Studie: Frauen wollen finanziell unabhängig sein

Braunschweig.  Das ist ihnen wichtiger, als den richtigen Lebenspartner zu finden. Doch: Nur jede fünfte Frau kümmert sich um Finanzen und Geldanlagen.

Der Mann ist meistens immer noch der Hauptverdiener. So verfügen laut Umfrage nur 15 Prozent der Frauen über ein Nettoeinkommen von mehr als 2000 Euro.

Der Mann ist meistens immer noch der Hauptverdiener. So verfügen laut Umfrage nur 15 Prozent der Frauen über ein Nettoeinkommen von mehr als 2000 Euro.

Foto: Prostock-studio / Getty Images/iStockphoto

Die durchschnittliche berufliche, wirtschaftliche und soziale Situation von Frauen ist heute oft immer noch schlechter als die von der anderen Hälfte der Menschheit, den Männern. Das zeigt eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung zur Gleichstellung der Geschlechter in Deutschland vom Februar dieses Jahres. Sie verdienen weniger, arbeiten öfter in Teilzeit und tragen die Hauptlast, wenn es um unbezahlte Sorge-Arbeit geht, also zum Beispiel um die Betreuung von Kindern oder die Haushaltsführung. Dennoch ist den Frauen eines besonders wichtig, wenn es ums Geld geht: Die eigene finanzielle Unabhängigkeit.

79 Prozent der Frauen zwischen 18 und 64 Jahren in Niedersachsen gaben in einer von der Commerzbank in Auftrag gegebenen Umfrage an, dass es ihnen äußerst oder sehr wichtig ist, finanziell unabhängig zu sein. Zum Vergleich: Den richtigen Lebenspartner zu finden, fanden nur 68 Prozent der befragten Frauen ähnlich wichtig, eine Familie zu gründen war 58 Prozent der Befragten äußerst oder sehr wichtig. Obwohl also die finanzielle Unabhängigkeit so eine Priorität hat, interessiert sich der Umfrage zufolge aber nur jede fünfte Frau für die Themen Finanzen und Geldanlage. Nur jede fünfte Frau setzt sich damit regelmäßig auseinander.

Konten in der Hand von Männern

Das Spar- und Depotvolumen der Commerzbank in Braunschweig liegt nach eigenen Angaben zum Beispiel zu 61 Prozent beziehungsweise zu 65 Prozent in der Hand von Männern – obwohl Frauen etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen. Der Mann ist meist derjenige, der die Finanzen regelt. Er ist in vielen Paarbeziehungen und Familien auch immer noch der Hauptverdiener. So verfügen laut Umfrage nur 15 Prozent der Frauen über ein Nettoeinkommen von mehr als 2000 Euro. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass Frauen auch heute noch oft „typisch weibliche“ Berufe wählen, die schlechter bezahlt sind als „typisch männliche“ Berufe. Sie arbeiten etwa im Pflege- und Gesundheitsbereich, selten in den besser bezahlten technischen Berufen.

Der WSI-Studie zufolge verdiente jede vierte vollzeitbeschäftigte Frau im Jahr 2016 weniger als 2000 Euro im Monat – und zwar brutto. Abgezogen werden davon noch Versicherungsbeiträge und Steuern. Zum Vergleich: Bei den Männern sind es „nur“ 14 Prozent, die von solch einem Niedrigeinkommen leben. Frauen sind laut der Studie auch deutlich öfter in Mini-Jobs beschäftigt, in denen man maximal 450 Euro pro Monat unversteuert verdienen darf. Von allen Arbeitnehmern insgesamt war 2017 jede sechste Frau eine Mini-Jobberin, hingegen nur jeder zehnte Mann ein Mini-Jobber.

Stundenlohn von Frauen 20 Prozent niedriger

Auch Teilzeit-Beschäftigung ist der Studie zufolge typisch weiblich: Frauen arbeiten viermal so häufig in Teilzeit wie Männer, um „Familie und Erwerbsarbeit unter einen Hut zu bringen“. Fast jede zweite Frau, aber nur jeder zehnte Mann arbeitet wöchentlich weniger als 32 Stunden, wie der WSI-Report darstellt. Im Durchschnitt arbeiteten Männer 38,7 Stunden pro Woche, Frauen hingegen 30,5 Stunden.

Dieses Ungleichgewicht bei geringfügiger Beschäftigung und Teilzeit trägt demnach wesentlich dazu bei, dass der durchschnittliche Stundenlohn von Frauen rund ein Fünftel unter dem von Männern liegt. Es ist der berüchtigte Gender Pay Gap – das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen. Es lag 2018 bei 21 Prozent und ist seit Jahren in diesem Ausmaß ziemlich konstant. Die Bundesregierung hat sich allerdings zum Ziel gesetzt, den Ver­dienst­ab­stand bis zum Jahr 2030 auf 10 Prozent zu senken.

„Die Folge davon ist, dass Frauen im Alter deutlich weniger als Männer zur Verfügung haben und das, obwohl sie statistisch länger leben“, sagt Stefan Bommer, Niederlassungsleiter der Commerzbank Braunschweig. Der Bank-Umfrage zufolge, die das Meinungsforschungsinstitut Yougov unter bundesweit 1600 Frauen, 100 davon in Niedersachsen, durchführte, fühlt sich knapp die Hälfte der Befragten nicht ausreichend für das Alter abgesichert. Mehr als jede zehnte Frau, 15 Prozent, gibt an, dann überhaupt nicht versorgt zu sein.

Immer mehr Frauen arbeiten

Auch der WSI-Report zeigt, dass Frauen öfter die Altersarmut droht als Männern. Im Durchschnitt beziehen Frauen ein um mehr als die Hälfte – 53 Prozent – niedrigeres Alterseinkommen als Männer. Dabei sind die betriebliche und die private Alterssicherung zusammengenommen. Frauen leisten noch immer den Großteil der unbezahlten Arbeit, wie Kinderbetreuung, Haushalt und Pflege. „Bei Frauen macht unbezahlte Arbeit nach den neuesten verfügbaren Zahlen 45 Prozent an der Gesamtarbeitszeit aus. Bei Männern sind es hingegen nur 28 Prozent, auch wenn Männer zum Beispiel bei der Pflege langsam mehr Aufgaben übernehmen“, heißt es in der WSI-Studie.

Allerdings gibt es auch positive Trends: So hat sich der Anteil der Frauen, die einer Arbeit nachgehen, von 52 Prozent nach der Wende im Jahr 1991 auf 72 Prozent im Jahr 2018 gesteigert. Und zwar verdienen Frauen noch immer häufiger als Männer ein Niedrigeinkommen, aber der Trend ist bei beiden Geschlechtern rückläufig: So haben sich die Anteile des Einkommens unter 2000 Euro brutto zwischen 2011 und 2016 bei Frauen von 34 auf 25 Prozent verringert, bei Männern von 20 auf 14 Prozent.

Beraterin: Immer mehr wollen auf eigenen Füßen stehen

„Trotz aller noch vorhandenen Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, verdienen immer mehr Frauen ihr eigenes Geld“, sagt Nicole Lamping, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Frauen seien auch mal gut verdienende Singles, die sich sogar eine eigene Immobilie zulegten oder Aktienbesitzer würden. Das sind jene 20 Prozent, die sich für das Thema Geldanlage interessieren. Laut Lamping informieren sie sich nicht mehr nur bei ihrer Bank – sondern erst einmal zum Beispiel durch Podcasts oder auf Youtube. Es sei schließlich noch nie so einfach gewesen wie heute, an Informationen zu kommen – ein Vorteil für die Frauen, die finanziell auf eigenen Füßen stehen wollen. Lamping ist überzeugt: „Und das werden immer mehr.“

– DIE SERIE –

Braucht es eine eigene Serie „Frauen und Finanzen“? Ja! Denn das Einkommen von Frauen ist durchschnittlich noch immer viel niedriger als das von Männern – entsprechend droht ihnen viel häufiger die Altersarmut. Zugleich verdienen Frauen aber immer öfter ihr eigenes Geld. Mit Experten und Expertinnen wollen wir deshalb über Geldanlagen, Altersvorsorge und Trends sprechen.


–> Themenvorschläge und Anregungen gerne an:

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