Selbstjustiz nach Messerangriff: Mildes Urteil in Wolfsburg

Wolfsburg.  Das Video von einem Messerangriff im Wolfsburger Kaufhof ging im Januar viral. Das Opfer und seine Brüder fanden den Täter vor der Polizei.

Eine Überwachungskamera hielt im Januar die Messerattacke im Wolfsburger Kaufhof fest. Fünf Tage später nahmen der angegriffene Türsteher und seine drei Brüder sich den Täter vor.

Eine Überwachungskamera hielt im Januar die Messerattacke im Wolfsburger Kaufhof fest. Fünf Tage später nahmen der angegriffene Türsteher und seine drei Brüder sich den Täter vor.

Foto: Hendrik Rasehorn (Archiv)

Um eine Straftat, die viele Menschen fassungslos machte, und ihre ebenfalls schlimmen Folgen ging es am Mittwoch im Amtsgericht Wolfsburg. Vier Brüder mussten sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Fünf Tage nach einem Messerangriff auf einen von ihnen stellten sie den Täter und schlugen ihn zusammen.

Am 5. Januar hatte der Jugendliche den Türsteher von hinten attackiert, nachdem der ihm Stunden zuvor den Zutritt zur Bar K-Four verweigert hatte. Ein Video der Tat verbreitete sich rasend schnell in der Stadt, doch am 10. Januar befand sich der Messerstecher immer noch auf freiem Fuß. Gegen 21.30 Uhr entdeckten die Brüder ihn in der Porschestraße. „Er trug die gleiche Hose, die gleiche Jacke und traute sich, einfach so in der Stadt herumzulaufen“, sagte der Türsteher vor Gericht.

Wolfsburger Messerstecher versteckte sich in einer Abstellkammer

Seine Brüder und er folgten dem 17-Jährigen in ein Wettbüro. Er versuchte, sich in eine Abstellkammer zu retten, doch sie holten ihn heraus und schlugen und traten, während der Älteste auf ihm kniete, auf ihn ein. Dass der Jugendliche dabei nur oberflächliche Blessuren an Kopf und Oberkörper erlitt, war - wie die Richterin bemerkte - sein Glück. Tritte mit dem Schuh gegen den Kopf gelten als potenziell lebensgefährlich. „Er hätte auch sterben können“, betonte die Staatsanwältin.

Die vier Männer hatten bis dato ein vollkommen unauffälliges Leben gelebt. Die Tat räumten sie vollumfänglich ein und äußerten alle Bereitschaft, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Reue zeigten sie nicht. Die Polizei, erklärte der Zweitälteste, habe ihnen nach dem Angriff gesagt, sie kenne den Täter nicht. Sie könnten ihn suchen und Bescheid geben, wenn sie ihn fänden. Als sie den Jugendlichen im Tipico erwischt hätten, hätten sie sogleich gebeten, die Polizei zu rufen.

Richterin sieht Selbstjustiz statt Angst

Dass seine Brüder und er auf den 17-Jährigen losgingen, erklärte der Angeklagte mit Angst davor, dass der wieder ein Messer aus der Tasche ziehen könnte. Der Türsteher bekräftigte das: Der Junge habe sie beleidigt und ihnen gedroht. „Wir dachten, er hat vielleicht Waffen.“

Diesen Teil der Geschichte nahm das Gericht ihnen nicht ab. Es sei richtig gewesen, die Augen offenzuhalten, so die Richterin. Die Polizei zu rufen und den Messerangreifer festzuhalten, sah sie ebenfalls durch das Gesetz gedeckt. „Aber dann entartete das Ganze leider und dann kam der Rachegedanke zu stark durch“, hielt sie den Angeklagten vor. „Auch das war ein brutales Vorgehen.“

Vier Brüder erhalten Bewährungsstrafen

Zwar sei ihnen zu verdanken, dass der Mann festgenommen wurde. „Aber das ist Sache des Staates und die Bestrafung ist auch Sache des Staates, nicht ihre Sache“, betonte sie. Mit ihrem Urteil blieb die Richterin am unteren Ende der auf gefährliche Körperverletzungen stehenden Strafmöglichkeiten. Sechs Monate mit Bewährung lautete das Urteil für alle vier.

Der Messerstecher sitzt in der Jugendanstalt Hameln wegen versuchten Mordes ein. Das Landgericht Braunschweig verurteilte ihn im Juni zu dreieinhalb Jahren Jugendhaft. Der Türsteher blieb bei dem Angriff auf ihn unverletzt. Das Messer prallte an einer Schiene der Bandage ab, die er gegen Rückenschmerzen trug. Spurlos ist das Erlebnis nicht an ihm vorbeigegangen: Er stehe jetzt immer mit dem Rücken zur Wand, sagt er.

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