Friseur Klier in Not – Ziel: Im Frühjahr aus der Insolvenz raus

Wolfsburg.  Die Sanierer erklären den Zeitplan für die Reorganisation der Wolfsburger Friseurkette Klier Hair Group.

Sanierer erklären, wie die Klier Hair Group neu aufgestellt werden soll.

Sanierer erklären, wie die Klier Hair Group neu aufgestellt werden soll.

Foto: Hendrik Rasehorn

Die „Klier Hair Group“ hat Insolvenz angemeldet und das Schutzschirmverfahren beantragt. Als Sanierung-Geschäftsführer wurde Detlef Specovius bestellt von der Kanzlei Schultze &Braun, ihm zur Seite steht Tobias Hartwig, der Leiter des Standorts Braunschweig von S&B. Im ersten Teil des Exklusivinterviews mit Specovius, das am Mittwoch in unserer Zeitung erschienen ist, hatte der Insolvenzspezialist erklärt, wie Klier in die Krise schlitterte.

Im zweiten Teil des Interviews erklären er und Hartwig, welche konkreten Pläne es für die Reorganisation von Klier gibt. „Wir wollen nun Klier als Marke neu positionieren. Das wird einiges an Zeit benötigen. Das ist die große Herausforderung. In den nächsten Monaten werden wir die Maßnahmen ergreifen müssen, die kurzfristig Erfolg versprechen.

Woran liegt es, dass Unternehmen, die jahrelang erfolgreich waren, in die Krise rutschen?

Specovius: Das läuft im Grunde genommen immer nach dem gleichem Muster ab. Es fängt immer mit der strategischen Krise an, die von einem Unternehmen nicht erkannt wird. Wenn es die Krise dann doch realisiert, versucht es gegenzusteuern, zum Beispiel über Preisdumping, um etwa Ware loszuwerden. Das sorgt kurzfristig zwar für Umsatz, führt aber zu einer Ergebniskrise, woraus sich schließlich die Liquiditätskrise ergibt. Wenn dann nicht mehr die Rechnungen bezahlt werden können, bleibt nur noch der Gang zum Insolvenzgericht.

Klier hat 9200 Mitarbeiter in ganz Deutschland – praktisch gefragt: Wie steht die Zentrale in Wolfsburg mit denen in Kontakt?

Specovius: Das funktioniert gut, Klier hat eine eigene App, darüber haben wir die Mitarbeiter auch über den Insolvenzantrag informiert. Der weitere Kontakt zu den Mitarbeitern ist natürlich eine Führungsaufgabe. Die jeweiligen Bereichsleiter müssen nun ständig unterwegs sein. Sie müssen sich auch die Filialen genau anschauen, hinterfragen, ob und wie man die reorganisieren könnte.

Hartwig: Es erfolgt auch Kommunikation, die über die Personalabteilung kanalisiert wird. Und dann ist es auch so, dass Mitarbeiter auf unser Team vor Ort direkt zukommen. Die Vorfinanzierung des Insolvenzgelds zum Beispiel war eine echte Herausforderung, das muss man in der Dimension erstmal darstellen können. Aber Gott sei Dank macht auch die Bundesagentur für Arbeit an der Stelle einen richtig guten Job.

Sie hatten im ersten Teil des Interviews erklärt, dass Klier zu viele Filialen hat, für die Verträge mit zu hohen Mieten vereinbart wurden. Von wie vielen Filialen wird sich Klier trennen, um sich zu sanieren?

Specovius: Müssten wir heute entscheiden, haben wir die Filialen identifiziert, von denen Klier sich trennen würde. Aber alles ist noch im Fluss, wir verhandeln mit den Vermietern, ob sie Klier entgegenkommen. Vor der Insolvenz lautete die Antwort meistens nein. Die Vermieter beriefen sich auf den Vertrag und drohten bei Kündigung mit Schadensersatzforderungen. Nun im Schutzschirmverfahren hat Klier eine bessere Position. Es gilt die verkürzte Kündigungsfrist von drei Monaten und Schadensersatz kann der Vermieter nur zur Tabelle anmelden. Deshalb sind viele nun gesprächsbereit. Manche Vermieter, die den Vertrag schon gekündigt haben, finden keinen Nachmieter und wollen dann doch verhandeln. In den Insolvenzverfahren von Esprit und Bonita haben wir es auf diese Weise geschafft, weit unter bei der ursprünglich anvisierten Anzahl von Ladenschließungen zu bleiben. Genau dies erhoffen wir uns bei Klier. Würde ich Ihnen außerdem eine Zahl nennen, werden die Mitarbeiter nervös. Das wollen wir nicht. Wenn Filialen geschlossen werden sollten, werden wir zuerst die Mitarbeiter informieren und danach die Öffentlichkeit.

Hartwig: Genau diese Thematik zeigt, welche Möglichkeiten ein solches Restrukturierungsverfahren mit sich bringt. Es lassen sich beispielsweise Miet- und Leasingverträge unproblematisch und rechtssicher beenden oder eben neu verhandeln.

Wie wollen Sie es schaffen, bei aktuell 1237 Filialen in der Kürze der Zeit mit allen Vermietern ins Gespräch zu kommen?

Specovius: Unter den Vermietern sind kaum ausländische Fonds. Wir haben viele Privatvermieter, was es nicht einfacher macht, weil dort in der Tat mit einer Vielzahl an Leuten gesprochen werden muss. Es gibt aber auch viele Ankervermieter – zum Beispiel die ECE-Gruppe, Edeka oder Rewe. Dort sind unsere Ansprechpartner professionelle Vertriebler.

Sind diese Ankermieter, die insbesondere 1A-Lagen betreiben, zu Konzessionen bereit?

Specovius: Vor 14 Jahren habe ich bei meinem Mandat für Sinn Leffers mit ECE über die Reduzierung der Mieten verhandelt. Keine Chance! 14 Jahre später habe ich für Bonita mit ECE verhandelt – und die haben sich extrem bewegt. Bei diesen Ankermietern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Konjunktur langsam schwächer wird. Zehn Jahre lang lief die deutsche Wirtschaft sehr gut. Wenn jemand seinen Arbeitsplatz verlor, fand er gleich einen neuen. Das ändert sich nun, viele Angestellte sind in Kurzarbeit, die Konsumenten verdienen weniger, viele müssen an ihre Ersparnisse ran. Die Einkaufszentren fürchten eines: leere Flächen, denn die schrecken ihre Kunden ab. Deshalb glaube ich, dass wir bei Klier gute Chancen haben werden, signifikante Nachlässe zu bekommen.

Hartwig: In diesem Zusammenhang mache ich schon seit einigen Jahren darauf aufmerksam, dass sich zwischen derartigen Einkaufszentren und Filialisten toxische Schicksalsgemeinschaften gebildet haben. Da kann es schnell zu Problemen kommen, die in die eine oder andere Richtung durchschlagen.

Wie haben Lieferanten und Banken auf die Insolvenz von Klier reagiert?

Specovius: Wir haben nicht einen Lieferanten verloren. Das ist verständlich: Wenn Klier dicht machen würde, würden die Lieferanten eine Masse an Umsatz verlieren und das müssten sie selbst erstmal auffangen. Die Banken haben das gemacht, was in einer solchen Situation üblich ist: Sie haben die Kredite offiziell gekündigt. Im Moment benötigen wir sie aber auch nicht, weil wir uns aus uns selbst heraus finanzieren müssen, das ist für das Schutzschirmverfahren immanent. Ob die Banken, wenn das Schutzschirmverfahren beendet ist, wieder zu Klier stehen, darüber führen wir in den nächsten Wochen Gespräche.

Hartwig: Für die an dem Verfahren beteiligten Lieferanten bin ich derzeit der zentrale Ansprechpartner, um die Weiterbelieferung in dem Restrukturierungsverfahren zu gewährleisten. Ich bin positiv überrascht, wie gut das läuft. Aber das ist eben das Resultat einer langjährigen guten Beziehung zwischen Klier und den Lieferanten, tollen Mitarbeitern in der Verwaltung von Klier und der transparenten Kommunikation in der Sache.

Wer sind die wichtigsten Kreditgeber von Klier?

Specovius: Die Volksbank Braunschweig und die Postbank.

Wie viel Verbindlichkeiten hat Klier?

Specovius: Bei den Lieferanten sind die Verbindlichkeiten von Klier für ein Unternehmen dieser Größenordnung gar nicht so groß: gerade einmal 2,8 Millionen Euro. Beim Lieferantenkredit wurde nicht ans Limit gegangen. Was kommen wird sind die Verbindlichkeiten, die daraus resultieren, dass Klier das Insolvenzgeld in Anspruch nimmt. Das sind rund 30 Millionen Euro für drei Monate. Und es kommen noch die Verbindlichkeiten aus den noch zu kündigen Mietverträgen für Filialen hinzu. Es steht noch nicht fest, welche Vermieter – die eine Schadensminderungspflicht haben – ihre Forderungen zur Insolvenztabelle anmelden. Das hat aber nichts mit dem operativen Geschäft zu tun.

Wie viele Mieten laufen bei Klier jeden Monat auf?

Specovius: Circa 4,5 Millionen Euro. wobei das natürlich Zahlen der Vergangenheit sind. Die Bilanz ist immer rückwärtsgewandt, wir wollen ja nun nach vorne schauen.

Auch wenn die Bekanntgabe des Schutzschirmverfahrens für Klier Negativschlagzeilen zur Folge hatte, dürften die positiven Faktoren überwiegen. Oder?

Specovius: Das Schutzschirmverfahren wurde erst 2012 in die Insolvenzordnung aufgenommen. Davor kritisierten die Insolvenzrichter, dass Insolvenzanträge häufig viel zu spät gestellt wurden, zu einem Zeitpunkt, an dem die betroffenen Unternehmen kein Geld mehr hatten und nur noch abgewickelt werden konnten. Es gab bis dahin keine Möglichkeit, eine drohende Zahlungsunfähigkeit anzuzeigen. Unternehmen, die nun versuchen sich unter den Rettungsschirm zu retten, stehen vielleicht mit dem Rücken zur Wand, aber sie haben noch die Möglichkeit, Restrukturierungsmaßnahmen in Ganz zu setzen, weil auch noch Geld dafür da ist. Hartwig: Für Unternehmen, bei denen sich eine Krise abzeichnet, ist ein solches Schutzschirm- beziehungsweise Eigenverwaltungsverfahren sicherlich eine ernsthafte Chance, sich neu und zukunftsorientiert aufzustellen.

Können Sie die Marschroute für das Insolvenzverfahren von Klier aufzeigen?

Specovius: Das Schutzschirmverfahren dauert drei Monate, in denen der Insolvenzplan erarbeitet wird. Darin wird das Leitbild für eine reorganisierte und neuausgerichtete Klier Hair Group niedergelegt und erklärt, warum wir glauben, dass Klier, wenn es aus dem Insolvenzverfahren rauskommt, besser dasteht als vorher. Für die Neuausrichtung hat der Klier-Aufsichtsrat den neuen CEO Michael Melzer bestellt. Wir wollen nun Klier als Marke neu positionieren. Das wird einiges an Zeit benötigen. Das ist die große Herausforderung. In den nächsten Monaten werden wir die Maßnahmen ergreifen müssen, die kurzfristig Erfolg versprechen. Zum 1. Dezember 2020 wird das endgültige Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung eröffnet. Mitte oder Ende Januar 2021 könnte die Gläubigerversammlung anberaumt werden. Dafür sollen die Gläubiger ihre Forderungen zur Tabelle anmelden. Es gibt einen weiteren Termin, an dem diese Forderungen geprüft werden. Darauf folgt ein Erörterungstermin, bei dem der Insolvenzplan den Gläubigern vorgestellt wird und schließlich den Abstimmungstermin, bei dem die Gläubiger über den Plan abstimmen. Das könnte Mitte oder Ende Januar 2021 sein. Nehmen die Gläubiger den Plan an, könnte nach der Rechtsmittelfrist Klier im März, vielleicht sogar schon Ende Februar aus der Insolvenz rauskommen. Das hängt auch vom Amtsgericht Wolfsburg ab, ob es in der Lage ist, so schnell alles zu planen.

Hartwig: Wenn ich das richtig einschätze, gab es in Wolfsburg noch nie ein so großes Insolvenzverfahren. Das Amtsgericht Wolfsburg ist aber nach meiner Erfahrung gut aufgestellt und auch technisch in der Lage, ein Verfahren dieser Größenordnung zu bearbeiten.

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