Wolfsburgs Fußgängerzone feiert Geburtstag

Erst 40 Jahre alt – aber schon viel erlebt: Die verkehrsberuhigte Porschestraße wurde allen Zweiflern zum Trotz zur Erfolgsgeschichte.

Wolfsburg. Heute eine Selbstverständlichkeit – Anfang der 1960er Jahre eine Undenkbarkeit: Wolfsburgs Flaniermeile ohne Autos. Das ist einer der Gründe, warum die Porschestraße 2017 zwar Geburtstag feierte, aber erst 40 Jahre alt wurde.

Während in der Bundesrepublik bereits Mitte der 1950er landauf, landab verkehrsbefreite Innenstädte entstanden, beobachtete man in der Autostadt erst einmal das Geschehen, wohl wissend, dass sich die Volkswagenstadt nicht mit Jahrhunderte alten Metropolen vergleichen lässt. In der ursprünglichen „Stadt des KdF-Wagen“ fehlte nämlich erst einmal etwas ganz Grundlegendes: ein Stadtzentrum, eine Mitte.

In den ursprünglichen Wolfsburg-Entwürfen von Stadtplaner Peter Koller aus den 1930er Jahren, thronte die „City“ auf dem Klieversberg. Durchaus inspiriert von den größenwahnsinnigen Plänen von Hitlers Leibarchitekt Albert Speer für „Germania“, das neue, auf griechisch-römische Antike getrimmte Berlin, sollte das Zentrum dort einer hellenischen Agora gleich entstehen, der Front des Volkswagenwerks in strenger Geometrie gegenübergestellt. Verwirklicht wurden diese Pläne nie – und statt einer Mitte vom Reißbrett gab es eine fast organische Entwicklung. Während die Stadtverwaltung viel Energie in den Bau von Wohnquartieren steckte, schien die Entstehung von Urbanität fast dem Zufall überlassen worden zu sein.

Dennoch wuchs entlang des Volkswagen-Zubringers Porschestraße die Infrastruktur für das Leben nach der Schicht am Band. Gleich drei Kinos reihten sich dort auf, mehrere Kaufhäuser eröffneten, auch der Staat zeigte mit Rathaus, Polizeirevier und Gerichtsgebäude Gesicht in der neuen Mitte.

Zwei Fahrspuren zu viel: Erster

Spatenstich erfolgt 1977

Aus zunächst einer Fahrspur wurden schließlich zwei und etliche Parkbuchten. Das sind zwei Fahrspuren zu viel, fand unter anderem Stadtbaurat Rüdiger Recknagel. Als er 1967 das Konzept einer Fußgängerzone erstmals zur Diskussion stellte, wurde er dafür sowohl von Einzelhändlern als auch Ratsmitgliedern regelrecht angefeindet; und auch sieben Jahre später wurde eine verkehrsbefreite Porschestraße noch so kontrovers gesehen, dass sich der Rat mit gerade einmal einer Stimme Mehrheit dafür entschied.

Als Oberbürgermeister Rolf Nolting und Oberstadtdirektor Werner Hasselbring am 1. März 1977 zum Spatenstich ansetzten, war die Anzahl derer groß, die fest von einem Scheitern der Idee ausgingen. Und durchaus ist die Geschichte der Porschestraße als Fußgängerzone nicht frei von Rückschlägen. Die Pavillons etwa, die Baudezernent Gerhard Kern nicht bloß zur Auflockerung, sondern vor allem auch als Schutz vor Wind vorsah, verstärkten diesen sogar: Die Luftführung sorgte dafür, dass es in der Fußgängerzone selbst bei Windstille immer etwas zog. Auch das „Shopping-Schiff“ am Südkopf konnte die Kaufkraft nicht in dem Maße auch über die Pestalozziallee hinausziehen, wie es anfangs erwartet wurde.

Trotzdem wurde die Fuzo ein Meilenstein für Wolfsburg, auch als Erlebnisstadt: Bereits die Gestaltung der Brunnen auf der rund einen halben Kilometer langen Meile zeigt, wie klar der Fokus allen Planens auf den Bürger gerichtet ist. Die Wolfsburger Wasserspiele sind keine starren Monumente zum Anschauen, sondern können fast allesamt mit Tastern gesteuert oder Wehren gestaut werden. Nicht zuletzt haben Modernisierungen der vergangenen Jahre die Fußgängerzone an Attraktivität gewinnen lassen: etwa die neue Pflasterung, der sorgsame Rückbau von Pavillons und Pergolen und natürlich die City Galerie, die obendrein geschickt die grau-braune Beton-Fassade des Post-Hochhauses kaschiert. Auch das übrigens bereits in den Ursprungsentwürfen Kerns vorgesehene Glasdach, an dem sich bis heute die Geister scheiden, hat durchaus zur Attraktivität der Porschestraße beigetragen: Es macht den ehemaligen Delphinplatz zu einer viel genutzten Allwetter-Veranstaltungsfläche.

„Digital HUB@WOB“: Ein Zentrum

für digitale Einblicke

Die langfristige Anziehungskraft der Porschestraße beginnt allerdings noch weitaus früher, an ihrem nördlichen, nicht verkehrsberuhigten Anfang: Hier sind mit Phaeno und Outlet, aber auch Hotelbauten und Geschäftshäusern repräsentative Flankierungen entstanden, die trichtergleich sowohl Autostadt-Besucher als auch Fußball-Gästefans in die Fuzo lotsen. Und die Entwicklung wird beschleunigt. Die Stadt, VW und der VfL Wolfsburg verwandeln die Markthalle am Nordkopf zum „Digital HUB@WOB“.

Hinter dem gewöhnungsbedürftigen Namen verbirgt sich ein Zentrum, das den Bürgern Einblicke in die digitale Entwicklung geben soll. Die digitale Stadt von morgen schon heute zum Anfassen, sozusagen. Und wenn Volkswagen das Nordkopf-Ensemble tatsächlich um ein Automuseum ergänzt, verstärkt es den Sog: nicht aus der Einkaufsmeile heraus, sondern in sie herein. Und es wächst weiter zusammen, was zusammen gehört.

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