Geschichte der groben Eingriffe

Schon Peter Joseph Krahes Sohn beklagte im19. Jahrhundert Zerstörungen im Wallgefüge

Den Wallring vor weiteren Eingriffen bewahren – was der Oberbürgermeister will, nämlich das Schützenswerte wirklich zu schützen, wird all jene freuen, die diesen Grüngürtel auf der alten Grenze zwischen Stadt und Land, dieses in drei Jahrzehnten entstandene Gesamtkunstwerk Peter Joseph Krahes, schon immer in Ehren gehalten haben.

Was wir an Krahe und seinem Lebenswerk haben, wurde uns noch einmal 2008 bewusst, als zum 250. Geburtstag des Baumeisters eine Gruppe von Kunst- und Architekturhistorikern in Ausstellungen, Vorträgen und Aufsätzen uns Krahes Erbe nahebrachten. Einfühlsame Rückblenden in die Epoche zwischen Barock und Historismus.

Krahe verwandelte die nutzlose Befestigungsanlage in ein System von Parks, Gärten und Promenaden. Das Augusttor wurde zum repräsentativen Stadteingang umgebaut, nordöstlich davon gelang ihm in vortrefflicher Weise der Monumentplatz, ab 1904 Löwenwall.

Krahes Augusttorplatz verschwand als Geschichtsbild im überdimensionierten Kennedyplatz. Der renommierte Architekt Oswald Mathias Ungers (1926 – 2007) über den Kennedyplatz: "Hier läuft die Stadt aus". Der Europaplatz, bestückt mit den meisten Ampeln in Braunschweig, ist ein weiterer schwerer Verstoß gegen die 1951 vom Braunschweiger Rat beschlossene Wallringsatzung.

Einer der größte Kenner des Kraheschen Erbes ist Dr. Simon Paulus. Er forscht und lehrt an der Technischen Universität am Institut für Bau- und Stadtbaugeschichte, Fachgebiet Baugeschichte. Zum Krahe-Geburtstag hat er mit Ulrich Knufinke für das Landesmuseum einen 171-seitigen Wegweiser herausgegeben.

Für die BZ hat Paulus in Friedrich Maria Krahes Schrift "aus dem Leben und Wirken meines lieben seligen Vaters . . ." nachgeblättert. Friedrich Maria Krahe, der das Altstadtrathaus mit Autorshof restaurierte, beklagte schon in seiner 1888 veröffentlichten Schrift Eingriffe in das Wallgefüge: ". . . Manche Avenuen, wie um Wenden, Petri und Wilhelmithore, (sind) durch unnöthigen Abbruch der Barrieren in ihren Grundformen dermaßen geschädigt, daß sie dadurch in ihrem ursprünglichen Werthe ungemein verloren haben." Und weiter: "Baumgruppen sind zur Liebe der Anwohner entfernt und manches Große wie die Avenue am Petrithore und die große Rasenfläche an der Hohenthorspromenade ist durch kleinliche Ansichten auch wirklich klein geworden und dadurch die vermeintlichen Verbeßerungen in das Gegentheil umgeschlagen." Schließlich konstatiert er in Braunschweig einen "geringen Grad an Kunstsinn" und "Balhornisirungen".

Das würde unser Gesprächspartner, der stets höflich auftretende Simon Paulus, gewiss weniger krass formulieren. Inhaltlich ist er freilich völlig bei Friedrich Maria Krahe. Paulus sieht weiterhin die Gefahr, dass durch viele kleine, scheinbar unbedeutende Eingriffe die Schönheit des Walls leidet.

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