Geschichte entdecken auf einer Tour durch Hattorf

Wolfsburg.  Runter vom Sofa, rein in den Herbst: Dieser Spaziergang macht gute Laune, und dank des Kulturvereins Hattorf ist man hinterher schlauer.

Die Kirche St. Nicolai krönt den Hattorfer Lindenberg. 

Die Kirche St. Nicolai krönt den Hattorfer Lindenberg. 

Foto: Stephanie Giesecke

Fröstelwetter, grauer Himmel, den ganzen Tag wird es nicht wirklich hell. Da kann man schon mal beschließen, einfach nur zu Hause zu bleiben. Muss man aber nicht. Bei einem Spaziergang durch Hattorf lässt sich gleichzeitig Licht tanken, das Farbfeuerwerk des Herbstlaubes bewundern und in die Wolfsburger Geschichte eintauchen.

Sinnvoll ist es, für den kleinen Ausflug den „Rundgang durch Hattorf“ von der Internetseite des Kulturvereins herunterzuladen, ein kleines Picknick ­einzupacken und mit der Broschüre bewaffnet zum Lindenberg zu fahren. Hier beginnt die Tour durch den Ort, der 1197 erstmals urkundlich erwähnt wurde und somit auf eine mindestens 823-jährige Geschichte zurückblickt.

Die Kirche beherbergt Erinnerungen an Adelsfamilien

Nicht ganz so, aber doch schon ziemlich alt ist die hübsche Sandstein-Kirche St. Nicolai, die den Lindenberg krönt. Sollte sie geöffnet sein, unbedingt hineinschauen: Im Inneren verbergen sich neben einer fantastischen Orgel unter anderem zwei interessante Grabdenkmäler, eine Kanzel und ein Taufbecken, die davon zeugen, dass in Hattorf einst die Adelsfamilien von Marenholtz und von der Wense ansässig waren. Wenn die Kirche geschlossen ist, geht man direkt ein paar Schritte über den im Herbst mit Kastanien übersäten Rasen, schaut ins „Tal“ und stellt sich vor, was man hier vor einigen Jahrhunderten zu sehen bekommen hätte. Wo sich heute die Gärtnerei Dieterichs befindet, lag früher der Schlosspark, ein echter zum Herrenhaus gehörender Barockgarten.

Das schauen wir uns mal genauer an. Eine Treppe führt zur Kirchbergstraße hinab, der Weg weiter an einem sehr schmucken Vierseithof vorbei hangabwärts. Dort liegen rechts die wenig spektakulären Landarbeiterhäuser der Gutsarbeiter, und links geht es zum Gärtnereigelände. Vor dem Geschäft locken die schönsten Kürbisse, aber die Geschichte hat jetzt Vorrang, und die ehemalige Schlossbrücke ist schon zu sehen. Das letzte Relikt des Herrenhauses besteht aus großen Sandsteinen, das Geländer ist aus Holz, und darunter liegt verwunschen ein stilles Wasser unter einem hellgrünen Teppich aus Wasserlinsen.

Vom Herrenhaus steht nur noch die Brücke

Die Broschüre des Kulturvereins erklärt, dass die Brücke vermutlich aus dem 16. Jahrhundert stammt, das Schloss nach der französischen Besatzung abgerissen wurde und Ausgrabungen in den 80er-Jahren Scherben und Teile von Kachelöfen zutage förderten.

Dem Rundgang weiter folgend, geht es jetzt zurück ins Dorf und auf die Krugstraße. Hier zeugt wie an mehreren Hattorfer Häusern die Inschrift an einem Fachwerkhaus von gottesfürchtigen Bauherren. Die ehemalige Schmiede an der Krugstraße ist nur noch mit viel Fantasie zu erahnen, der ehemalige Dorfladen an seinem Schaufenster und der Markise gut zu erkennen. Das Hotel war früher eine Poststation, ein langgestrecktes weißes Fachwerkhaus ein Gasthof.

Reitbahn erinnert an Napoleon

Die Tour führt weiter zu einem alten Spritzenhaus und der Straße „Reitbahn“, deren Name an die napoleonische Besatzungszeit erinnert. Über all die Blicke in die ortsgeschichtliche Broschüre sollte man jedoch auf keinen Fall versäumen, die kenntnisreich angelegten Hattorfer Gärten, die liebevoll restaurierten Haustüren, bemoosten Dächer und die zahlreich auf Rasenflächen sprießenden Pilze zu bewundern.

Oder den Einheimischen zuzuhören. Kurz vor der Schunterbrücke weiß Richard Westphal auf Anhieb, wo die alte Mühle stand. Er ist ja direkt daneben aufgewachsen und hat noch erlebt, wie dort früher gemahlen und Strom erzeugt wurde und wie der Müller das Wasser der Schunter bei Bedarf in den Mühlengraben umleitete. Oft bettelten Westphal und die anderen Kinder den Müller darum an: Hatten sie Erfolg, ging es für sie in den rauschenden Bach, mit Badehose oder ohne - juchhe.

Lindenberg lädt zum Picknick ein

Nach einem 90-minütigen Gang ist der Spaziergänger mit neuen Eindrücken versorgt und würde nun vielleicht gerne einen heißen Tee oder eine Suppe in einem urigen Café zu sich nehmen. Das gibt es in Hattorf leider nicht, aber dafür hat man ja das Picknick! Auf dem Lindenberg steht vor dem Pfarrwitwenhaus unter alten Bäumen ein riesiger Steintisch, an dem man schmausen kann.

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