„Wir schaffen Anlässe, in die Innenstadt zu kommen“

Wolfsburg  Der Wirtschaftsförderer Holger Stoye analysiert im WN-Interview, wie sich die Porschestraße verändert hat und noch verändern wird.

Der Diplom-Ingenieur Holger Stoye kümmert sich seit 2010 um die Wirtschaftsförderung.

Foto: regios24/Anja Weber

Der Diplom-Ingenieur Holger Stoye kümmert sich seit 2010 um die Wirtschaftsförderung.

Die Designer Outlets expandieren, am Nordkopf haben sich neue Restaurants angesiedelt – und das Südkopfcenter harrt einer besseren Zukunft. Die Einkaufsstadt Wolfsburg wandelt sich. Über diesen Wandel und neue Chancen sprach Redakteurin Stephanie Giesecke mit Holger Stoye, Geschäftsführer der Wolfsburg Wirtschaft und Marketing Gesellschaft.

Herr Stoye, Sie sind seit acht Jahren Geschäftsführer der WMG . Wie haben Sie die Wolfsburger Innenstadt 2010 vorgefunden?

Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Ich wurde nach meiner Einstellung zum Thema Einkaufen gefragt und habe gesagt: Das Zentrum einer Stadt ist ihre Aorta, eine Lebensader, die den Charakter der Bürgerschaft und den Zeitgeist zeigt. Das sehe ich heute noch so. Die Einkaufsstraße, die Fußgängerzone, ist ganz wichtig. 2010 hatten die Designer Outlets schon den ersten Bauabschnitt geschafft, waren sehr erfolgreich. Was die Besucherfrequenzen anging, hatte die Autostadt noch die Nase vorn. Der Rest der Porschestraße war, wie bundesweit typisch, etwas stärker durch inhabergeführte Geschäfte geprägt. Doch schon vor acht Jahren begannen Inhaber ihre Geschäfte zu schließen – aus Altersgründen oder neuer Lebensziele.

War das der einzige Wandel?

Viele Geschäfte boten auch im Untergeschoss und ersten Obergeschoss Waren an. Aber schon in meinem ersten Jahr in Wolfsburg wollten Inhaber Flächen reduzieren. Das DOW hat unterdessen nach dem zweiten Bauabschnitt gegenüber der Autostadt deutlich aufgeholt, ein stärkeres Sortiment bekommen und sich zu dem überregionalen Anlaufpunkt für Handel und textilen Einzelhandel in Wolfsburg entwickelt. Der stärkste Wandel hat sich allerdings in der Gastronomie vollzogen.

Inwiefern?

Als ich ankam, gab es viele Gastronomen, die noch einfache Kunststoffstühle hatten. Das hat sich stark geändert. Wir haben ein ganz anderes Bild, insbesondere im gehobenen Segment der Mittagsgastronomie. Und selbst die einfache Gastronomie hat sich qualitativ nach oben bewegt.

Neuansiedlungen von Geschäften sind nicht immer ganz einfach. Wo sehen Sie die Potenziale der Porschestraße? Und wo die Hürden?

Die Porschestraße hat mit ihrer Länge und mit der Erwartungshaltung zu kämpfen. Wir hätten alle am liebsten eine ganz dichte Erlebniskultur vom Südkopfcenter bis zum DOW. Das ist nicht nur in Wolfsburg unmöglich. Das hat auch mit dem Einkaufsverhalten zu tun. Während es vor acht Jahren noch eine echte Konzentration auf das Einkaufen gab, hat sich das schon allein durch das Online-Geschäft verändert. Heute erwarten viele Menschen von einem Besuch in der City auch gastronomische Erlebnisse und andere Menschen zu treffen. Das hat eine große Bedeutung bekommen. Die wichtigsten Anforderungen an Innenstädte werden in Wolfsburg sehr gut erfüllt.

Also sollte man den Fokus bei der weiteren Entwicklung etwas vom Einkaufen wegnehmen?

Das ist ein Automatismus. Das Steuern des Einzelhandels ist generell schwer, weil die Menschen bestimmen, was sie kaufen und erleben möchten. Wir als WMG müssen versuchen, anhand der Branchen, die wir nicht haben, und der Sortimente, die wir uns vermehrt wünschen, Angebote zu schaffen – zusammen mit den Immobilieneigentümern.

Was fehlt aus Ihrer Sicht?

Wir hätten sehr gern noch viel mehr textilen Einzelhandel in der Innenstadt. Auch im Bereich Schuhe könnten wir zulegen. Es gibt Sortimente, die frequenzsteigernd sind, und andere Anbieter, die sich aufgrund der Frequenzen einmieten. Wir müssen darauf achten, dass es viele Sortimente gibt, die Frequenzen erzeugen. Das sind zum Beispiel Textilien.

Man sollte denken, dass sich Ketten, aber auch Inhaber kleiner Boutiquen darum reißen, einen Laden in der Porschestraße zu ergattern. Die Kaufkraft ist groß. Warum gibt es trotzdem keinen Peek und Cloppenburg, keinen Kaufhof, wenig kleine, hippere Läden?

Das hat zwei Gründe. Die Strategien der Ketten korrespondieren nicht immer mit den Wünschen, die Städte haben. Und sie machen es sich häufig einfach und entscheiden aufgrund von strategischen Rahmendaten. Laut Statistik sind wir halt eine Stadt mit 125 000 Einwohnern, die hochsegmentiert ist: Wir wohnen nicht alle zentral in der Innenstadt. Darum ist die Frequenz anders als in anderen Städten. Auch unser Umfeld ist nicht so dicht besiedelt, dass es einen hohen Druck von Käufern auf die Innenstadt gibt. Das reduziert das Interesse größerer Mieter, vielleicht auch von denen, die wir als hip bezeichnen, und die wir alle gerne hätten.

Und der zweite Grund?

Viele junge Labels scheitern daran, keine passende Immobilien in einer 1A-Lage zu bekommen. Die haben den Anspruch, im zentralen Bereich angesiedelt zu sein. Also in der mittleren Porschestraße. Dort bräuchten die Unternehmen Anlieferzonen, andere Deckenhöhen. Kunden erwarten ein bestimmtes Ambiente. Wenn die Unternehmen ihre Botschaft vor Ort nicht umsetzen können, ist die Immobilie ungeeignet. Das ist in Zukunft eine der größten Herausforderungen: Die Belange des Einzelhandels in der Infrastruktur wiederzufinden. Da haben wir andere Herausforderungen als klassische Handelsstädte, in denen schon immer Gebäude für den Handel gebaut wurden.

Welche Durchbrüche gab es in den letzten Jahren?

Die Frequenzen haben sich gesteigert. Wenn das geschieht, hat man als Standort etwas richtig gemacht. Wir haben ein ganz anderes Angebot an Veranstaltungen. Nehmen Sie den Weihnachtsmarkt oder die verkaufsoffenen Sonntage – Festivitäten, die wir immer weiter entwickelt haben. Wir schaffen Anlässe, in die Innenstadt zu kommen. Hinzu kommen Einzelerfolge in Immobilien, deren Eigentümer die Stadt ist. Ich nenne mal Snipes. An der Immobilie hatten auch andere Branchen Interesse, aber wir wünschten uns ein Label für junge Leute, für Menschen, die aus der Nachbarschaft kommen, um in Wolfsburg einzukaufen. Das haben wir geschafft. Auch den Edeka-Express in die Porschestraße zu holen, war nicht leicht. Andere Ansätze werden in Zukunft Früchte tragen. Den Turnaround zu schaffen, wird noch einige Jahre Arbeit kosten.

2018 ziehen Sie zurück nach Herne. Wenn Sie 2028 noch einmal nach Wolfsburg kommen, was werden Sie dann vorfinden?

Der nördliche Bereich der Porschestraße wird ein anderes Gesicht haben, davon bin ich überzeugt. Die Voraussetzungen sind hervorragend, nicht nur, weil es starke Partner machen wollen, sondern auch weil der Markt es erfordert. Wir haben etliche tausend Quadratmeter an Einzelhandelsfläche verloren. Im Südkopfcenter, durch Büros in Obergeschossen, durch Dienstleister in ehemaligen Geschäften. Das heißt nicht, dass das Bild immer schlechter geworden ist, aber der Gesamteindruck beim Einkaufen hat sich verändert. Im nördlichen Bereich der Porschestraße wird es 2028 deutlich anders sein.

Dorthin wird man zum Einkaufen gehen?

Ja, auch – dann im Sinne von Einkaufserlebnis, gastronomischem Erlebnis, Freizeiterlebnissen. Das sind alles wichtige Punkte, damit die Porschestraße das Herzstück der Stadt bleibt.

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