Lehrerzimmer als Verschiebe-Bahnhof

Wolfsburg.  In Wolfsburger Lehrerkollegien klaffen Lücken. Trotz umfangreicher Abordnungen von anderen Schulen führt das zu Unterrichtsausfällen.

An der Wolfsburger Oberschule und der Leonardo-da-Vinci-Schule sollen die Personaldecken am dünnsten sein.

An der Wolfsburger Oberschule und der Leonardo-da-Vinci-Schule sollen die Personaldecken am dünnsten sein.

Foto: Archivfoto: Darius Simka / regios24

In Wolfsburg herrscht Lehrermangel. Die Gymnasien ordnen in großem Maßstab Lehrer ab, und trotzdem kommt es zu Unterrichtsausfällen.

Der Schulleiter des Phoenix-Gymnasiums Wolfgang Preuk und der Schulleiter der Wolfsburger Oberschule Udo Fiedler haben in diesem Sommer erstmals für die Landesschulbehörde die Abordnungen in Wolfsburg organisiert. Nach Angaben von Wolfgang Preuk mussten die Gymnasien und die Heinrich-Nordhoff-Gesamtschule Lehrkräfte für mehr als 300 unbesetzte Wochenstunden stellen.

Allein das Ratsgymnasium entsendet elf Lehrer an die Leonardo-da-Vinci-Gesamtschule, die Wolfsburger Oberschule und an eine Grundschule. Fast jeder siebte Kollege von Schulleiterin Jennifer Yavuz unterrichtet tage- oder stundenweise an einer anderen Schule. Die Organisation sei wesentlich besser gelaufen als im Vorjahr, sagt Yavuz. Statt am letzten Ferientag hätten die Schulen dieses Mal weit vor den Ferien gewusst, wie viele Lehrer sie entsenden müssen. Unangenehme Folgen haben die Abordnungen trotzdem. Für Gymnasiallehrer, die plötzlich vor einer Grundschulklasse stehen oder statt reinen Physikunterrichts unverhofft fächerübergreifenden Naturwissenschaftsunterricht geben sollen. Aber auch für die abgebenden Schulen: Am Ratsgymnasium müssen die verbliebenen Kollegen häufiger Pausenaufsichten übernehmen, und es stehen weniger Kollegen zur Verfügung, die bei Krankheit einspringen können.

Jennifer Yavuz sagt: „Wir können unseren Pflichtunterricht und das Ganztagsangebot abdecken.“ Andere Schulen sind in einer weniger glücklichen Lage und ordnen trotzdem ab. An der Heinrich-Nordhoff-Gesamtschule liegt die Unterrichtsversorgungsquote nach Angaben des Schulleiters Arne Sewing momentan bei 93 Prozent. „Wir sind genötigt, Unterricht zu kürzen“, sagt er. „Es fallen ganze Nachmittage weg.“ Die Heinrich-Nordhoff-Gesamtschule stellt der Leonardo-da-Vinci-Schule laut Sewing drei Lehrkräfte mit insgesamt 34 Stunden zur Verfügung und bekommt ihrerseits, in geringerem Umfang, Unterstützung vom Albert-Schweitzer-Gymnasium und Theodor-Heuss-Gymnasium. „Uns fehlen aber 100 Stunden“, sagt er. Wegen Schwangerschaften im Kollegium sucht er Feuerwehrkräfte und hofft, im Februar frisch ausgebildete Referendare zu bekommen.

Während Sewing „Wir haben weniger Mangel als die anderen“ sagt, hatte Astrid Grawunder-Dageförde an ihrer Leonardo-da-Vinci-Schule eher größeren Mangel. Die Einführung der Oberstufe mit drei neuen elften Klassen sowie die Einführung eines dritten Zuges an der Grundschule brachten einen Lehrerbedarf mit sich, der sich über Ausschreibungen nicht decken ließ. „Die Wolfsburger Schulen waren sehr kooperativ“, lobt Grawunder-Dageförde. „Sie unterstützen uns und sorgen dafür, dass wir unseren Unterricht anbieten können.“ Allerdings nicht in vollem Umfang, auch wenn die Schulleiterin sich beeilt zu versichern: „Das ist alles im Rahmen.“

Die Oberstufe der Leonardo-da-Vinci-Schule wächst in den kommenden Jahren weiter. Und auch die Wolfsburger Oberschule soll in diesem Schuljahr einen enormen Unterstützungsbedarf haben. Spätestens im übernächsten Jahr aber wird es den Gymnasien nach Einschätzung von Wolfgang Preuk nicht mehr möglich sein, die Lücken an anderen Schulen zu schließen. Die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren bedeutet für jedes Gymnasium rund 100 bis 120 zusätzliche Schüler, rechnet er vor. „Das wird noch eine gewaltige Herausforderung. Dann ist nichts mehr mit Abordnungen.“

Wie schnell sich Situation einzelner Schulen ändern kann, zeigt das Beispiel der Hellwinkelschule. Im vergangenen Schuljahr waren fünf Gymnasiallehrer an die Grundschule abgeordnet, in diesem Schuljahr springt die Hellwinkelschule für andere ein. „Wir geben diese Lehrer sehr gern ab, um unseren Nachbarschulen in der Not zu helfen, weil wir früher auch Stunden bekommen haben“, sagt Rektor Andreas Krein. Die Praxis, wie sie jetzt gehandhabt wird, sieht er allerdings kritisch: „Es ist nicht ohne weiteres möglich, einen Gymnasialkollegen an der Grundschule einzusetzen oder einen Grundschullehrer am Gymnasium.“

Gegen „Abordnungen, Überstunden und fehlende Anerkennung“ gehen niedersächsische Lehrer am Donnerstag, 13. September, in Hannover auf die Straße. Auch rund 100 Wolfsburger Lehrer werden sich der GEW-Demo am Landtag anschließen, vermutet Kreisvorsitzender Gerald Kulms. Die Gewerkschaft fordert unter anderem eine ausreichende Versorgung der Schulen mit Fachkräften, mehr Studienplätze, kürzere Arbeitszeiten und eine bessere Bezahlung für Grundschullehrer.

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