Berlin. Viele Beschäftigte haben innerlich bereits gekündigt, machen nur das Nötigste. Das kann für das gesamte Unternehmen schädlich sein.

Fachkräftemangel, wenige Bewerber und hohe Arbeitsbelastung. Arbeitgeber haben es aktuell nicht leicht, gutes, neues Personal zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Beschäftigte ihn ihren eigenen Unternehmen bereits unzufrieden und frustriert sind. Fast jeder zweite Beschäftigte (47 Prozent) sagt, dass er in den vergangenen 12 Monaten häufig mit Kollegen und Kolleginnen zusammengearbeitet hat, die gedanklich schon gekündigt haben oder sie selbst bereits an diesem Punkt sind. 45 Prozent machen nur noch Dienst nach Vorschrift (Quiet Quitting) oder beobachten dies in ihrem Arbeitsteam.

Jeder Fünfte (22 Prozent) behauptet von sich, im vergangenen Jahr innerlich gekündigt zu haben. Gut jeder Sechste (15 Prozent) ist nicht mehr bereit, Extra-Leistungen oder Überstunden zu erbringen. Mehr als jeder Dritte bewirbt sich aus Frust bei mehreren anderen Arbeitgebern (Rage Applying) gleichzeitig. Bekommen die Bewerber von dem neuen Arbeitgeber ein Angebot, reagieren aber zehn Prozent gar nicht darauf (Ghosting). Dies hat eine repräsentative Studie der Krankenkasse Pronova BKK ergeben, für die im November 1200 Erwachsene online befragt wurden.

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Als Hauptgründe für ihre Unlust und innere Kündigung nennen die Befragten vor allem Überlastung (70 Prozent), eine zu geringe Bezahlung (69 Prozent), fehlende Wertschätzung sowie belastende Arbeitszeiten (jeweils 68 Prozent). Viele kritisieren auch die fehlende Work-Life-Balance, Probleme mit Kollegen oder sie haben gesundheitliche Probleme.

Expertin: „Potenzial der Mitarbeitenden bleibt ungenutzt“

Die Wirtschaftspsychologin Patrizia Thamm bezeichnet die hohe Zahl der unzufriedenen Mitarbeiter im Job als erschreckend. „Dies belastet nicht nur die Mitarbeitenden, sondern bremst auch den Unternehmenserfolg aus“, ist die Referentin für Gesundheitsförderung der Pronova BKK überzeugt. „Personalkosten werden verschwendet und das vorhandene Potenzial der Mitarbeitenden bleibt ungenutzt.“

Wer unzufrieden im Job ist, erledigt oft nur noch das Nötigste.
Wer unzufrieden im Job ist, erledigt oft nur noch das Nötigste. © Getty Images | rudi_suardi

Umso wichtiger sei es für Führungskräfte, die Situation mit einem gewissen Feingespür zu erkennen und die Mitarbeiter mit anderen Aufgaben zu betrauen, um die Motivation zu erhöhen. Die Beschäftigten müssten für sich wieder eine neue Perspektive erkennen. „In Zeiten des Fachkräftemangels sollte sich kein Unternehmen unzufriedene Mitarbeitende leisten“, meint Thamm. Denn: „Selbst, wenn nur eine Person hochunzufrieden ist, kann dies die Arbeitsatmosphäre beeinträchtigen.“ Je stärker Mitarbeitende das Gefühl hätten, dass sich Kollegen zurückziehen, umso größer sei das Risiko, dass auch sie selbst Frust aufbauen, demotiviert sind und resignieren. „Dies kann das gesamte Teamklima schädigen.“

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Was können Arbeitgeber konkret tun? „Es geht immer um eine authentisch gelebte Wertschätzung“, sagt Thamm. Wenn Beschäftigte das Gefühl hätten, dass Arbeitgeber oder Führungskräfte ihnen zuhören, ihre Bedürfnisse ernst nehmen und versuchen, Lösungen zu finden, dann könne einer inneren Kündigung entgegengewirkt werden. „Ehrlich gemeinte Initiativen können Mitarbeitende, die gedanklich das Unternehmen bereits verlassen haben, halten“, ist die Psychologin überzeugt.

Job: So sehen Lösungen für unzufriedene Beschäftigte aus

Damit sich Beschäftigte jedoch überhaupt öffnen, brauche es einen vertrauensvollen „Safe Space“ (Schutzraum) im Team. „Die Mitarbeitenden müssen darauf vertrauen können, äußern zu dürfen, dass sie gerade nicht zufrieden sind“, unterstreicht Thamm. Vieles hänge dann von einer guten Führungskultur ab, ob die Beschäftigten in den ihnen angebotenen Lösungen wieder eine Perspektive für ihren Job entdecken können. Voraussetzung dafür sei auch eine emphatische und lösungsorientierte Gesprächsführung.

Auch Beschäftigte sollten aktiv werden, wenn das Gefühl einer inneren Kündigung in ihnen hochkommt, so Thamm. Die besten Chancen auf positive Veränderung hätten Beschäftigte, die gegenüber ihrer Führungskraft klar kommunizieren und transparent machen, dass man mit seinem Aufgabenprofil oder seinen Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sei. „Nach dem Motto ‚Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied‘ ist es wichtig, zeitnah das Gespräch mit der Führungskraft zu suchen und nicht darauf zu warten, bis jemand anderes etwas an der eigenen Situation verändert“, rät Thamm.

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Am besten sollten sich die Betroffenen selbst Lösungsansätze zurechtlegen, wie sich ihre Situation zum Positiven verändern könnte. Nur wenn mögliche Verbesserungspotenziale und Perspektiven im Unternehmen mit den eigenen Entwicklungsvorstellungen nicht übereinkommen, so Thamm, „dann lohnt auch ein Jobwechsel“.

Job-Umfrage: Junge Generation Z besonders stark betroffen

Das Phänomen der inneren Kündigung ist in allen Generationen, aber besonders häufig in der jungen Generation Z häufig anzutreffen. Von den Unter-30-Jährigen sagen 29 Prozent, dass sie zur inneren Kündigung neigen. 19 Prozent von ihnen bewerben sich bei anderen Arbeitgebern.

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Tatsächlich ziehen die Jüngeren auch öfter berufliche Konsequenzen: So haben 2023 insgesamt 36 Prozent der 18- bis 29-Jährigen aus eigenem Antrieb heraus den Job gewechselt oder gekündigt – unter allen Befragten sagten dies nur 21 Prozent. Als Hauptgründe für die Kündigung nannten 36 Prozent das schlechte Arbeitsklima, 35 Prozent die fehlende Wertschätzung sowie 34 Prozent eine geringe Bezahlung.

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