Krieg, manche starben“, sagt Siesing, der selbst als Kriegsreporter u. a. in Afghanistan und Irak gearbeitet hat. Ihre „Heldentage“-Schau, so betonen die beiden Künstler, sind keine reine Verherrlichung, es seien eben überall Verfremdungen drin, die zum Weiterdenken anregen sollen.

„Fußball ist ein gesellschaftliches Phänomen, daran lässt sich viel zeigen“, erklärt Grözinger, der als Sohn des bekannten Braunschweiger Grafikdesigners Klaus Grözinger in einem kulturbeflissenen Elternhaus aufwuchs. „Fernsehen hatten wir nicht, um die WM-Spiele zu sehen, musste ich zum Nachbarn gehen.“ Als Kind faszinierten ihn die Massen, die plötzlich Richtung Stadion strömten. So wurde er Fan, trainiert die Jugendmannschaft seines Sohnes und kommt noch heute zu den Eintracht-Spielen aus Berlin rüber (während Siesing sie nun mit einer Handvoll Gleichgesinnter in einer Berliner Sky-Kneipe guckt). Den Eintracht-Hype erklärt sich Grözinger so: „Es gibt nicht mehr viel, auf was sich eine Gesellschaft einigen kann, so viele Medien, so viele Angebote, der ,Tatort’ auch nicht mehr so gut, aber manchmal möchten sich die Menschen eben doch um das gemeinsame Feuer versammeln: Das ist jetzt beim Fußball. Da kann ja auch jeder mitreden. Kunst und Theater haben sich allzuoft zu geschlossenen Diskursen entwickelt, wer deren Sprache nicht spricht, ist draußen.“

In der Kemenaten-Schau können zumindest Fußball-Kenntnisse nichts schaden. Den schwarzen Wuschel Breitner im Holzschnitt erkennt jeder. Der Eintracht-Mythos vom Star, der nie ankam. Grözinger lässt sein Gesicht schwarz, introvertiert, es zählt nur das weiße Trikot, der Job, wie’s darinnen aussieht, geht niemand was an. Die Hintergrundschraffur bildet ein Kreuz, der Held im Mittelpunkt war auch ein Opfer.

Dem bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Eintracht-Spieler Lutz Eigendorf fliegen die rosa Wrackteile ums Haupt wie ein Heiligenschein. Von der Stasi gejagt, wie der DDR-Flüchtling war, umranken seinen Tod Mysterien von Mord und Verschwörung.

Grözinger malt seine Porträts ohne Ähnlichkeitswert, die Gesichter wirken kindlich verschwommen, als seien die Menschen unschuldige Projektionsflächen. Blond und blauäugig hält sein typisierter Eintracht-Spieler die Meisterschale von 1967 am unteren Bildrand, ein quasi blau-gelber Eintracht-Prototyp, dem Siesings Foto des schwarzen Kumbela zur Seite gehängt ist. „ Das ist natürlich Absicht. Wir machen hier keine politische Kunst, aber nehmen schon gesellschaftlich Position. Der Fußball ist heute international“, erklärt Grözinger.

Er ist allerdings noch erstaunlich männlich – keine Frau in der Schau, wo längst Frauen die Stadiontribünen füllen. Das heldenhafte Coming-Out Hitzlspergers fehlt. Auch das falsche Heldentum der Ultras, Randalierer, Pyrotechniker kommt nicht vor. „Wir wollen denen nicht noch zusätzlich Raum geben“, sagt Grözinger und lobt die aufklärerische Fan-Arbeit der Eintracht.

Die Ausstellung eröffnet Sonntag, 18Uhr, in St. Andreas, hängt aber in der Hagen-Kemenate, Hagenbrücke 5, Di.-Sa. 10-17, So. 11-17 Uhr.

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