„Wir haben eine Zweiklassengesellschaft bei Real“

Braunschweig.   Susanne Graf arbeitet seit 29 Jahren bei Real – und kritisiert die Ausbeutung von Kollegen durch neue Verträge.

Ein Mann schiebt seinen Einkaufswagen vor einem Real-Supermarkt.

Ein Mann schiebt seinen Einkaufswagen vor einem Real-Supermarkt.

Foto: Oliver Berg / dpa

Wenn Susanne Graf* von ihrer Arbeit erzählt, dann klingt es ein wenig so, als redete sie von Liebe. Sie sagt dann Sätze wie„Dort bin ich angekommen“ oder „Ich hänge unwahrscheinlich daran“. Graf arbeitet seit 29 Jahren im Non-Food-Bereich der Warenhauskette Real. Seitdem die Metro-Tochter im Juni aus dem Tarifvertrag mit Verdi ausgestiegen ist, kämpft sie jedoch gegen die neuen Verhältnisse. Und sieht sich zum ersten Mal veranlasst, öffentlich, aber anonym, aus dem Innenleben ihres Arbeitgebers zu erzählen. Graf erhebt schwere Vorwürfe. Die Liebe zu ihrem Job hat Risse bekommen.

Sie regt vor allem die Ungleichbehandlung auf – von Mitarbeitern, aber auch Filialen. „Die Arbeit, die wir leisten, ist sehr hochwertig. So muss sie auch bezahlt werden“, sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. Sie arbeitet in einem Real-Markt in unserer Region mit mehr als 120 Mitarbeitern. Nach Angaben von Graf, die als Betriebsratsmitglied einen guten Einblick in die Kennzahlen ihrer Filiale hat, arbeiten etwa 25 Mitarbeiter in Vollzeit, die Mehrheit in Teilzeit, einige wenige als geringfügig Beschäftigte.

Acht Mitarbeiter wurden laut Graf bisher nach dem neuen Real-Tarifvertrag eingestellt. Den hat das Unternehmen mit der Gewerkschaft DHV abgeschlossen. Verdi bezeichnet die Gewerkschaft als arbeitgebernahe „Pseudo-Gewerkschaft“ und zweifelt deren Tariffähigkeit vor Gericht an. Das Verfahren läuft noch. Auf Anfrage wollen sich weder Real noch DHV zu konkreten Tarifkonditionen äußern.

Verdi nennt Gehaltskürzungen bis zu 25 Prozent im Vergleich zum Verdi-Flächentarifvertrag für den Einzelhandel. Statt 37,5 Stunden, arbeiteten Grafs neue Kollegen demnach 40 Stunden die Woche. Erhalten Nachtzuschläge nicht wie ältere Kollegen ab 18 Uhr, sondern ab 22 Uhr – wenn Grafs Real-Markt regulär schließt. Das Weihnachts- und Urlaubsgeld sei deutlich niedriger. Graf verdient nach eigenen Angaben 2579 Euro, nach dem neuen Tarifvertrag wären es 1900 Euro -- ein Unterschied von 680 Euro pro Monat, pro Jahr von 8160 Euro. „Im Prinzip haben wir im Betrieb eine Zweiklassengesellschaft“, so Graf.

Der Real-Betriebsrat wehrt sich dagegen: „Wir stimmen den Neueinstellungen zu, widersprechen aber gleichzeitig der Eingruppierung in den Tarif“, sagt Graf. Das führt die Arbeitnehmervertreter vor das Arbeitsgericht Braunschweig, wo Real die Zustimmung zur Eingruppierung vom Gericht fordert. Dort allerdings pausiert derzeit das entsprechende Verfahren, weil die Kammer auf die Entscheidung des Landesarbeitsgerichts Hamburg wartet – das sich mit der Frage beschäftigt, ob der DHV tariffähig ist oder nicht.

Für Real bedeuten diese Eingruppierungs-Verfahren Kosten. Und die Ansage der Betriebsräte ist klar: „Wie werden jeder einzelnen Eingruppierung in den DHV--Tarifvertrag widersprechen“, sagt Graf. Nach ihren Angaben ist Real bei weiteren Einstellungen nicht mehr vor das Gericht gezogen und hat Mitarbeiter auch ohne Zustimmung des Betriebsrats zu den neuen Tarifkonditionen eingruppiert. Dazu wollte sich Real auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußern. Auch der Betriebsrat geht nach Grafs Angaben nicht gerichtlich gegen diese Neueingruppierungen vor. „Die Verfahren würden ebenfalls ruhend gestellt werden“, begründet Graf. Eine Hängepartie. Die Kauffrau sagt: „Wir wollen ja neue Mitarbeiter haben, aber nicht zu diesen Bedingungen.“ Personalprobleme gebe es im Haus genug: „Wir haben Abteilungen, da ist am ganzen Tag kein Mitarbeiter. Wenn sich einer am Montag krank meldet, bricht schon das ganze Kartenhaus zusammen“, berichtet sie.

Der Mutterkonzern Metro will Real bis zum Frühjahr verkauft haben. Real gilt mit seinen 282 Märkten seit langem als Sanierungsfall, als ein Warenhaus, dass in Zeiten von Amazon und Co. wenig Überlebenschancen hat. Nun droht die Zerschlagung von Real, wenn ein Wettbewerber die Warenhäuser übernehmen sollte. Amazon, das sich zunehmend im Lebensmittelgeschäft ausbreitet, gilt auch als möglicher Käufer. Verdi spricht im Zuge der Verkaufsabsichten von einer „Aufhübschung“ der Braut. Zunächst würden Lohnkosten durch neue Tarifverträge eingespart – insgesamt sind nach Real-Angaben 4000 von 34.000 Beschäftigten zu den neuen Konditionen angestellt. Zugleich investiert Real in das Vorzeigeprojekt „Markthalle“. Die Idee dahinter: Kunden soll die Atmosphäre eines Wochenmarktes geboten werden. Nach Krefeld hat im Oktober bundesweit die zweite Markthalle in Braunschweig eröffnet – das hat die Metrotochter 20 Millionen Euro gekostet, wie es in Branchenkreisen heißt.

Die Leidtragenden sind die Mitarbeiter. „Wir sind alle total verunsichert und haben Angst vor dem Verlust unseres Arbeitsplatzes“, sagt Graf. Sie selbst habe, mit einem gut verdienenden Mann an ihrer Seite, Glück. Auch wenn sie Real als ihre zweite Familie bezeichnet und nicht sehen will, „wie alles den Bach heruntergeht“. Aber viele ihrer Kolleginnen seien alleinerziehende Mütter, und was dann?

Graf hat den Verdacht, dass ihr Arbeitgeber Filialen mit Absicht herunterwirtschaftet. „Wir haben zu wenig Personal, der Warenfluss funktioniert nicht richtig, und wir haben ständig Handwerker im Haus, weil immer irgendetwas kaputt ist.“ Werbeware wäre Montags schon vergriffen, weil die Verteilung andere Filialen bevorzuge. Das sorge für Unzufriedenheit bei Kunden. „Ich verstehe nicht, warum man uns so im Regen stehen lässt“, sagt sie. Und: „Wir werden daran gehindert, Umsatz zu machen.“

Eberhard Buschbom-Helmke, Verdi-Sekretär für Südost-Niedersachsen, vermutet, dass Real so den Weg für betriebsbedingte Kündigungen bereitet. „Wenn die Häuser im Non-Food-Bereich schlechten Umsatz machen, kann das Unternehmen betriebsbedingte Kündigungen aussprechen. Dadurch wird Real für Kaufinteressenten attraktiv.“ Herbe Anschuldigungen. Ein Unternehmenssprecher von Real sagt auf Nachfrage: „Solche Vorwürfe sind perfide und geschäftsschädigend.“ Bei der Warenversorgung würden keine einzelnen Märkte gegenüber anderen Standorten bei der Warenversorgung bevorzugt.

Graf sagt: „Ich möchte bis zu meiner Rente bei Real bleiben. Das ist mein Herzenswunsch.“ Am Freitag streikt sie mit rund 200 anderen Real-Mitarbeitern aus Braunschweig, Helmstedt und Goslar. Verdi hatte dazu aufgerufen mit dem Ziel, Real zu Verhandlungen über einen neuen Verdi-Tarifvertrag zu zwingen. Ob das gelingt?

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