Berlin. Eine Studie zeigt: Oft fühlen sich arbeitende Eltern derart gestresst, dass ihre Gesundheit leidet. Schuld ist ein verbreitetes Tabu.

Viele Menschen sehnen sich nach Kindern und Familie. Doch dieses Lebensmodell sorgt nicht immer nur für Glücksmomente. 62 Prozent der Eltern mit minderjährigen Kindern fühlen sich häufig oder sehr häufig gestresst. Bei zwei Dritteln hat der Stress in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen. Dies hat eine Forsa-Umfrage unter 1000 Eltern im Auftrag der KKH Kaufmännischen Krankenkasse ergeben, die unserer Redaktion vorliegt.

Besonders alarmierend: Fast 70 Prozent der Befragten fühlen sich wegen der hohen Belastungen manchmal erschöpft oder ausgebrannt. Vor zwei Jahren lag dieser Anteil mit 55 Prozent noch deutlich niedriger. Weitere 67 Prozent erleben sich nervös und gereizt, 62 Prozent klagen über Müdigkeit und Schlafstörungen. Rund 40 Prozent empfinden sich auch niedergedrückt oder depressiv, was vor zwei Jahren nur 22 Prozent von sich sagten. 37 Prozent leiden unter Kopfschmerzen, 33 Prozent unter Rückenschmerzen, 20 Prozent unter Bauch- oder Magenschmerzen.

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„Der große Anstieg ist ein Warnsignal“, sagt Aileen Könitz, Expertin für psychiatrische Fragen bei der KKH. „Dauerstress kann unsere Gesundheit stark beeinträchtigen, da er häufig ein anhaltendes Gefühl der Hilflosigkeit, Überforderung oder gar Verzweiflung hinterlässt. Das kann zu chronischer Erschöpfung, Depressionen und Angststörungen führen oder bestehende psychische Erkrankungen weiter verstärken.“ Das Tückische, so die Gesundheitsexpertin: „Das Ausbrennen – der ,Eltern-Burn-out‘ – ist ein schleichender Prozess.“

Eltern-Burn-out: Klimawandel und Teuerung belasten besonders

Als größten Stressfaktor nennt die Hälfte der befragten Eltern die politische Lage, den Klimawandel und die Teuerung. Danach folgen gleich die Erziehung und Betreuung der Kinder (48 Prozent), die Arbeitsbelastung im Haushalt (46 Prozent) und die Angst um die Zukunft des Nachwuchses (44 Prozent). 37 Prozent belasten die eigene Ausbildung oder der Beruf sowie Konflikte in der Familie (36 Prozent). 29 Prozent der Eltern haben zudem finanzielle Sorgen. Die Digitalisierung und ständige Erreichbarkeit werden nur von 17 Prozent als stressig empfunden.

Dabei fühlen sich Mütter deutlich stärker belastet als Väter. Obwohl in vielen Familien heutzutage beide Eltern berufstätig sind, leisten Frauen gut 44 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit für Kinder und Haushalt als Männer, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. So setzt 63 Prozent der Mütter laut Umfrage die Arbeitsbelastung im Haushalt besonders unter Druck – vor der Corona-Krise sagten dies nur 40 Prozent. Zum Vergleich: Unter Männern klagen nur 30 Prozent über die Belastung im Haushalt – dennoch doppelt so viele wie im Jahr 2019.

Stress: Alleinerziehende haben häufiger psychische Krankheiten

Besonders groß ist die Belastung für Alleinerziehende, die etwa 18 Prozent unter den mehr als acht Millionen Familien mit minderjährigen Kindern ausmachen. Auch hier tragen die Frauen die Hauptlast, da in neun von zehn Fällen die Kinder bei ihren Müttern leben. „Frauen leiden häufiger als Männer an stressbedingten psychischen Krankheitsbildern“, sagt die KKH-Expertin Könitz. „Das liegt aber nicht daran, dass sie seelisch instabiler sind. Sie sind oftmals stärker belastet.“

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Das Problem bei berufstätigen Eltern, die zwischen 30 und 50 Jahre alt sind, ist oft ihr hoher Anspruch an sich selbst, meint die KKH-Expertin: „Sie wollen Karriere machen, eine Familie gründen, ihre Kinder perfekt erziehen.“ Diese Ideale vermittelten Gesellschaft und soziale Medien. Zudem übernähmen viele auch die Wertvorstellungen ihrer Eltern und Großeltern, bei denen Eigenheim und Familie zu den Lebenszielen zählten. „Der Stress ist also häufig auch selbst gemacht – gerade durch solche überhöhten Erwartungen und den Drang zur Perfektion.“

Gesellschaftliche Ideale setzen viele Eltern zusätzlich unter Druck.
Gesellschaftliche Ideale setzen viele Eltern zusätzlich unter Druck. © iStock | ridvan_celik

Jeder Mensch hat ein anderes Stressempfinden. Ob jemand ein „Eltern-Burn-out“ erlebt, hängt auch davon ab, wie ein Mensch mit Druck umgehen kann. Wichtig sei es, früh Signale zu erkennen, warnt Könitz: „Wer hohe Belastungen dauerhaft ignoriert, wird krank.“

Betroffene sollen über ihre Ängste, Nöte und Überlastung sprechen

„Anfangs befinden sich betroffene Mütter und Väter noch in einer Art Hochleistungsmodus, sie fühlen sich stark, treffen Entscheidungen im Minutentakt. Doch folgen auf solche Stressmomente keine Entspannungsphasen mehr, stellen sich erste Anzeichen von Überforderung und Erschöpfung ein wie Kopfschmerzen, Muskelverspannungen, Stimmungsschwankungen oder Schlafstörungen. Wer dann nicht gegensteuert, setzt die Abwärtsspirale in Gang“, beschreibt die Gesundheitsexpertin einen typischen Verlauf. Betroffene Eltern fühlten sich irgendwann völlig leer und antriebslos.

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Das Problem: Elternarbeit wird von der Gesellschaft unterschätzt, so Könitz. „Damit verbundene Probleme wie Druck und Stress sind nach wie vor häufig ein Tabu.“ Umso wichtiger sei es, dass Betroffene offen über ihre Ängste, Nöte und Überlastung sprechen könnten. „Eltern-Burn-out“ wird in der Medizin bisher nicht als Diagnose definiert – entsprechend gibt es auch keine Krankschreibungen. Bleiben die Probleme unerkannt, können sich daraus jedoch psychische Erkrankungen und Depressionen entwickeln. „Ein Burn-out im familiären Kontext sei mindestens genauso ernst zu nehmen wie ein Burn-out im Beruf“, sagt Könitz.

Damit es erst gar nicht zu einem Ausbrennen kommt, sollten Eltern ihre Bedürfnisse frühzeitig hinterfragen. Es könne hilfreich sein zu überlegen, wer wie wann unterstützen kann, rät die KKH-Expertin. So könnten etwa Aufgaben wie Kochen oder Kinder zur Schule bringen mit anderen Eltern, Nachbarn oder Großeltern geteilt werden, rät die Expertin: „Wichtig ist auch, die eigenen Ansprüche herunterzufahren und weniger perfektionistisch zu denken.“