Marcel Schäfer - Vom Fanliebling zum Funktionär

Wolfsburg  Er ist die Zukunft des VfL Wolfsburg: Marcel Schäfer ist das Gesicht des Klubs, mit dem er sich wie kein anderer identifiziert.

Marcel Schäfer ist mit seinem VfL Wolfsburg sowohl Meister als auch Pokalsieger geworden. Er hat die Champions League erlebt wie auch den Abstiegskampf. Nun ist er als Sportdirektor im Hintergrund tätig.

Marcel Schäfer ist mit seinem VfL Wolfsburg sowohl Meister als auch Pokalsieger geworden. Er hat die Champions League erlebt wie auch den Abstiegskampf. Nun ist er als Sportdirektor im Hintergrund tätig.

Foto: Darius Simka / regios24

. Etwa acht Stunden dauert ein Flug von Tampa nach Düsseldorf, zurück aus Nordrhein-Westfalen nach Florida sind es wieder acht Stunden, 16 also insgesamt. Undenkbar, solch einen Aufwand an einem einzigen Tag auf sich zu nehmen für ein Job-Gespräch, richtig? Falsch.

Im Frühjahr trat Marcel Schäfer den Trip an, um sich mit Jörg Schmadtke zu treffen. Schäfer ließ gerade seine Profikarriere bei den Tampa Bay Rowdies in der 2. US-amerikanischen Fußball-Liga ausklingen, mit der vertraglich schon fixierten Sicherheit auf einen Job in der sportlichen Leitung des VfL im Jahr 2019, wenn er die Fußballschuhe endgültig an den Nagel gehängt hat. Schmadtke, der ein halbes Jahr zuvor beim 1. FC Köln hingeworfen und seitdem viel Zeit auf seiner Lieblingsinsel Ibiza verbracht hatte, bat den Wolfsburger Rekordfeldspieler um das Treffen. Schäfer und Schmadtke besprachen in acht gemeinsamen Stunden folgende Frage: Wie können wir den VfL wieder auf Kurs bringen? Mit dem ganz wichtigen Stichwort: zusammen.

Denn Schmadtke, von dem zu dem Zeitpunkt klar war, dass er den Job des Geschäftsführers übernehmen wird, wollte einen fleißigen Sportdirektor mit Stallgeruch haben – und er bekam ihn. „Das Gespräch war sehr wichtig für mich“, sagt Schäfer. „Ich glaube, es könnte nichts Besseres für mich geben als die Kombination mit Jörg Schmadtke.“

Auf der einen Seite der erfahrene Fußballmanager, der schon in Aachen, Hannover und Köln seine Reformationsqualitäten unter Beweis gestellt hat. Er soll die Gegenwart des VfL sein und die Zukunft einleiten für einen Klub, der zuletzt in gleich zwei Relegationen in Folge stürzte und wegen einer erschreckend hohen Anzahl glasklarer Management-Fehlern zum Chaos-Klub verkommen war. Auf der anderen Seite der wissbegierige Wunsch-Wolfsburger Schäfer, der seinen Lebensmittelpunkt in der VW-Stadt sieht und sich von Kopf bis Fuß mit dieser identifiziert. Er allerdings ohne praktische Erfahrung mit dem Notizblock unter dem Arm, um aufzusaugen, wie sein erfahrener Vorgesetzter arbeitet. Er soll die Zukunft des VfL sein und in der Gegenwart alles dafür lernen. „Wir hoffen“, sagt Schäfer zum ersten Schritt der Zusammenarbeit mit Schmadtke, „dass wir zusammen den VfL stabilisieren können. Er ist der Erfahrene, und ich bin der Jungspund.“

Die Stabilisierung des zwei Jahre lang arg wankenden Klubs hat im Frühjahr dieses Jahres begonnen. Der mächtige Aufsichtsratsboss Javier Francisco Garcia Sanz trat von all seinen Ämtern zurück. Wohl vornehmlich wegen der noch immer nicht befriedigend gelösten Diesel-Krise, um deren Aufklärung er bei Volkswagen führend tätig gewesen war. Viele Jahre war der in Madrid geborene VW-Manager der Kopf des VfL-Führungsgremiums, das in der jüngeren Vergangenheit zu oft ins Tagesgeschäft des Bundesligisten eingegriffen hatte, wenn es nicht gefordert war. Und das in der Personalie Olaf Rebbe zu lange nur zuschaute und den glücklosen Sportdirektor, der im Dezember 2016 die Nachfolge seines Ziehvaters Klaus Allofs angetreten hatte, gewähren ließ. Beinahe bis zum Knockout.

Noch bevor der VfL zum zweiten Mal in Folge in der Relegation um die Bundesliga-Zugehörigkeit antreten musste, zog der Klub die Notbremse und entließ Rebbe. Spät, aber nicht zu spät. Frank Witter, ein unprätentiöser, uneitler ehemaliger Fußballer, ersetzte Garcia Sanz als Chef des Aufsichtsrats. Und der installierte nach den – heute darf man getrost sagen – glücklicherweise an Hannover-Boss Martin Kind gescheiterten Verhandlungen mit Manager Horst Heldt doch Schmadtke. Eine Entscheidung, die sich positiv auf die Zukunft des VfL auswirken dürfte.

Denn nach der geschafften Relegation gegen Holstein Kiel ging der Umbau los. Im Umgang nicht immer einfache Spieler wie Landry Dimata, Victor Osimhen, Riechedly Bazoer und auch der Topscorer der beiden vergangenen Spielzeiten, Daniel Didavi, verließen den Klub. Mit Wout Weghorst, Daniel Ginczek und Jérôme Roussillon kamen hungrige Spieler hinzu, die ins Wertesystem passen, das Schmadtke und Schäfer im Sommer installiert hatten. Der Sportdirektor erklärt: „Die Fans haben uns mit ,Arbeit, Fußball, Leidenschaft’ ein Motto aufgezeigt, mit dem sich der Klub voll identifizieren kann. Wir brauchen das Rad nicht neu zu erfinden. Wir müssen ein Stück näher zu unseren Wurzeln zurückkehren, unsere Werte stärker vorleben und verkörpern – und das an jedem Tag. Das müssen wir dann natürlich auch bedingungslos einfordern.“ Wer sich nicht an diese Werte halten kann, wird abgewatscht. Klare Kante statt lange Leine. Kaylen Hinds (20), der nach einer erlaubten Reise in seine englische Heimat mehrere Wochen danach unerlaubt noch immer nicht nach Wolfsburg zurückgekehrt war, wurde entlassen.

Das Wertesystem geht aber über das Interne hinaus. Der VfL wird in der Stadt und der Region wieder viel präsenter werden. „Das ist ein wichtiges Thema“, sagt Schäfer. „Wir sprechen immer über Bindung und Identifikation. Aber wir müssen erst einmal Erlebnisse schaffen, damit diese Bindung überhaupt entstehen kann.“ Spätestens im Herbst wurde klar, was der Sportdirektor damit meint. Die VfL-Spieler retteten den Kult-Kiosk von Giovanni Moschetto mit einer Spende aus der Mannschaftskasse. Maximilian Arnold und Robin Knoche übergaben dem überraschten Moschetto die Summe für eine Jahrespacht. Kleine Ursache, große Wirkung. Das Echo auf die Aktion fiel freilich positiv aus. Der VfL will sich wieder mehr einbringen – und das tut dem Klub, der Stadt und der Region sehr gut. „Erst dann entsteht so etwas wie Bindung“, sagt Schäfer.

Im Herbst 2018 hat der VfL wieder eine vernünftige Struktur: Witter agiert als Big-Boss im Hintergrund und lässt Schmadtke, den erfahrenen Reformator, machen. Ihm zur Seite assistiert mit Schäfer ein Wolfsburger Urgestein, das sich mit Haut und Haaren der Aufgabe verschrieben hat, „seinen“ Klub wieder auf Vordermann zu bringen.

Die Mannschaft allerdings wird noch Zeit brauchen. Mit mehreren Transferperioden rechnet Schmadtke, ehe er ein Team nach seinen Vorstellungen zusammen hat. Das aktuelle Aufgebot ist viel zu aufgebläht, mehr als 30 Spieler gehören ihm an. Kicker, die der Klub im Sommer gerne abgegeben hätte – wie Paul Seguin, Marvin Stefaniak, Paul-Georges Ntep oder Jeffrey Bruma –, sind geblieben, weil es keinen Interessenten gab, der ihnen nur ansatzweise sportlich wie vor allem finanziell so viel bieten konnte wie in ihren VfL-Verträgen verankert. Früher hatte der Klub in solchen Fällen nachgeholfen. Spielern, die gehen, aber woanders weniger verdienen sollten, wurde ein Geldköfferchen als Abschiedsgruß mitgegeben. Nach dem Motto: Geh mit Geld, aber geh. Das gibt es unter Schmadtke und Schäfer nicht mehr. Daher ist die Wolfsburger Gruppe sehr groß – was die Arbeit Bruno Labbadias erschwert.

Der 52 Jahre alte Trainer muss nicht nur seine besten 18 Spieler optimal auf die nächsten Spiele vorbereiten, sondern auch die Perspektivlosen bei Laune halten. Eine Trainingsgruppe 2 zu eröffnen, in denen die Ersatzersatzspieler unabhängig von den wichtigen trainieren, kam für Labbadia nicht infrage. So etwas will er keinem antun, sagt der Trainer.

Er ist mit acht Monaten der sich am längsten im Amt befindende Entscheidungsträger des VfL. Witter, Schmadtke, Schäfer – sie alle kamen erst nach ihm. Wie kommt Labbadia in diesem Gesamtkon-strukt klar? Es hieß schon bei vielen seiner vorigen Stationen, dass er teils eigenbrötlerisch, ein wenig stur und schwer zu greifen sei. Wie gefestigt und stabil die Verbindung zwischen Schmadtke und Labbadia ist, wird sich in der nächsten Schwächeperiode zeigen. Eine Prognose: Das Band, das die beiden verbindet, wirkt nicht besonders reißfest.

Doch unabhängig davon, welche Spieler in den nächsten Jahren für den VfL auf dem Rasen stehen, welcher Trainer auf der Bank sitzt und wie der Aufsichtsratsboss auf der Tribüne heißt, einer wird bleiben: Marcel Schäfer, das Gesicht des Klubs.

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