Mohrs: „Bei 20 Neuinfektionen in einer Woche würde ich hellhörig“

Wolfsburg.  Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs erzählt von seiner Strategie, sollten die Infektionszahlen wieder steigen.

Himmelfahrt war wieder Leben im Allerpark.

Himmelfahrt war wieder Leben im Allerpark.

Foto: Helge Landmann / regios24

Die Zahl der Neuinfektionen geht zurück, das gesellschaftliche Leben läuft wieder an. Im Rathaus ist man von Alltagsgeschäft noch weit entfernt: Im Interview mit unserer Zeitung berichtet Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD) von der Arbeit im Krisenstab, seinen Hoffnungen und Ängsten für die Stadt und erläutert, unter welchen Umständen die Maßnahmen wieder angezogen werden müssen.

Was das Coronavirus anrichtet, war zunächst vor allem in Fernsehbildern aus China und Italien zu sehen. Wann war Ihnen klar, dass es auch in Wolfsburg ernst würde?

Bereits vor der Einberufung des formellen Krisenstabes erarbeitete seit Ende Februar eine Koordinierungsgruppe für die jeweils aktuelle Lage entsprechende Vorkehrungen. Wir haben, wie alle anderen Kommunen auch, zunächst die verschiedenen Regelungen und Maßnahmen, für uns selbst getroffen, um dann die Richtlinien der Bundes- und Landesebene umzusetzen.

Fühlten Sie sich gewappnet für das, was kommt?

Der Krisenstab ist das entscheidende Gremium, um über besondere Problemlagen wie beispielsweise Hochwasser, Bombenentschärfungen, einen gestrandeten ICE etc. zu beraten. Das Thema Corona war und ist ein bisher noch nie dagewesenes, über das zu Beginn nicht viel bekannt war. Deshalb hat der Krisenstab mehrmals täglich getagt, um für die Eindämmung des Virus in Wolfsburg wichtige Entscheidungen zu treffen und umzusetzen. Und auch darüber hinaus haben alle Verantwortlichen sich auch bis in die Abendstunden mit den Inhalten beschäftigt.

Fielen die Beschlüsse immer einstimmig aus, oder gab es auch Entscheidungen, zu denen es völlig unterschiedliche Meinungen gab?

Der Krisenstab ist personell sehr gut aufgestellt. Als Oberbürgermeister obliegt mir die Leitung, es nehmen außerdem der Leiter des Gesundheitsamtes, die Leiterin der Notaufnahme teil sowie Vertreter der Feuerwehr, Polizei, des Ordnungsamtes, der Öffentlichkeitsarbeit, der Versorgungsbetriebe, Informations- und Kommunikationstechnik, Hilfsorganisationen, Reservisten der Bundeswehr, sowie Koordinatoren für Personalplanung. Entscheidungen werden diskutiert und immer im Team getroffen.

Mehr aus Wolfsburg: Besuche in Wolfsburgs Pflegeheimen ab Mittwoch wieder möglich

Wie hat sich der Ablauf der Sitzungen geändert?

Der Krisenstab hat sich anfangs drei Mal täglich, um 8 Uhr, um 11 Uhr und um 14.30 Uhr, getroffen. Je nach Themenbrisanz dauern die Sitzungen bis zu 90 Minuten. Bei Bedarf werden auch Externe wie beispielsweise das Diakonische Werk oder der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Dr. Christian Bekermann eingeladen, oder es wird im Anschluss an die Sitzung im kleinen Kreis weiter beraten. Als sich in Wolfsburg die Lage anfing zu stabilisieren, haben wir auf die Wochenenden verzichtet. Zurzeit lässt die Lage es zu, dass wir uns nur noch drei Mal pro Woche treffen müssen.

Für welche Szenarien wappnet sich der Krisenstab heute?

Von Beginn an ein wichtiges Thema war die Beschaffung notwendiger medizinischer Ausstattung und Schutzausrüstung – zum Beispiel das Material für die Infektionstests oder aber auch Schutzanzüge und Mundschutz. Dort hat sich die Situation glücklicherweise entspannt, so dass wir zurzeit gut ausgestattet sind. Dennoch gilt es, die Infektionszahlen im Blick zu halten. Das Gesundheitsamt bildet aktuell zusätzliches Personal aus, damit wir im Bedarfsfall zügig Infektionswege überprüfen können.

Sie meinen damit die Kontaktpersonen-Nachverfolgung? Versuchen Sie, die vom Bund empfohlene Zahl von fünf Mitarbeitern pro 20.000 Einwohner zu erreichen – für Wolfsburg würde das 31 Mitarbeiter bedeuten? Derzeit sind es 12, teilte die Stadt erst kürzlich mit.

In der aktuellen Situation ist die Anzahl der Mitarbeiter auskömmlich. Der Bund hat mit dem Richtwert uns als Kommune eine Orientierung geliefert, wieviel Mitarbeiter im Notfall bereitzuhalten sind. Aus meiner Sicht macht es Sinn, je nach Neuinfektionen immer ausreichend Mitarbeiter zur Verfügung zu haben. Deshalb ist das erklärte Ziel, mindestens 30 gut geschulte Mitarbeiter in Bereitschaft zu haben, wenn die Zahlen wieder steigen sollten. Wir bilden Kollegen aus der Verwaltung aus, aber ich habe überlegt, dass wir auch ehemalige Mitarbeiter aus der Verwaltung und dem Klinikum ausbilden könnten. Die Kontaktpersonen-Nachverfolgung ist eine der wichtigsten Positionen, die wir brauchen, um auf neue Infektionen zu reagieren und Infektionsherde zu identifizieren.

Welche Folgen der Pandemie werden Wolfsburg noch am längsten beschäftigen?

Die wirtschaftlichen Folgen sind aktuell noch nicht in Gänze absehbar. Inzwischen sind Geschäfte und Gaststätten zwar wieder teilweise geöffnet, aber der Zuspruch ist zurzeit noch viel zu gering für ihr Überleben. Wenn sich die Lage noch lange hinzieht, könnte es durchaus sein, dass sehr viele Betriebe in Not geraten. Auch der städtische Haushalt ist massiv betroffen. Wir müssen uns mit der Frage beschäftigen, was Corona mit unserer Gesellschaft macht. Ich kann mir aktuell zum Beispiel noch nicht vorstellen, dass sich die Klassenräume nach den Ferien wieder komplett füllen. Ein ganz wichtiges Thema ist deshalb, wie wir in Zukunft Schule organisieren. Wir wissen noch nicht genug über die Auswirkungen des Virus auf Kinder und auch über die Übertragungswege. Es fehlt noch an fundiertem Wissen, wie ich es mir wünschen würde, um zweifelsfreie Entscheidungen zu treffen.

Sie sagen, der Zuspruch ist noch gering – doch in der Innenstadt sind vor allem am Wochenende viele Menschen beim Shopping zu sehen, die sich nicht unbedingt an die Abstandsregelungen halten. Welche Gefühle haben Sie dabei: Überwiegt die Sorge um die Wirtschaft oder die Sorge vor einem erneuten Anstieg der Zahlen?

Beides. Ich habe den Eindruck, dass die Gesellschaft zweigeteilt ist. Manche verhalten sich zu sorglos, das beobachte ich jeden Tag. Der größere Teil, und deshalb sind die Geschäfte noch nicht wieder proppenvoll, ist verängstigt und vorsichtig. Diese Menschen erledigen nur, was notwendig ist, und bleiben ansonsten zuhause. Was die Prognose der Zahlen betrifft, haben wir zurzeit noch viel Unsicherheit, ob eine zweite Welle kommt.

Aber würden Sie die Menschen dennoch motivieren wollen, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder mehr auszukosten?

Ich finde es wichtig, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Wenn wir zwei Schutzmechanismen beachten, ist das auch möglich. Den Abstand einzuhalten ist der erste, das Tragen der Alltagsmaske der zweite. Ich halte von beidem sehr viel. Wenn die Menschen das beherzigen, können sie ohne Sorge am öffentlichen Leben teilnehmen.

Der Bund gibt eine Obergrenze von 50 Neuinfektionen in einer Woche für die Kommunen an: Wird sie überschritten, müssen neue Maßnahmen ergriffen werden. Setzen Sie die Messlatte in Wolfsburg niedriger an?

Der Bund spricht von einer Obergrenze. Deshalb würde ich bei 20 Neuinfektionen in einer Woche schon sehr hellhörig werden. Ganz wichtig ist, schnellstmöglich herauszufinden, ob es einen Infektionsherd gibt, also einen Ort, an dem die Infektionen gehäuft auftreten, beispielsweise auf einer Veranstaltung. Wenn 50 Neuinfektionen quer durch die Bevölkerung auftreten, muss im Krisenstab beraten werden, welche Maßnahmen gegebenenfalls wieder eingeführt werden müssen. Wenn es sich jedoch auf einen Ort, zum Beispiel ein Pflegeheim, konzentriert, kann man den Schutzschirm gezielt dort aufspannen.

Wie viel wird in Wolfsburg getestet?

Am Anfang gab es so gut wie keine Testungen. Als es 50 bis 60 am Tag waren, habe ich schon aufgeatmet, das sind belastbare Ergebnisse. Heute liegen die Zahlen der Tests im dreistelligen Bereich. Etwa 100 Menschen werden im Klinikum am Tag getestet, ähnlich viele Testungen veranlasst das Gesundheitsamt, in einer noch größeren Zahl testen nach eigenem Ermessen die niedergelassenen Ärzte.

Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer?

Im Klinikum Wolfsburg werden alle neuen Patienten, die stationär aufgenommen werden, getestet. Das hat den Vorteil, dass dort nicht so leicht Infektionsherde entstehen können. Sollten drei bis fünf Patienten von 60 Neuaufnahmen am Tag positiv getestet werden, wissen wir, dass in der Stadt mehr Menschen krank sind, als offiziell bekannt. Mithilfe unserer exzellenten Statistikabteilung und der Universitäten sind wir aktuell dabei, ein Modell zur Dunkelziffer in Wolfsburg zu erstellen.

Corona in Wolfsburg- Die Fakten auf einen Blick

Coronavirus in Niedersachsen- Alle Fakten auf einen Blick

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder