„Messungen nach einem festen Plan“

Braunschweig  Weitere Antworten des Staatlichen Gewerbeaufsichtsamtes Braunschweig auf Fragen unserer Leser zum Leserforum „Atommüll in Thune?!“

Dr. Birgit Corell vom staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig wird beim Leserforum im Pressehaus befragt.

Dr. Birgit Corell vom staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig wird beim Leserforum im Pressehaus befragt.

Foto: Rudolf Flentje

Nach dem Leserforum „Atommüll in Thune?!“ setzen wir den Abdruck der Fragen unserer Leser und der Antworten fort. Heute die Antworten des staatlichen Gewerbeaufsichtsamtes (GAA) Braunschweig, die uns schriftlich erreichten.

Über allen deutschen Atomkraftwerken gilt in einem gewissen Radius ein generelles Flugverbot. Warum gilt das nicht für einen Betrieb, von dem offensichtlich eine potentielle Gefährdung der Bevölkerung ausgeht? Durch den nahen Flughafen Waggum gehen viele Flüge direkt über das Gelände, z.B. habe ich innerhalb von 10 Minuten drei Großflugzeuge nach ihrem Start dort beobachtet. Dazu kommen zahlreiche Kleinflugzeuge und Hobbyflieger, die insbesondere an den Wochenenden hier entlang fliegen. Inwieweit haben die zuständigen Genehmigungsbehörden die Tatsache berücksichtigt, dass der Betrieb sich im Anflugbereich der Start- und Landebahn des Flughafens in Braunschweig befindet?

Das Niedersächsische Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr ist zuständig für den Flugverkehr im Bereich Braunschweig. Nach deren Information gibt es in Deutschland Flugbeschränkungsgebiete ausschließlich für Kernkraftwerke und militärische Gebiete.

Beschränkungsgebiet bedeutet, dass es Überflug- und Durchflugsbeschränkungen gibt. Dennoch können jedoch Überflüge ab einer bestimmten Höhe oder zu bestimmten Zeiten zulässig sein. Im Unterschied zu anderen Ländern existieren in Deutschland keine Luftsperrgebiete, die für Luftfahrzeuge komplett gesperrt sind.

Da Thune nah am Flughafen Braunschweig liegt, befindet es sich in einem Kontrollgebiet hinsichtlich des Flugverkehrs, dies bedeutet, dass alle An- und Abflugstrecken festgelegt sind. Bei der Festlegung von An- und Abflugstrecken finden Gewerbebetriebe jedoch keine Berücksichtigung, auch wenn sie mit radioaktiven Stoffen umgehen. Die Strahlenschutzverordnung sieht die Ausweisung einer Überflugbeschränkung auch nicht vor.

Zuständige Stelle für die Einrichtung von Flugbeschränkungsgebieten ist gem. § 11 der Luftverkehrs- Ordnung das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.

Halten Sie es eigentlich für richtig, dass eine gewinnorientierte Firma alle Strahlungsmessungen in Eigenregie durchführt und aufbereitet – und durch die zuständige Aufsichtsbehörde keine unabhängigen Messungen durchgeführt werden?

Nach den Regelungen der Strahlenschutzverordnung fällt die Durchführung von Messungen am und auf dem Gelände sowie die Emissionsmessung in die Betreiberpflicht des Unternehmens. Diese Messungen werden nach einem festen Plan durchgeführt.

Das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig als Überwachungsbehörde veranlasst die Überprüfung der betriebsinternen Messungen der Emissionen und der Strahlung am Zaun durch zusätzliche Messungen durch den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz.

Warum wird in einem Wohngebiet wie in Wenden/Thune eine deutlich höhere Direktstrahlung gestattet als am Zwischenlager Gorleben (nicht so dicht besiedelt)? Provokant gefragt: Ist die Gesundheit von Menschen und besonders von Kindern in Braunschweig weniger wert?

Für das Zwischenlager in Gorleben wurde ein niedrigerer Wert von 0,3 Millisievert im Kalenderjahr (mSv/a) beantragt. Von der zuständigen Behörde wurde daraufhin dieser Wert (wie beantragt) in die Genehmigung übernommen. Insofern ist die Festsetzung von 0,3 mSv/a in Gorleben eine Ausnahme, die von dem Grenzwert der effektiven Dosis für Einzelpersonen der Bevölkerung von 1 mSv/a abweicht. Das Staatliche Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig darf nach der Strahlenschutzverordnung ausschließlich die Einhaltung des Wertes von 1mSv/a fordern.

Zum Messprogramm gehören jährliche Boden- und Bewuchsproben, die westlich vom Firmengelände genommen werden. Wäre es nicht vertrauensbildend, die Ergebnisse dieser Untersuchungen auch zu veröffentlichen?

Die Ergebnisse zur Emissions- und Immissionsüberwachung durch das Niedersächsische Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz sind in Jahresberichten zusammengefasst, die im Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig eingesehen werden können.

Gibt es nachvollziehbare Gründe dafür, dass diese Proben ausgerechnet westlich am Firmengelände gewonnen werden (vorherrschend Westwinde) und sich der Referenzmesspunkt in Waggum, also östlich, befindet?

Die Ableitungen radioaktiver Stoffe über die Luft sind äußerst gering. Da die Aktivitätskonzentration innerhalb der Abluftfahne abhängig von der Entfernung auch noch sehr schnell abnimmt, sind die höchsten Aktivitätskonzentrationen außerhalb der Anlage in Boden und Bewuchs unmittelbar in der Nähe des Betriebsgeländezaunes zu erwarten, und zwar an den Stellen, die in der kürzesten Entfernung zu den Emissionsstandorten liegen, unabhängig von einer überwiegend vorherrschenden Westwindlage.

Der Referenzmesspunkt ist aufgrund seiner deutlichen Entfernung (ca. 3 km) und trotz seiner östlichen Lage zum Standort der Firma und der vorherrschenden Westwindlage wegen der sehr schnellen Abnahme der Aktivitätskonzentration in der Abluftfahne als unbeeinflusst von den Emissionen der Firma anzusehen.

(Wird fortgesetzt)

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