Eintauchen in eine fremde Sprache

Braunschweig  In bilingualen Kindergärten soll die Fremdsprache Spaß machen. Ums Vokabelpauken geht es dabei nicht.

„Two apples, please“, sagt Emma. Sie spielt Kaufladen mit Max. „Here you are“, antwortet der und reicht Emma zwei rote Äpfel aus Plastik über die Theke. Nur wenige der mehr als 110 Kindergärten in Braunschweig haben ein zweisprachiges Angebot. Und die Unterschiede sind groß.

Muttersprachler sind rar

Am besten ist es, da sind sich die Experten einig, wenn ein „Native Speaker“ die zweite Sprache vermittelt. So ist es zum Beispiel in der Kindertagesstätte „SieKids“ der Firma Siemens: Dort arbeiten zwei Erzieherinnen, deren Muttersprache Englisch ist. Beide sind je 30 Stunden pro Woche in der Kita und sprechen mit den Kindern ausschließlich Englisch. „Für die Kinder ist das das Normalste der Welt. Sie verstehen viel mehr, als man erwartet“, hat die stellvertretende Leiterin Katharina Pottratz beobachtet.

Erzieher mit Muttersprache Englisch sind jedoch rar. In den drei städtischen Kitas mit bilingualem Angebot sind keine Muttersprachler tätig, „weil dies aufgrund des Fachkräfteangebots nicht zu realisieren war“, sagt Erster Stadtrat Ulrich Markurth. Er betont aber: „Die Fachkräfte verfügen über sehr gute Englischkenntnisse. Sie sprechen mit den Kindern fast ausschließlich Englisch.“ Allerdings ist nicht in jeder Gruppe eine englischsprachige Kraft tätig, vielmehr wechseln diese zwischen den Gruppen.

Alle reden von Immersion

Beschäftigt man sich mit Zweisprachigkeit im Kindergarten, taucht immer wieder das Wort „Immersion“ auf. Was damit gemeint ist, erklärt Alison Mannion-Ghanbari, Referentin für Personal- und Qualitätsentwicklung bei der Fröbel Norddeutschland GmbH, Träger unter anderem der „SieKids“ in Braunschweig: „Nach der Immersions-Methode sollen die Kinder in die Zweitsprache eintauchen. Dann lernen die Kinder die zweite Sprache wie ihre erste: aus dem Kontext heraus.“ So wie Emma und Max beim Kaufladen-Spiel. Wichtig sei, sagt Alison Mannion-Ghanbari, dass die Zweitsprache in den Alltag integriert wird. Nach der Immersions-Methode wird auch in den städtischen Kitas gearbeitet.

Quantität ist auch wichtig

Damit Kinder die Zweitsprache wirklich lernen, sollten sie nach Expertenansicht die Sprache „ständig im Ohr haben“ und jeden Tag mindestens die Hälfte der Zeit mit dieser Sprache Kontakt haben. Carlos Gajardo-Riquelme verfolgt in seiner Kita „Rasselbande“ ein anderes Konzept. Ziel sei es nicht, dass die Kinder am Ende fließend Spanisch sprechen, erklärt der gebürtige Chilene: „Wir wollen einen ersten Kontakt zu einer Fremdsprache vermitteln. Die Kinder lernen, dass es eine andere Phonetik und Betonung gibt, andere Worte für dieselben Dinge.“ In der „Rasselbande“ wird jeden Freitag in spanischer Sprache gelesen und gespielt.

Blick zu den Nachbarn

Die Stadt Wolfsburg ist in Sachen Bilingualität etwas breiter aufgestellt: In acht Einrichtungen werden Englisch, Italienisch, Spanisch und – seit diesem Jahr – Mandarin angeboten. „Eine pädagogische Fachkraft ist Native Speaker mit Kenntnissen der deutschen Sprache, die zweite Erzieherin ist Muttersprachlerin mit Kenntnissen in der jeweils anderen Sprache“, erklärt Pressereferent Andreas Carl das Konzept.

In Wolfsburg kooperieren die Kitas mit bilingualen Grundschulen. Das ist wichtig für die nachhaltige Wirkung der erlernten Sprache (siehe Interview unten). In Braunschweig gibt es bisher keine staatliche Grundschule mit zweisprachigem Angebot. „Dazu gibt es bisher nicht mehr als erste Überlegungen“, räumt Sozialdezernent Markurth ein. Bilingualität wird hier bislang nur an privaten Grundschulen angeboten.

Auch eine Mode

Letztlich sei Bilingualität „auch ein bisschen hip“, sagt der Leiter des Kinderhauses „Frech Daxe“ von VW Financial Services, Norbert Herschel. Er erinnert daran, dass auch andere Qualitätsmerkmale stimmen müssten: „Nur weil eine Kita bilingual ist, muss es keine tolle Kita sein.“

BILINGUALE KITAS

Drei städtische Kindergärten haben ein bilinguales Angebot: Kasernenstraße, Leiferde, Lindenbergsiedlung.

Englisch als Zweitsprache bieten auch die „SieKids“ von Siemens, die „Frech Daxe“ von VW Financial Services und die Kita Sterntaler an.

Spanisch wird in der „Rasselbande“ gesprochen. Die Kita „Karamba“ plant nach Angaben der Stadtverwaltung ebenfalls ein deutsch-spanisches Angebot.

In seiner Einrichtung sind acht der zehn Gruppen bilingual und in jeder der acht Gruppen ist eine englischsprachige Kraft tätig: „Die fremde Sprache muss gelebt werden, sonst geht es an den Kindern vorbei. Deshalb wird bei uns auch auf Englisch gebacken, getobt, vorgelesen...“, erklärt Herschel das Konzept. Wichtig sei der Spaß an der Sprache: „Deshalb sage ich den Eltern auch: Bitte keine Vokabeln pauken! Das ist kontraproduktiv!“

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