Schüler kommen mit Sozialtickets zu spät zum Unterricht

Wolfsburg  Seit dem 1. April dürfen Hartz-IV-Empfänger und andere Bedürftige erst ab 8.30 Uhr mit dem Mobilitätsticket günstig Bus fahren.

Die Bushaltestelle Frankfurter Straße. Hier steigen viele Schüler des Schulzentrums Westhagens, in dem sich die Wolfsburger Oberschule befindet, ein und aus.

Die Bushaltestelle Frankfurter Straße. Hier steigen viele Schüler des Schulzentrums Westhagens, in dem sich die Wolfsburger Oberschule befindet, ein und aus.

Foto: regios24/Helge Landmann

Die Einschränkung macht sich bemerkbar – unter anderem an der Wolfsburger Oberschule. Kerstin Raulf unterrichtet dort die Berufsstarterklasse. Zwölf Schüler mit Hauptschulabschluss und Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz haben dreimal pro Woche Unterricht und absolvieren an den anderen Tagen ein einjähriges Betriebspraktikum. Doch drei von ihnen, schildert Raulf, erscheinen seit April erst nach 8.30 Uhr in der Schule, weil ihre Monatsfahrkarten vorher nicht gelten. Für die Praktikumstage schießt Raulf nun sogar das Busgeld vor und hofft, dass die Schule es erstattet.

Betroffen sind eine Schülerin, die nicht mehr bei den Eltern wohnt und um sechs Uhr morgens im Praktikumsbetrieb sein muss, ein junger Flüchtling aus Syrien, der bald eine Zahntechniker-Ausbildung beginnen will, und ein junger Mann, der eine Zusage für eine Elektrikerausbildung hat. Ihre Lehrerin findet es widersinnig, dass der Staat einerseits über die Agentur für Arbeit die Berufsstarterklasse finanziert und über die Stadt Mobilitätstickets anbietet und andererseits mit der Zeitbeschränkung Probleme schafft. „Man blockiert den normalen Tagesablauf von Menschen, die Hilfe brauchen“, kritisiert Raulf. „Meine Jungs und Mädchen versuchen, aus dieser Sache rauszukommen und sich ein eigenes Leben aufzubauen. Und dann wirft man ihnen Steine in den Weg.“

Der Rat hat die Zeitbeschränkung wegen stetig steigenden Zuschussbedarfs in einer schwierigen Haushaltslage beschlossen. Die Verwaltung hatte allerdings zugesichert, dass es Ausnahmen für Berufstätige geben werde und Schülern die Fahrtkosten im Rahmen der Schülerbeförderung erstattet bekommen. Stadt-Pressesprecher Ralf Schmidt erläutert dazu, dass Berufstätige und Auszubildende, die vor 8.30 Uhr auf den Bus angewiesen sind, auf Antrag eine Wolfsburg-Card Job erhalten. Damit können sie bei der WVG Mobilitätstickets ohne Zeitbeschränkung kaufen. Schüler der allgemein- oder berufsbildenden Schulen erhielten bis zur zehnten Klasse kostenfreie Schülerfahrkarten oder, falls sie Sozialtransfers erhalten, Mobilitätstickets ohne Zeiteinschränkung.

„Das angesprochene Problem kann also nur Schüler betreffen, die bereits volljährig sind und Sozialleistungen beziehen“, schlussfolgert Schmidt und erklärt, dass diese Schüler sich ihre Beförderungskosten erstatten lassen könnten. „Diesen Anspruch müssen sie bei ihrem jeweiligen Sozialleistungsträger (Jobcenter/Sozialamt/Wohngeldbehörde/Jugendamt) prüfen lassen. Bei Vorliegen aller Anspruchsvoraussetzungen bekommen sie dann die vollen Kosten erstattet.“ Kerstin Raulf kennt die Regelung. Zufrieden stellt diese die Lehrerin nicht, da die Schüler in Vorkasse treten müssen. „Ich frage mich, was das soll“, so Raulf.

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