„Pastor Braess war ein typischer Aufklärer“

Wolfenbüttel  Neben der Ausgabe im Besitz des Ehepaares Meier gibt es mindestens drei weitere Originale der ersten Ausgabe der „Rothen Zeitung“ von 1786.

Das Ehepaar Meier aus Wolfenbüttel besitzt nicht das einzige erste Exemplar der „Rothen Zeitung“ von Pastor Herman Werner Dietrich Braess aus Dettum.

Wie unsere Recherchen ergaben, besitzt auch die Stadtbibliothek in Braunschweig sowie die Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel jeweils ein Exemplar, das laut Auskunft des Bibliotheksdirektors Professor Helwig Schmidt-Glintzer dem ersten Jahrgang der Zeitschrift aus dem Jahr 1787 beigebunden wurde.

Und ein weiteres Exemplar ist im Besitz von Matthias Hansmann aus Braunschweig. Der Ingenieur ist in der siebten Generation ein Nachfolger von Pastor Braess, dem Herausgeber der Zeitung für Städte, Flecken und Dörfer, insonderheit für die lieben Landleute alt und jung“, wie die „Rothe Zeitung“ offiziell hieß.

Hansmann hat gerade mit einem anderen Verwandten einen Aufsatz über seinen berühmten Vorfahren verfasst. Bei den Recherchen hat er einiges herausgefunden: Pastor Braess sei ein typischer Aufklärer gewesen, der das Volk teilhaben lassen wollte am Geschehen der Welt.

Für seine Zeitung habe er Formen gefunden, die damals nicht selbstverständlich gewesen seien, wie zum Beispiel eine größere, lesbarere Schrift, die Verwendung der deutschen Sprache anstatt Latein, die Verwendung von Lautschrift, wenn ausländische Wörter im Text auftauchten, grafische Elemente wie Karten oder das Abdrucken von Rätseln als Unterhaltungselement. Und Leserbriefe gab es damals auch schon. Sie wurden sogar kostenlos nach Dettum transportiert, da der Herzog das Zeitungsprojekt unterstützte. Er befreite die „Volcks-Zeitung für die Landleute“ nicht nur von der Zensur. Er gewährte Braess auch das Recht, sein in Wolfenbüttel in der Druckerei Binseil gedrucktes Blatt unentgeltlich im Lande mit der Post zu versenden.

Braess habe seine Zielgruppe für die Zeitung wie kaum ein anderer Verfasser von Volksschriften gekannt, meint Hansmann: „Er sprach ihre Sprache, kannte ihre Denkweisen, ihre Sorgen und Nöte und wusste vor allem, dass er die aufdringlich belehrende Manier vermeiden musste.“ Schon sechs Jahre nach der ersten Ausgabe seien jeweils 1600 Exemplare je Ausgabe abgesetzt worden. Ein Drittel wurde von Pastoren und Schulmeistern gehalten für das von Braess empfohlene Vorlesen in den Gemeinden und Schulen.

Die Zeitungsherausgabe machte Braess zwar zu einer bekannten, aber nicht zu einer wohlhabenden Persönlichkeit, hat sein Nachfahre herausgefunden. Braess starb 1797. Eine Tafel in der Dettumer Kirche erinnert an ihn.

Die Rothe Zeitung fand bald viele Nachahmer. Sie selbst wurde 1873 in Wolfenbütteler Kreisblatt, später in Wolfenbütteler Zeitung umbenannt.

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