Die Auferstehung eines Schwerenöters 

Weitgehend unbekannt: Casanova schlief auch in Braunschweiger Betten – Themenabend von Andreas Jäger

Andreas Jäger als Casanova.    

Andreas Jäger als Casanova.    

Foto: Peter Sierigk

Wolfenbüttel hat ihn sich werbeträchtig einverleibt. Giacomo Casanova soll dort vom 12. bis 20. Juni 1764 seine schönsten Tage verbracht haben. Doch vor und nach dieser seligen Woche hat der größte Liebhaber der Weltgeschichte viele Tage in Braunschweiger Betten geschlafen – und war auch nicht gerade unglücklich dabei. Ein Fakt, der bislang kaum bekannt ist. Der Schauspieler Andreas Jäger rollt die Sache nun auf: Er widmet Casanova einen Themenabend, der nicht nur dessen amouröse Abenteuer beleuchtet, sondern auch die Zeit, in der er lebte.

Flucht aus London

Jäger spürte die Braunschweiger Bezüge Casanovas bei seiner Beschäftigung mit den Herzögen in Wolfenbüttel auf. Der 41-Jährige empfiehlt sich bekanntlich im Schloss als "hochfürstlicher Tanzmeister" bei Erlebnisführungen. Beim Schmökern in Casanovas Memoiren – veröffentlicht in stolzen 12 Bänden – stieß er zu seiner völligen Überraschung auf die Braunschweiger Zeit des Schwerenöters.

Am 18. Mai 1764 sei der damals 39-jährige Casanova von Wesel nach Braunschweig aufgebrochen, hat Jäger herausgefunden. Vorher sei er in London gewesen, habe sich dort (mal wieder) eine Geschlechtskrankheit zugezogen und aus berechtigter Furcht vor dem Strang wegen Ärgers mit einem Wechsel (mal wieder) die Flucht aus England ergriffen. In Brüssel war Casanova auf einen Patensohn getroffen, dessen Eltern in Braunschweig lebten, und der die Stadt warm empfahl. Dort könne man sich prächtig erholen.

In Wesel dann die Begegnung mit der Gesangsvirtuosin Redegonda, die ein Engagement in Braunschweig antreten sollte. Das traf sich: Man reiste gemeinsam in der Kutsche an, "und hier haben wir schon die erste Frauengeschichte", so Jäger grinsend.

In Braunschweig fühlte sich Casanova offenkundig wohl, weil in bester italienischer Gesellschaft. So war er – siehe Text unten – zu Gast bei Theaterdirektor Filippo Nicolini, einem schrägen Vogel, wie Jäger betont.

Der Braunschweiger Schauspieler hält Casanova für den James Bond des 18. Jahrhunderts. Schließlich habe er nicht nur die Damen im Sturm genommen, sondern sei auch mehrfach in Regierungsmission als Spion tätig gewesen. Doch Casanova, der Beglücker der Marquisen, übte auch noch jede Menge andere Professionen aus: Unter anderem schrieb er Rezensionen, komponierte das Libretto einer Oper, war Theatergeiger und Jurist, gründete die staatliche Lotterie in Frankreich, arbeitete an einem Bewässerungsprojekt und wirkte bei der Änderung des russischen Kalenders mit. Casanova sprach viele Sprachen, "und wenn man nicht wüsste, dass es ihn tatsächlich gab, man glaubte, diese Biografie sei erfunden".

Bei seinem Casanova-Abend will Jäger aber auch die damaligen Lebensumstände beleuchten. "Eine spannende Zeit." Er will vor Augen führen, wie man damals reiste, aß, sich vergnügte. "Was für uns heute als unmoralisch gilt, war damals ganz normal", meint der Braunschweiger. So hätten Damen im Ehevertrag festhalten lassen, dass sie ihren Liebhaber behalten durften.

Ein Lebensgenießer

In Kostüm, Perücke und angemessener Sprache wird Jäger Casanova auferstehen lassen. Zum ersten Mal heute Abend ab 20 Uhr bei der Kulturnacht im Antiquariat "Buch & Kunst". Weitere Auftritte werden folgen, terminiert sind sie noch nicht. Sehr wahrscheinlich wird Casanova auch mal im Raabe-Haus vorbeischauen. "Casanova war ein Lebensgenießer", so Jäger. Auch wenn dessen Memoiren manchmal doch recht ausschweifend seien, sei er eine faszinierende Figur, "und der erste wirkliche Europäer".

Von Braunschweig aus reiste Casanova schließlich nach Potsdam. Der "Alte Fritz" hatte ihm einen Job angeboten. Casanova sollte Kadetten unterrichten. Am 30. Juni traf er vermutlich in Berlin ein. Den Job lehnte er schließlich ab.

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