Jüdisches Leben ist mehr als nur Opfergeschichte

Braunschweig  Der Autor Reinhard Bein hat für sein neues Buch die „Lebensgeschichten von Braunschweiger Juden“ erforscht.

Die promovierte Lehrerin Nellie H. Friedrichs, geborene Bruell, (Zweite von links) mit ihren Freundinnen. Das Bild malte Ulfert Wilke.

Die promovierte Lehrerin Nellie H. Friedrichs, geborene Bruell, (Zweite von links) mit ihren Freundinnen. Das Bild malte Ulfert Wilke.

„Lebensgeschichten von Braunschweiger Juden“ – das neue Buch des Braunschweiger Historikers Reinhard Bein. Er rettet Geschichten, die ohne ihn vielleicht einmal vergessen worden wären. Anrührend das Foto auf der Titelseite. Der kleine Walter Solmitz sieht uns mit wachen Augen an, und augenblicklich haben wir den Wunsch, dass eine gute Fee diesen Knaben beschützen möge.

Jüdisches Leben in Braunschweig – da gibt es mehr zu erzählen als nur die Opfergeschichte von 1933 bis 1945, wie sie vorrangig im Schulunterricht behandelt wird. Aber was war in den Jahrzehnten davor?

Nach der Reichsgründung 1871, in der Kaiserzeit, konnten sich die Juden, wie Reinhard Bein schreibt, im Herzogtum Braunschweig als akzeptierte Bürger fühlen. Sie waren Deutsche jüdischen Glaubens, Nachbarn, Geschäftspartner, sie gehörten zum Braunschweiger Alltagsleben.

Antisemiten gab es auch. Sie wollten die Juden nicht, wie später die Nazis, vernichten, sondern ihren Einfluss beschränken. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang das Kapitel über Max Jüdel, mit Heinrich Büssing damals der erfolgreichste Unternehmer Braunschweigs. Legendär Jüdels soziales Engagement. Den größten Teil seines Vermögens gab er in eine Stiftung, die bis heute seinen Namen trägt.

Als er sich 1896 noch einmal als Präsident der Braunschweigischen Handelskammer (heute IHK) wiederwählen lassen wollte, kursierte in der Stadt ein Flugblatt, unterschrieben mit „Viele Wähler“. In diesem Flugblatt wurde Jüdel vorgeworfen, er habe zu viele Ämter und stehe dem Kleingewerbe „ziemlich fremd“ gegenüber. Jüdel zog seine Kandidatur zurück, worauf 57 angesehene Industrielle und Kaufleute mit einer Zeitungsanzeige antworteten. Jüdel, hieß es darin, dürfe nicht „Vorurtheilen zum Opfer fallen“. Jüdel kandidierte und wurde wieder Präsident.

Was ist nun aus dem kleinen Walter Solmitz geworden, der um 1910 im Fotostudio Beddies so schön fotografiert wurde? Er wuchs ohne seinen Vater auf, der einige Jahre zuvor aus dem Leben geschieden war.

Walter war ein träumerisch veranlagtes Kind, nicht robust genug für den Paukbetrieb eines Braunschweiger Gymnasiums. Die Mutter gab ihn in die Obhut der Odenwaldschule in Oberhambach. Aus Esszimmervorhängen schneiderte sie ihm einen blauen Anzug. An der Odenwaldschule bescheinigte man ihm bald einen „einzigartigen Reichtum geistiger Begabung“.

Als Walter sich 1933 in Elly Reiss verliebte, schenkte er ihr Joseph Conrads Roman „Lord Jim“. Der Held des Romans flieht vor der Einsamkeit in die Liebe, scheitert aber an ihr und bringt sich um. Auch Walter Solmitz, der nach einem KZ-Aufenthalt in Dachau und seiner Emigration in die USA dort Professor für Germanistik und Philosophie wurde, hat sich später (1962) umgebracht. Seine Schwester Anneliese hatte schon 1935 den Freitod gewählt.

Die „Lebensgeschichten“ hat Bein durch viele Bilder ergänzt. Wir blicken auf ein Selbstporträt des Jugendstilmalers Ephraim Moses Lilien, der, aus dem vormals österreichischen Galizien stammend, 1921 vom Freistaat Braunschweig eingebürgert wurde.

Sein Bild „Passah“ wurde in Israel als Motiv für eine Briefmarke ausgewählt.

Ein farbiges Gemälde durchbricht die Vielzahl der Schwarzweißfotos. Nellie Friedrichs, geborene Bruell, 1925 als Lehrerstudentin im Kreis ihrer Freundinnen. Das Bild malte Ulfert Wilke, der Sohn des Braunschweiger Karikaturisten Rudolf Wilke, der unter anderem für das Satireheft „Simplicissimus“ arbeitete.

Nellie Friedrichs, 1908 in Lyon geboren, hat von 1912 bis zur ihrer Emigration 1937 In Braunschweig gelebt. In ihren „Lebenserinnerungen“ blickte sie ohne Bitterkeit auf ihre Zeit in Braunschweig zurück. „Wenn man eine Stadt, die man liebt, heimlich verlassen muss, den engsten Freunden nichts sagt, und dennoch immer wieder gern zurückkehrt, ist das doch eigentlich wunderbar, dass man das alles in einem Leben erfahren darf“, sagte sie 1982, als sie und ihr Mann Kurt Otto von Oberbürgermeister Hartmut Scupin empfangen wurden.

Zu guter Letzt die bemerkenswerte Karriere der Braunschweiger Jüdin Lette Valeska. Sie emigrierte 1937, mit einer Leica und einer Rolleiflex im Gepäck, nach Kalifornien. Dort wurde sie zur Lieblingsfotografin der Hollywood-Stars, porträtierte unter anderem Elisabeth Taylor, Gregory Peck, Rita Hayworth, Ingrid Bergmann, Ava Gardner und Montgomery Clift .

Valeskas Wunsch, noch einmal ihre Geburtsstadt Braunschweig zu sehen, erfüllte sich nicht. Sie erhielt keine Einladung. Auch nicht, als sie 1974 das Bundesverdienstkreuz erhielt. Dieses wurde ihr in Los Angeles durch den dortigen deutschen Generalkonsul überreicht.

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