Rotes Schloss – emotionale Heimat der SPD

Braunschweig  Vor 100 Jahren wurde das Volksfreundhaus in der Schlossstraße eröffnet. Es war und ist ein Signal des Selbstbewusstseins.

Die Sonderseite des „Volksfreunds“ vom April 1914, wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, hatte die schmucklose Überschrift „Im neuen Heim“.

„Ein verschärftes Dreiklassenwahlrecht verhinderte bis Kriegsende den Einzug eines Sozialdemokraten in den Landtag.“
Dr. Hans-Ulrich Ludewig, Braunschweiger Historiker.

Was für eine Untertreibung. Denn in Sichtweite des herzoglichen Schlosses bezog die Braunschweiger Arbeiterbewegung nichts weniger als ihr eigenes Schloss, schon bei der Eröffnung das „Rote Schloss“ genannt.

Der Arbeiterbildungsausschuss krönte das Ereignis mit einem Festabend im Konzerthaus. Mitwirkende unter anderem: der bekannte Konzertsänger Felix Lederer-Prina (Berlin), das verstärkte Philharmonische Orchester unter Leitung von Kapellmeister Hohnstein und die Arbeiter-Liedertafel Braunschweig.

Die alle bewegende Festrede hielt der 64-jährige Reichstagsabgeordnete und Journalist Wilhelm Blos, 1879 in Hamburg Gründer der sozialdemokratischen Satirezeitschrift „Der wahre Jacob“.

Der Prachtbau an der Schlossstraße: ein auch für den politischen Gegner deutliches Signal proletarischen Selbstbewusstseins. Entworfen wurde er von Joseph Kerlé, errichtet von der Bauunternehmung Karl Munte.

Am Eröffnungstage wehte vom Turm des Gebäudes an der Schlossstraße eine rote Fahne mit der leuchtend weißen Inschrift „Her mit dem Landtagswahlrecht.“

Und prompt erschien die Polizei und veranlasste die Entfernung der angeblich staatsgefährdenden Fahne. Aber kaum waren die Beamten weg, flatterten plötzlich zwei Fahnen am Turm. Eine davon fünf bis sechs Meter lang.

Eine Demonstration und Provokation. Der Braunschweiger Historiker Dr. Hans-Ulrich Ludewig hat dazu in diesen Tagen den politischen Hintergrund geschildert:

„Das Braunschweiger Landtagswahlrecht, das verzwickteste und konservativste im Reich, ein verschärftes Dreiklassenwahlrecht, verhinderte bis Kriegsende den Einzug eines Sozialdemokraten in den Landtag. Das gab es in keinem Bundesstaat des Deutschen Reichs. Der Landtag lehnte jede Reform ab, allen voran die ländlichen Abgeordneten; aber auch die liberalen Vertreter des Bürgertums sprachen sich gegen das demokratische Wahlrecht aus.“ Schon 1910 gingen in Braunschweig Zehntausende auf die Straße, um für das gleiche Wahlrecht, auch für das Frauenwahlrecht, zu demonstrieren. Die Polizei rückte mit blankgezogenem Säbel an, schüchterte mit ihrer Brutalität die Menge ein.

Das Volksfreundhaus wurde auch wegen des Drucks von außen zur Trutzburg der Arbeiterbewegung. Hier wurde der „Volksfreund“ redigiert und gedruckt. Es gab eine Buchhandlung, eine Volksbibliothek und eine Filiale des Konsum-Vereins. Platz war noch für die Büros der Partei, der Gewerkschaften, der Arbeiterwohlfahrt und für die Räume der Jugendorganisation „Die Falken“.

Aber der „Volksfreund“, 1871 von Wilhelm Bracke gegründet, war das Herzstück. Ein Kampfblatt gegen den Kapitalismus. Es kommentierte die Krisenjahre der Republik, den Kapp-Putsch, die Attentate gegen Erzberger und Rathenau, den Hitler-Putsch, die sozialen Verwerfungen der Inflationszeit. Und es opponierte gegen die seit 1924 amtierende bürgerliche Regierung.“

Immer wieder war das „Rote Schloss“ aber auch Ort von Richtungskämpfen innerhalb der Sozialdemokratie.

Dann, 1933, der Naziterror. SS-Leute demolierten das Mobiliar des Volksfreundhauses. Auf dem Ackerhof verbrannten sie Druckschriften und Akten – die erste Bücherverbrennung in Braunschweig.

Gräueltaten der von Friedrich Alpers angeführten SS-Leute. Sie misshandelten wahllos Verlagsangehörige und erschossen den Kaufmann Hans Saile. Das Volksfreundhaus wurde Haftlokal und Folterstätte.

Hier wurde Heinrich Jasper mit Schlagwerkzeugen traktiert. Er musste sein eigenes Blut aufwischen. Unter demütigenden Verhöhnungen, weiß der Historiker Ludewig, wurde Jasper der Bart abgeschnitten. Und die SS reichte ihm eine Pistole mit den Worten: „Gnade dir Gott, wen du noch lebst, wenn wir wiederkommen.“ Zu Tode geprügelt wurde im Volksfreundhaus Matthias Theisen, der Vorsitzende der Bauarbeitergewerkschaft.

Schwer verletzt weigerte sich Heinrich Jasper, SPD-Fraktionsvorsitzender im Braunschweigischen Landtag, auf sein Abgeordnetenmandat zu verzichten. Er unterschrieb nicht. Die SS verschleppte sodann den sozialdemokratischen Oberbürgermeister Ernst Böhme ins Volksfreundhaus, zermürbte diesen mit Schlägen. Böhme unterschrieb. Anschließend führten sie ihn durch die belebten Straßen Braunschweigs ins Untersuchungsgefängnis Rennelberg. Vorgänge, die jene Bürger unberührt ließ, die Hitler und die NSDAP feierten. Sie sahen einfach weg.

Im Kriege wurde das Volksfreundhaus schwer beschädigt. Aber schon 1949 erschien hier wieder eine Tageszeitung, nicht mehr der „Volksfreund“, sondern die „Braunschweiger Presse“. Diese hielt sich bis 1972. Die Zeit der Parteipresse war vorbei.

Es fällt auf, wie spärlich dokumentiert die Jahre nach 1945 sind. Gerhard Glogowski weiß noch am meisten über diese Zeit.

1966 fing er als Bildungssekretär im Volksfreundhaus an und startete seine politische Karriere. Hier wohnt er seit Jahren, hat den kurzen Weg zu den Räumen seiner Partei.

Und wie er so erzählt, wird deutlich, wie tief verbunden die Genossen diesem Haus sind. Es war und ist für die ganze Region Braunschweig die emotionale Heimat der SPD.

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