Das sind die Nachbarn von Eckert & Ziegler

Braunschweig  Ein Redaktionsbesuch auf der Terrasse des Hauses von Ulrike und Gerd Schmerbach in Thune

Nachbarn von Eckert & Ziegler ,(von links): Rolf Wernicke, Ulrike und Gerd Schmerbach.

Nachbarn von Eckert & Ziegler ,(von links): Rolf Wernicke, Ulrike und Gerd Schmerbach.

Foto: Rudolf Flentje

Eigentlich ist es eine Idylle, in der Ulrike und Gerd Schmerbach wohnen. Hinter ihrem Haus in Thune liegt der große Garten. Von dort kann der Blick schweifen, kein Haus schränkt die Sicht ein. Der breite Mittellandkanal liegt den Schmerbachs gleichsam zu Füßen. „Wenn man hier wohnt, braucht man nicht in den Urlaub zu fahren“, findet Gerd Schmerbach.

Die Fenster des runden Gartenhäuschens sind mit roten und orangefarbenen Folien verkleidet. Gleich hinter dem Zaun zeichnen sich graue Firmengebäude ab. Es ist ein Rauschen zu hören. „Das sind die Abluftanlagen von Eckert & Ziegler“, erklärt Rentner Gerd Schmerbach (64).

Weht der Wind von Westen, bekommen die Anwohner der Kanalsiedlung die Abluft aus erster Hand. So sagt man das hier.

Seit vor einem halben Jahr die Pläne des Unternehmens bekannt wurden, das Gelände am Gieselweg zu erweitern und eine neue Halle zu bauen, kämpfen die Schmerbachs. Sie gehören zur Bürgerinitiative Strahlenschutz (BISS). Das Ehepaar vermutet, dass die strahlenmedizinische Firma in Thune radioaktiven Müll aus der Asse aufbereiten will. Mitten in ihrem Wohngebiet.

Gemeinsam mit Rolf Wernicke, der zwei Häuser weiter wohnt, sitzen Ulrike und Gerd Schmerbach im Esszimmer. Auf dem Tisch steht eine Glasvase mit roten Tulpen und gelben Osterglocken. Schmale Lampen hängen von der Decke. Sie verbreiten warmes Licht. „Wir sind keineswegs gegen Eckert & Ziegler. Das Unternehmen soll in Thune bleiben“, sagt Schmerbach. Allein, sie wehren sich gegen den Neubau, gegen eine mögliche Aufbereitung von Atommüll in Thune.

Gerd Schmerbachs grauer Bart ist akkurat gestutzt. Beim Sprechen blickt er sein Gegenüber über die Brillengläser hinweg an. Der 64-Jährige räumt ein: „Wir haben uns alle über den Atomausstieg gefreut, aber vergessen, dass der strahlende Müll entsorgt werden muss.“ Deswegen seien Unternehmen wie Eckert & Ziegler, die diesen entsorgen könnten, wichtig und notwendig – aber eben nicht im Wohngebiet.

75 Meter sind es bis zum Zaun von Eckert & Ziegler. Wie lebt es sich da? Noch vor einem Jahr hätten sich weder die Schmerbachs noch Rolf Wernicke vorstellen können, in einer Bürgerinitiative aktiv zu sein. Bürgerinitiative – das war für sie ein negativ besetzter Begriff. Sie verbanden damit Radikalität. „Wir sind keine Öko-Freaks oder Revoluzzer. Wir sind ganz normale Bürger“, sagt Schmerbach.

Als er seine ersten Handzettel verteilte, hat er sich gefragt: Du alter Knochen, was machst du hier überhaupt? Schnell hatte sich die Frage erledigt. Zu interessiert waren die Mitbürger. Mittlerweile sind nach Angaben der BISS 300 Menschen in der Bürgerinitiative. 6000 Unterschriften haben sie bereits gegen die Baugenehmigung gesammelt.

Angst um die eigene Gesundheit haben die Drei kaum. Es geht ihnen viel mehr um die Zukunft, sagen sie. Die Zukunft von Thune, von Braunschweig, ja der ganzen Region.

Rolf Wernicke erklärt: „Wir wollen nicht, dass das hier das deutsche Atomklo wird.“ Die Ignoranz mancher Älteren im Dorf versteht er nicht. Viele von ihnen hätten eine egoistische Grundeinstellung, wie er findet. Die mögliche Atommüllbehandlung in Thune interessiere sie nicht. Wernicke fragt jedoch: „Aber was ist mit den Familien, den kleinen Kindern?“

Die erwachsenen Kinder der Schmerbachs sind schon lange aus dem Haus. An einer Wand im Esszimmer hängen bunte Bilderrahmen mit Fotos von Tochter und Sohn.

Ihre Mutter sorgt sich im Nachhinein um die beiden. Denn schon Jahrzehnte bevor Eckert & Ziegler 2009 nach Braunschweig kam, gingen auf dem Gelände Firmen mit radioaktivem Abfall um. Für Ulrike Schmerbach ist es nicht mehr wie früher in Thune, in ihrem Haus, in dem sie geboren wurde: „Im Gefühl hat sich etwas verändert.“

Alles was den Ort oder die Firma angeht, nimmt sie sensibler und ängstlicher wahr als früher. „Und die Ängste werden mit jeder neuen Nachricht größer“, ergänzt ihr Ehemann sorgenvoll.

Die 61-Jährige erzählt, bereits ihr Vater habe sich Ende der 1960er Jahre gegen die Ansiedlung einer Chemiefabrik in Thune engagiert. Jedoch ohne Erfolg. Schon lange ist den Dreien also die Nachbarschaft bekannt, in der sie leben. „Es ärgert mich, dass wir nicht früher aktiv geworden sind. Wir haben denen jahrelang geglaubt. Wir haben nicht nachgehakt“, sagt Rolf Wernicke verbittert und senkt den Blick.

Aber, fügt Ulrike Schmerbach hinzu, es habe früher auch weniger Informationen gegeben. Heute wüssten sie, dass die Strahlungswerte am Zaun von Eckert & Ziegler höher seien als die in Gorleben. Wernickes Stimme wird laut, er sagt: „Über Gorleben regt sich alle Welt auf, aber das Atommülllager, das liegt mitten im Wald!“

Neben Gerd Schmerbach liegt ein dicker blauer Aktenordner. Jeden Tag verbringt der Rentner drei bis vier Stunden mit der BISS, mit dem Engagement für die gemeinsame Sache. „Was ich in einem halben Jahr in mein Hirn gedonnert habe, ist unglaublich“, findet Schmerbach.

Es plagt ihn, dass die Stadt aus seiner Sicht so unkooperativ ist und die Sorgen der Bürger anscheinend nicht ernst nimmt. „Wir müssen uns alle Informationen mühsam selber suchen“, erzählt er.

Es deprimiere ihn, dass sich die Verwaltung so zurückhält. Zumindest hätte er erwartet, dass sein Oberbürgermeister beim Hearing in der Stadthalle gewesen wäre. Carsten Lehmann, der zuständige Dezernent, reichte ihm als Vertreter der Stadt nicht aus.

Am nächsten Dienstag stehen die Pläne von Eckert & Ziegler auf der Tagesordnung im Rat der Stadt. „Wir hoffen“, sagt Rolf Wernicke, „dass am Ende der gesunde Menschenverstand siegt.“

Demnächst lesen Sie:

Wir berichten regelmäßig ausführlich über die Sorgen der Anwohner und Bürger, die Position des Unternehmens, die anhängigen Klagen und die Entscheidungen der Stadt.

In der nächsten Woche:

- Wie läuft die Diskussion im Rat?

- Redaktionsbesuch in einem Labor von Eckert & Ziegler

- Reaktionen und Kontroversen

Hinweise und Anregungen an:

henning.noske@bzv.de

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