„Glockengeläut und Muezzinrufe sind nicht gleichzusetzen“

Braunschweig  Klaus Hammer betrachtete das Thema beim Glockensymposium in der Brunsviga von der wissenschaftlichen Seite.

Das Läuten von Glocken ist in Deutschland seit 1200 Jahren üblich.

Das Läuten von Glocken ist in Deutschland seit 1200 Jahren üblich.

Foto: Archiv

Dortmund, Marl, Recklinghausen, Gelsenkirchen, Bochum und Siegen haben eines gemeinsam: Dort ruft der Muezzin die Muslime zum Gebet. In 20 deutschen Städten ist der Ruf vom Minarett inzwischen üblich. Ein Thema, das immer wieder Zündstoff für politische Debatten bietet.

Doch ist der islamische Gebetsruf in Deutschland mit dem Läuten von christlichen Kirchenglocken gleichzusetzen? Gilt im Angesicht der Religionsfreiheit in solchen Fällen gleiches Recht für alle? Fragen, die beim 24. Kolloquium zur Glockenkunde in der Brunsviga Klaus Hammer nachging. Rein wissenschaftlich, wie er betonte, und wohl wissend, dass das Thema inzwischen weidlich von der AfD ausgeschlachtet worden ist. Die Partei lehnt bekanntlich sowohl Minarette als auch Muezzinrufe entschieden ab.

Hammer verwies auf die sicht- und hörbaren Parallelen von Minaretten und Kirchtürmen, betonte jedoch die Unterschiede der akustischen Signale. Das Glockenläuten sei in Deutschland bereits seit mehr als 1200 Jahren üblich; der Ruf des Muezzins hingegen sei hierzulande erstmals 1985 zu hören gewesen. Eine Tradition, ein Gewohnheitsrecht sei er somit nicht. „Akustisch lässt sich sagen, dass das Glockenläuten seit jeher eine Fernwirkung haben sollte, ganz im Gegensatz zum eher intimen Muezzinruf der menschlichen Stimme. Diese war zwar auf dem Gelände der Moschee und in der unmittelbaren Umgebung, nicht aber weit darüber hinaus zu hören.“ Von den knapp 1400 Jahren, seit es nach islamischer Überlieferung den Muezzinruf gebe, sei dieser weit über 1300 Jahre ohne Lautsprecherverstärkung und damit ohne Fernwirkung erfolgt. „Der lautsprecherverstärkte, häufig zudem völlig übersteuerte Muezzinruf kann selbst in der islamischen Welt auf keine Kulturtradition zurückblicken. Was man heute in islamischen Ländern als Gebetsruf zu hören bekommt, nämlich weitgehend zeitgleiches, von vielen Minaretten aus hörbares, aber völlig unkoordiniertes Rufen auf unterschiedlichen Tonstufen und verschiedenen Tempi, hat mit einem würdigen, musikalisch-ästhetischen Gebetsruf nichts, mit einem vulgär anmutenden Lautsprechergeplärre hingegen sehr viel zu tun.“ Es sei kaum anzunehmen, dass dieses sich zunehmend ausbreitende akustische Tohuwabohu des Gebetsaufrufs im Sinne des Propheten und der frühislamischen Gemeinde gewesen sei, meinte Hammer.

Während Glocken auch weltlichen Zwecken dienten – wie etwa Feuerglocken, Marktglocken, Sturmglocken – sei der Muezzinruf ausschließlich ein Gebetsruf. „Theologisch-liturgisch lässt sich sagen, dass das Gebetszeitläuten bestenfalls ein Symbol für gewisse Glaubensinhalte darstellt, niemals aber die Glaubensbotschaft selbst vermittelt“, so Hammer. Ein wesentlicher Unterschied sei somit auch inhaltlicher Art: „Was würde wohl die öffentliche Meinung in diesem Land sagen, wenn täglich fünfmal das christliche Glaubensbekenntnis von den Kirchtürmen erklänge?“, fragte Hammer.

Sein Vorschlag zur Güte: „Eine denkbare Kompromisslösung, wie sie beispielsweise auch der Religionswissenschaftler und -soziologe Thomas Schirrmacher vorschlägt, könnte der rein menschliche Muezzinruf auf dem Gelände der Moscheen sein, wie er bis weit in das 20. Jahrhundert nahezu in der ganzen islamischen Welt erfolgte. Dem religiösen Gebot des Islams würde so Genüge getan, ohne die nichtislamische Umgebung akustisch allzu sehr zu behelligen.“

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