„Hitlerjunge Salomon“: Sally Perel machte Schüler zu Zeitzeugen

Braunschweig  Der 92-Jährige sprach im C1-Kino von der Judenvernichtung und seiner Angst vor den neuen Nazis, die bereits wieder in Deutschland marschierten.

Sally Perel signierte im C1 Cinema seine Biografie. Der 92-Jährige kam auf Einladung des Braunschweiger Jugendrings und der Arbeitsgemeinschaft gegen Rechts.Foto: Ann Claire Richter

Sally Perel signierte im C1 Cinema seine Biografie. Der 92-Jährige kam auf Einladung des Braunschweiger Jugendrings und der Arbeitsgemeinschaft gegen Rechts.Foto: Ann Claire Richter

Foto: Sally Perel appelliert, die dunkle Vergangenheit nicht zu vergessen.

Zeitzeugen sind die besten Geschichtslehrer. Meint Sally Perel. Und hat so recht. Er, der als Jude den Nationalsozialismus überlebte, indem er sich als Hitlerjunge tarnte, erzählt mitten ins Herz. Gestern sprach er mal wieder vor Schülern im Kino; heute Abend wird er vor unseren „Gemeinsam“-Preisträgern im Dom reden. Auch diese Veranstaltung ist bereits ausgebucht.

92 Jahre ist der Mann inzwischen alt, hat unzählige Vorträge gehalten, ist durch die Lande gezogen, um ungebrochen frisch und leidenschaftlich gegen das Vergessen anzureden, um zu berichten, Augen zu öffnen und zu warnen. Gestern sprach er vor den 600 jungen Menschen im größten Saal des C1 Cinema über Judenverfolgung und Massenmord, über seine Zerrissenheit und die Aussöhnung mit sich selbst – und hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit der Schüler. Ein seltenes Phänomen.

Perel trifft den Ton. „Ich bin nicht gekommen, um euch Schuldgefühle zu machen oder euer Gedächtnis zu beschweren. Ich bin gekommen, um euren Verstand zu erleuchten.“ Und er schrieb den Schulen ins Klassenbuch: Ihre Aufgabe sei es, die Jugend zu kritischem Denken zu erziehen.

Leidenschaftlich warnte Perel, der gebürtige Peiner, vor neuen Aufmärschen von Neonazis, vor einer „neuen braunen Gefahr, die Flüchtlingsheime ansteckt“. Perels Empfehlung: Jeder Mensch solle einmal im Leben Auschwitz besuchen, möge sich ein Bild machen von der Todesfabrik, diesem „Schandfleck der deutschen Geschichte“. Auschwitz – für Perel ein Selbstmord der deutschen Kultur.

Die Schüler hingen an seinen Lippen, als er erzählte, wie er zum eigenen Überleben keine andere Chance gesehen habe als die Lüge. Wie er der Propaganda der Nazis erlegen sei und Adolf Hitler die Treue geschworen und sich anfangs gesonnt habe im Erfolg kriegerischen Erfolgs. „Ich wurde zum Hass erzogen auf alles, was nicht Deutsch war.“ Sein Gehirn sei vergiftet worden. Heute wisse er, dass Hass zu Verbrechen führe.

Perel machte die Schüler zu seinen Komplizen: „Ich habe in euch neue Zeitzeugen hinterlassen. Bitte überliefert diese Wahrheit an eure Kinder und Kindeskinder, damit niemand diese Wahrheit als Lüge hinstellen kann!“

Manchmal werde er nach einem Vortrag angesprochen von Schülern, die ihn um Verzeihung bäten, mit Tränen in den Augen. „Ich habe der deutschen Jugend nichts zu verzeihen. Sie ist unschuldig an diesen Verbrechen. Schuld erbt man nicht.“

Doch mit ihrem nun erworbenen Wissen seien sie gewarnt. „Bitte handelt entsprechend!“, appellierte Perel. Nein, nicht Hass, sondern Liebe sei das Rezept, wie Menschen miteinander leben sollten.

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