Mordverdächtiger hatte Seelsorge-Telefon in der Zelle

Braunschweig  Das Ergebnis der Obduktion bestätigt die Polizei: Der mordverdächtige Braunschweiger hat sich nach der Tötung seiner Frau in der Haft umgebracht.

Das Untersuchungshaft-Gefängnis Rennelberg.

Das Untersuchungshaft-Gefängnis Rennelberg.

Foto: David Taylor

Polizeisprecher Joachim Grande sagte nach der Untersuchung des Leichnams am Dienstag in Braunschweig: „Die Rechtsmediziner haben keine Hinweise auf ein Fremdverschulden feststellen können.“ Die Polizei hat den Fall zu den Akten gelegt.

Beamte der Justizvollzugsanstalt Rennelberg hatten den 75-Jährigen am Samstagmorgen leblos in seiner Zelle entdeckt – erhängt mit seinem Gürtel. In einem Abschiedsbrief hatte er eingeräumt, seine Frau nach 40 Ehejahren aus Eifersucht getötet zu haben. Der Rentner hatte die 57-Jährige am Donnerstag mit einem Fleischermesser erstochen und deren Begleiter (56) lebensgefährlich verletzt, als beide am Frankfurter Platz in ein Taxi steigen wollten. Ein Richter hatte am Freitag Untersuchungshaft gegen den 75-Jährigen angeordnet.

Der 56-Jährige musste nach zwei Notoperationen am Wochenende ins künstliche Koma versetzt werden. Zu seinem Gesundheitszustand konnte die Polizei am Dienstag keine Angaben machen.

Im Rennelberg hat es nach Angaben von Dieter Münzebrock seit vielen Jahren keine Selbsttötung eines Inhaftierten mehr gegeben. Münzebrock ist Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wolfenbüttel, der das Braunschweiger Gefängnis für Untersuchungshäftlinge zugeordnet ist. „Aber natürlich gibt es Suizid auch im Vollzug und in der Untersuchungshaft, das unterscheidet uns nicht von draußen“, so Münzebrock.

Wie der JVA-Chef sagte, sei die Zelle des 75-Jährigen mit einem Seelsorgetelefon ausgestattet gewesen. „Er hätte unüberwacht und kostenlos ein Gespräch mit einem Seelsorger führen können. Wir haben das grundsätzlich für die ersten zwei Haftwochen als Suizidprävention eingeführt. Wir arbeiten daran, dass auch andere Haftanstalten dies übernehmen“, sagt Münzebrock.

Nach dem Vorfall vom Samstag müsse nun intern geprüft werden, ob die Mitarbeiter des Hauses alle Richtlinien vom Erstkontakt bis zur Einschätzung zur Suizidgefahr eingehalten haben.

Hätte es im Fall des 75-Jährigen Hinweise gegeben, dass er sich das Leben nehmen wolle, wären ihm Gürtel und Schnürsenkel abgenommen worden – so wie es in Fernsehkrimis vorgespielt wird. „Nur bei eindeutigen Hinweisen, auffälliges Verhalten oder die Ankündigung einer Selbsttötung, hätten wir auch eine rechtliche Handhabe dazu gehabt. Ansonsten gilt in der Untersuchungshaft grundsätzlich die Unschuldsvermutung. Und deshalb darf man niemanden ohne Grund einfach persönliche Gegenstände abnehmen“, erklärt der JVA-Leiter.

Das niedersächsische Justizvollzugsgesetz regelt auch, dass Untersuchungsgefangene im Regelfall in Einzelzellen unterzubringen sind. Münzebrock: „Das heißt auch, dass wir nicht ohne weiteres per Video überwachen dürfen. Wir dürfen auch nicht nachts zur Beobachtung in die Zelle schauen. Das wäre ein Verstoß gegen die Menschenrechte.“

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