„Sie waren vom Willen zum Krieg getrieben“

Braunschweig  Wolfram Wette widerspricht in Braunschweig den Thesen von Christopher Clark zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914.

Wer war schuld am Ersten Weltkrieg? Lange schien die Sache klar. Der Bösewicht war exklusiv das kaiserliche Deutschland. Aber dann, 2013, legte der australische Historiker Christopher Clark sein 800-seitiges Werk „Die Schlafwandler“ vor. Darin gibt es viele schlafwandelnde Bösewichter. Clark nimmt von Deutschland die Last der Hauptverantwortung am Ersten Weltkrieg. Vielleicht der wichtigste Grund, dass sein Buch ein Bestseller wurde.

„Die verantwortlichen deutschen Politiker und Militärs waren keine Schlafwandler.“
Wolfram Wette, Freiburger Historiker, zum Kriegsausbruch vor 100 Jahren.

Im Oktober 2013 erhielt Clark im Altstadtrathaus den Braunschweiger Geschichtspreis der Gerd-und-Irmela-Biegel-Stiftung. Hier wiederholte er seine These, dass die Protagonisten von 1914 unfähig gewesen seien, die Realität der Gräuel zu erkennen, die sie in Kürze in die Welt setzen sollten. Es war vor allem der Freiburger Historiker Professor Wolfram Wette, der Clarks Schlafwandler-These widersprach. Dafür gab es in Braunschweig noch keinen Preis. Aber Wette konnte hier am Mittwochabend auf Einladung der Evangelischen Akademie Abt Jerusalem begründen, weshalb er Clark nicht zustimmt.

Was war das für eine Welt im Sommer 1914, als der Weltkrieg begann? Ein Krieg, an dem sich am Ende 40 Nationen beteiligten. Ein Krieg, in dem etwa 70 Millionen Menschen unter Waffen standen. Ein Krieg, in dem 17 Millionen Menschen starben. Eine unfassbare Dimension des Grauens.

Die deutschen Militärs waren, so Wette, von der Überzeugung durchdrungen, eine Welt ohne Krieg sei weder realistisch noch wünschenswert. „Hinzu kam ihre Interessenlage. Der Berufsstand des Soldaten sollte für alle Zeiten eine herausgehobene Bedeutung haben.“ Kaiser Wilhelm II. zum Beispiel habe zeitlebens in Gewaltkategorien gedacht. Wette erwähnt dessen berühmten Neujahrsbrief nach der russischen Revolution von 1905. In diesem Brief an Reichskanzler von Bülow schreibt Wilhelm II: „Erst die Sozialisten abschießen, köpfen und unschädlich machen, wenn nötig, per Blutbad, und dann Krieg nach außen. Aber nicht vorher und nicht a tempo.“

Aber zum Gesamtbild gehörten, international, auch die Friedensbewegten. Wette zitiert den deutsch-amerikanischen Historiker Fritz Stern: Es gab sowohl den „Traum vom Frieden“ als auch die „Versuchung der Macht.“

Deutschland 1914: „Ruhelos, angsterfüllt, aggressiv und uneins“ (Wette). Ein Land, in dem es populär war, den Krieg als „Vater aller Dinge“ zu begreifen. Vorstellungen vom Krieg als Naturereignis, das ausbricht wie ein Vulkan, vom Krieg, der als Schicksal über die Menschen kommt.

Wette: „Das verantwortliche Spitzenpersonal 1914 muss man sich als eine Clique von etwa einem Dutzend Männern vorstellen, die durchweg dem Adel angehörten.“ Wussten sie, dass sich dieser Krieg auf einen industrialisierten Volkskrieg mit Millionenheeren zubewegte? Auf einen die Psyche zermürbenden Grabenkrieg?

Wette: „Sie haben es gewusst“. Er nennt Zeugen. Zum Beispiel Generalfeldmarschall Helmut von Moltke. Dieser sprach schon 1890 im Reichstag davon, dass jeder künftige Krieg - im Unterschied zu den traditionellen Waffengängen, den Kabinettskriegen – ein Volkskrieg sein werde.

Oder der russische Bankier, Industrielle und Eisenbahnpionier Johann von Bloch, Initiator der Ersten Haager Friedenskonferenz von 1899. In seinem sechsbändigen Werk mit dem Titel „Die Zukunft des Krieges in technischer, wirtschaftlicher und politischer Relation“ schrieb er, Kriege ließen sich künftig nur „um den Preis des Selbstmordes“ führen.

Oder der Hamburger Lehrer und Pazifist Wilhelm Lamszus. Dieser schrieb 1912 seinen Roman „Das Menschenschlachthaus - Bilder vom kommenden Krieg.“ Eine Vorahnung von den Schrecken der Schlachten bei Verdun. Das Buch wurde ein Bestseller.

Wettes Fazit in Braunschweig: „Die verantwortlichen deutschen Politiker und Militärs waren keine Schlafwandler. Sie waren vom Willen zum Krieg getrieben.“

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