Flüchtlinge entzweien die Menschen in der Schunteraue

Braunschweig  Einige Nachbarn der überfüllten Landes-Aufnahmebehörde haben Angst. Andere mahnen zur Besonnenheit.

Flüchtlinge in der Landesaufnahmebehörde in Kralenriede.

Flüchtlinge in der Landesaufnahmebehörde in Kralenriede.

Foto: dpa

Im Stadtbezirk Schunteraue kocht die Volksseele. Die aktuelle, diversen Krisenherden auf der Welt geschuldete Situation mit bis zu 200-prozentiger Auslastung der Landesaufnahmebehörde für Asylsuchende Niedersachsen (LAB) führt nicht nur zu Stress unter den dort einquartierten Flüchtlingen (wir berichteten) und zu hoher Arbeitsbelastung in der Landesbehörde.

Auch in Kralenriede und der Schuntersiedlung, den beiden Stadtteilen in unmittelbarer Nähe zu der in der früheren Husarenkaserne untergebrachten LAB, herrschen Verunsicherung und – so versicherten Besucher einer Bezirksratssitzung im Heinrich-Jasper-Haus – teilweise pure Angst.

In Bussen, in Geschäften, auf der Straße, überall hätten Bewohner der beiden Stadtteile schon unangenehme Situationen erlebt. Diese reichten, so Meinungsäußerungen, von nicht verkehrssicheren Fahrrädern über Müll auf Straßen, Plätzen, Wäldern und Vorgärten bis zum Nachstellen weiblicher Anwohner.

„Frauen und Mädchen werden auf offener Straße angepöbelt und fühlen sich teilweise verfolgt“, schilderten mehrere Anwohner ihre Erlebnisse. In der Dunkelheit trauten sich viele nicht mehr alleine vor die Tür.

Christine Möricke-Abifade, stellvertretende Standortleiterin der Landesaufnahmebehörde, erklärte den rund 60 Besuchern: „Die Situation der Überfüllung macht uns auch keinen Spaß. All ihre Probleme sind uns bewusst, aber wir haben keine Lösung.“

Die Situation in Braunschweig sei kurzfristig nur zu entschärfen, wenn die Landesregierung nach Bramsche, Friedland und Braunschweig bei ihrer Suche nach einem vierten Standort für eine Aufnahmestelle fündig werde. Die Suche laufe unter Hochdruck.

Möricke-Abifade widersprach im Rahmen einer Diskussion nach der Bezirksratssitzung vehement einer aufkommenden Argumentation, die Flüchtlinge könnten sich alles erlauben. „Straftaten von Flüchtlingen werden genauso verfolgt wie bei allen anderen auch“, betonte sie und distanzierte sich von solchen Sichtweisen. „Wir werden die aktuelle Situation auch mit hoher Emotionalität nicht ändern können“, erklärte die LAB-Vertreterin weiter.

Die Polizei sei sich der Situation bewusst, sagte Polizeisprecher Joachim Grande, der außerhalb des Dienstes schon selbst im Stadtbezirk unangenehme Situationen erlebt habe. „Wir sind jeden Tag in der LAB und dementsprechend auch häufiger in der Schunteraue präsent. Auch Zivilstreifen sind vermehrt unterwegs. Wir können aber nicht überall sein“, ergänzte Grande.

Vor einseitiger, von Ablehnung und Angst geprägter Betrachtung warnte Wolfgang Bartsch, ein durch viele Aktionen für den Stadtbezirk bekannter Bewohner der Schuntersiedlung. „Andere europäische Länder nehmen noch viel mehr Flüchtlinge auf als wir. Mein Eindruck ist, wir Deutschen haben den Hang, den Schwächsten im Glied für Missstände verantwortlich zu machen.“

Ratsherr Helmut Blöcker, Mitglied im Ratsausschuss für Integrationsfragen, versuchte, erhitzte Gemüter zu beruhigen. Er erinnerte an die angespannte Situation nach dem zweiten Weltkrieg, als viele Menschen Flüchtlinge in ihren Wohnungen aufnehmen mussten. Blöcker weiter: „Man darf die aktuelle weltpolitische Situation nicht außer Acht lassen. Wir Braunschweiger können froh sein, dass wir keinen Strand haben, an dem wir morgens die im Meer ertrunkenen Leichen aufsammeln müssen.“

Gegen Ende der Veranstaltung wollten zwei Vertreter einer Jugendorganisation der rechtsextremen NPD Flugblätter im Saal verteilen. Bezirksbürgermeisterin Gudrun Ohst und Verwaltungsvertreter Helge Ahlborn untersagten ihnen dies und drohten damit, die Sitzung abzubrechen. Die beiden Männer versuchten, die Flugblätter vor dem Haus loszuwerden.

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