Manchmal fehlen sogar Nasentropfen

Braunschweig  Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Der Chefapotheker des Klinikums hofft auf ein Umdenken der Kostenträger.

Die Klinikum-Apotheker Barbara Ksinsik und Hartmut Vaitiekunas kämpfen täglich gegen Lieferengpässe bei Medikamenten an.

Foto: Bettina Thoenes

Die Klinikum-Apotheker Barbara Ksinsik und Hartmut Vaitiekunas kämpfen täglich gegen Lieferengpässe bei Medikamenten an. Foto: Bettina Thoenes

Gerade fehlte es im Braunschweiger Klinikum an Nasentropfen. Für Apothekerin Barbara Ksinsik, in der Krankenhaus-Apotheke zuständig für Einkauf und Logistik, gehört das Händeln solcher Lieferengpässe selbst bei Allerweltsmedikamenten wie Abführzäpfchen oder Eisenpräparaten längst zum täglichen Geschäft. Manchmal bleiben erwartete Lieferungen drei Tage aus, manchmal auch Monate. Eine Nebenwirkung für Ksinsik und ihre Kollegen: „Es macht viel Arbeit, nach passenden Ersatzmedikamenten zu suchen.“

Doch auch die Medikamentensicherheit leidet nach den Worten des Klinikum-Chefapothekers Hartmut Vaitiekunas unter dem Ausbleiben wichtiger Medikamente und dem erzwungenen Ausweichen auf Ersatzpräparate.

Verantwortlich für diese zermürbende und seit Jahren anhaltende Unsicherheit, ob benötigte Medikamente wie geordert geliefert werden oder nicht, macht Vaitiekunas im Interview mit unserer Zeitung den Kostendruck der Krankenkassen. „Wenn die Pharmaindustrie kein Geld mehr verdient, haben wir ein Problem“, fordert der Chefapotheker ein Umdenken der Kostenträger.

Herr Vaitiekunas, Sie hoffen auf ein Umdenken der Krankenkassen. Was läuft aus Ihrer Sicht falsch?

Die Kassen nehmen ihren politischen Auftrag, Kosten einzusparen, aus meiner Sicht zu ernst. Mit den Preisen für Medikamente lassen sich für die Pharmaindustrie kaum noch die Kosten decken. Die Folge: Die Unternehmen haben ihre Produktionskosten gesenkt, Produktionsstätten und Lager abgebaut. Eine Fabrik bleibt übrig, und die steht in Indien oder China. Wenn es in der so optimierten Lieferkette ohne Puffer zu einer Störung kommt, gibt es sofort Lieferengpässe.

Aber es gibt doch aber auch sehr teure Medikamente.

Solange ein Präparat auf dem Markt eine patentgeschützte Monopolstellung hat, ist der Preis in der Tat oft sehr hoch. Doch läuft das Patent aus, ist das für den Hersteller einschneidend: Im Wettbewerb mit Nachahmungsprodukten (Generika) fällt der Preis auf unter zehn oder sogar auf unter drei Prozent des Ausgangspreises. Für den Hersteller ist das ein ruinöser Wettbewerb. Den Kassen fehlt das Augenmaß. Die Kernfrage lautet für mich: Wie kann sich der Preis für beide Seiten auskömmlich gestalten? Es muss eine Win-Win-Situation zwischen Kostenträgern und Pharmaindustrie entstehen.

Welche Länder sind von Medikamenten-Engpässen betroffen?

Am stärksten betroffen sind die USA und Europa. Und wenn zum Beispiel in England für ein Medikament mehr gezahlt wird als in Deutschland, können Sie sich im globalen Wettbewerb vorstellen, wohin die Ware zuerst fließt – zumal Deutschland die günstigsten Preise ausgehandelt hat. Länder, in denen höhere Preise gezahlt werden, sind nicht so stark betroffen.

Wie wirkt sich das auf das Braunschweiger Klinikum aus?

Seit rund fünf Jahren müssen wir mit Arzneimittel-Engpässen umgehen. Davor kannten wir so etwas gar nicht. Unser Hauptproblem sind generische parenterale Arzneiformen – also Injektionen oder Infusionen, die intravenös verabreicht werden. Das sind zum Beispiel Antibiotika oder Narkosemittel. Ein Beispiel: Ein halbes Jahr lang fehlte ein bestimmtes und in der Handhabung sehr sicheres Narkosemittel. Wir mussten auf ein anderes Anästhetikum ausweichen, bei dem der Patient langsamer aufwacht – was wiederum Mehrarbeit für das Pflegepersonal bedeutet hat.

Ein weiterer Aspekt ist: Lieferengpässe können für Patienten riskant sein. Denn beim Austausch eines Medikamentes müssen alle umdenken. Das birgt ein Fehlerpotenzial. In den Lieferengpässen sehen wir deshalb auch eine Verschlechterung der Arzneimittel-Sicherheit.

Wenn das Narkosemittel derzeit auch wieder verfügbar ist, kann sich das von heute auf morgen ändern. Von der Industrie bekommen wir dazu keine zuverlässigen Aussagen. Zwar finden wir immer wieder Lösungen, doch es wird zunehmend kritisch. Nach Jahren muss nun wirklich mal etwas passieren.

Sie sagen, Patienten im Klinikum hätten die Engpässe bislang kaum zu spüren bekommen. Wie schaffen Sie das?

Für Pflegepersonal, Ärzte und Apotheker bedeutet das furchtbar viel Arbeit. Wir brauchen allein eine Vollzeitkraft, um die Auswirkungen der Lieferengpässe zu kompensieren.

Darüber hinaus haben wir hinterfragt, welche Medikamente besonders kritisch sind, und von ihnen Vorräte für vier bis sechs Wochen angelegt. Gesetzlich vorgeschrieben sind nur zwei Wochen.

Krankenhaus-Apotheken unterliegen nicht der Arzneimittelpreis-Verordnung wie die niedergelassenen Apotheken. Das bedeutet, Sie können noch günstiger einkaufen. Ist das nicht auch ein Problem?

Natürlich sind wir gehalten, günstig einzukaufen. Doch von der Geschäftsführung habe ich jetzt den Auftrag, lieber mehr Geld auszugeben und dafür Liefersicherheit zu erhalten. Es nützt nichts, günstige Produkte einzukaufen, die wir nicht bekommen. Patientenversorgung geht für die Krankenhaus-Leitung vor Rendite.

Die Freiheit, mehr Geld ausgeben zu dürfen, hat allerdings noch nicht gegriffen. Die Industrie muss wohl auch erst umdenken. Sie ist auf billig gepolt.

Das Krankenhaus erhält das Geld für seine Leistungen ja von den Krankenkassen. Beißt sich die Katze da nicht in den Schwanz?

Die medizinischen Leistungen werden mit den Kassen über Fallpauschalen abgerechnet. Geben wir als Krankenhaus mehr Geld für Medikamente aus, geht das finanziell also auf unsere Kappe.

Und wie viel Geld geben Sie für Medikamente aus?

Das Einkaufsvolumen der Klinikum-Apotheke beträgt jährlich rund 50 Millionen Euro. Wir versorgen auch das Marienstift, das Awo-Psychiatriezentrum Königslutter, die Kirchberg-Klinik in Bad Lauterberg und alle Rettungsdienste mit Sitz in Braunschweig. Im Unterschied zu niedergelassenen Apotheken, die wegen der Therapiefreiheit 10 000 bis 20 000 Arzneimittel vorrätig haben, wählen wir gemeinsam mit den Ärzten aus den 80 000 Arzneimitteln klinikübergreifend 2000 für das gesamte Krankenhaus aus. Über die Menge haben wir preislich andere Verhandlungsmöglichkeiten.

2010 hat das Klinikum für 4,6 Millionen Euro ein hochmodernes Reinraum-Labor für Apotheke und Transfusionsmedizin eröffnet. Profitieren Sie davon auch in der Medikamentenversorgung?

Das Reinraum-Labor ist ein Segen. Zum Beispiel können wir dadurch Reste von Präparaten weiterverwerten und Inhalte von Flaschen optimal ausnutzen beziehungsweise auf Vorrat abfüllen. Ohne den Reinraum wäre das alles nicht möglich.

Vorausgesetzt, die Rohstoffe sind verfügbar, betreiben wir zusätzlich eine kleine Infusionsfabrik und können Produkte nachbauen. Darauf sind wir stolz. Das hat nicht jede Krankenhaus-Apotheke. Zum Beispiel haben wir ein seltenes Malaria-Medikament und ein postoperativ einzusetzendes Schmerzmittel, das wegen Lieferengpässen fehlte, selbst hergestellt. Nasentropfen übrigens auch.

Und wenn trotz allem ein

Medikament fehlt, das auf Station gebraucht wird?

Wir können grundsätzlich liefern, aber es macht viel Arbeit, ein passendes Ersatzprodukt auszuwählen und über seine Beschaffenheit zu informieren.

Was muss Ihrer Meinung nach

geschehen, um die Arzneimittel-Versorgung zu verbessern?

Würde die Produktion von Medikamenten nach Europa zurückverlegt werden, würde das einen wesentlichen Teil der Problematik lösen. Vor 30 Jahren wurden noch mehr als 80 Prozent aller Wirkstoffe in Europa hergestellt, heute 80 Prozent außereuropäisch – vor allem in Indien und China. Dort aber fehlen die gewohnten Qualitätsstandards: 90 Prozent der durch Qualitätsmängel bedingten Lieferausfälle werden aus Ländern wie Indien und China gemeldet. Außerdem halte ich rationale Preisverhandlungen mit Augenmaß für wichtig. Die Industrie sollte zudem vom Gesetzgeber verpflichtet werden, Arzneimittel für vier Wochen vorrätig zu halten. Das wäre ein Riesenschritt.

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