WLTP-Probleme bremsen den Volkswagen-Konzern

Wolfsburg.  Im dritten Quartal gehen die Auslieferungen beim Wolfsburger Automobilhersteller zurück. Der Gewinn steigt trotzdem.

Ein Volkswagen Arteon steht während eines WLTP-Abgastests auf einem Rollenprüfstand in Wolfsburg.

Ein Volkswagen Arteon steht während eines WLTP-Abgastests auf einem Rollenprüfstand in Wolfsburg.

Foto: Dpa

Der VW-Konzern ist in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres weiter gewachsen. Allerdings gab es im dritten Quartal deutliche Bremsspuren. Dafür sorgten die Umstellung auf das neue Verbrauchs- und Abgas-Prüfverfahren WLTP sowie die abflauende Nachfrage auf dem wichtigsten Markt China. Zusätzlich sorgte die Aufarbeitung des Abgas-Betrugs in diesem Jahr bisher für Belastungen von 2,4 Milliarden Euro – knapp 200 Millionen Euro weniger als im Vorjahr. Das berichtete am Dienstag VW-Finanzvorstand Frank Witter in einer Online-Konferenz mit Journalisten. Unterm Strich verdiente VW trotzdem kräftig mehr. Dafür sorgten die geringeren Kosten für die Folgen des Diesel-Skandals sowie Zins- und Währungseffekte.

Die Auslieferungen stiegen um 4,2 Prozent auf 8,1 Millionen

Blicken wir zunächst auf die Bilanz für die ersten neun Monate: Der Konzern steigerte seine weltweiten Auslieferungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 4,2 Prozent auf rund 8,1­ Millionen Fahrzeuge. Der Umsatz legte im selben Zeitraum um 2,7 Prozent auf 174,6 Milliarden Euro zu. Das operative Ergebnis vor Sondereinflüssen, also der Gewinn, der aus der Produktion und dem Verkauf der Autos erzielt wurde und bei dem die oben genannten Kosten für die Bewältigung des Abgas-Betrugs noch nicht berücksichtigt wurden, erhöhte sich um 0,6 Prozent auf 13,3 Milliarden Euro. Dieser Wert gibt also an, wie das Geschäft bei VW aktuell läuft.

Werden die Kosten des Abgas-Betrugs berücksichtigt, verringert sich der operative Gewinn auf knapp 10,9­ Milliarden Euro. Allerdings liegt dieser Wert um 2,2 Prozent über dem des Vorjahres. Grund: VW hat in diesem Jahr bislang geringere Diesel-Kosten zu tragen hat als im Vorjahr. Ein Effekt, der sich noch besonders im dritten Quartal zeigt.

Unterm Strich ­– das heißt nach Abzug der Steuern – blieb dem Konzern nach neun Monaten ein Überschuss von 9,4 Milliarden Euro. Das ist eine Steigerung um 24,3 Prozent. Die operative Umsatzrendite vor Sondereinflüssen sank um 0,2 Punkte auf 7,6 Prozent.

Kommen wir zum dritten Quartal: In diesem Zeitraum lieferte der Konzern rund 2,6 Millionen Autos weltweit aus – 1,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Das liegt vor allem an den WLTP-Problemen in Europa, aber auch an dem sich abkühlenden China-Geschäft. Der Umsatz stieg dennoch um 0,9 Prozent auf 55,2 Milliarden Euro.

Das operative Ergebnis vor Sondereinflüssen brach hingegen um 18,6 Prozent auf rund 3,5 Milliarden Euro ein. „Hier zeigt WLTP Spuren“, sagte Witter. Dieser Trend werde sich auch im Oktober finden. Danach werde sich die Situation entspannen, allerdings würden die WLTP-Probleme bis ins neue Jahr hinein spürbar sein. „Das ist in Europa besonders schmerzhaft“, sagte der Finanzvorstand, weil dieser Markt wegen seiner stabilen Margen besonders wichtig sei.

Weil in das Ergebnis noch die Belastungen für den Abgas-Betrug hinzugerechnet werden müssen, verringert sich der operative Gewinn im dritten Quartal auf 2,7 Milliarden Euro. Allerdings liegt er damit um gleich 57,6 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Erklärung: Musste der Konzern im dritten Quartal 2017 noch knapp 2,6 Milliarden Euro Diesel-Sondereffekte verbuchen, waren es im dritten Quartal 2018 „nur“ noch 800 Millionen Euro.

Daraus und aus erwähnten Zins- und Währungseffekten leitet sich ein deutlich höherer Gewinn nach Steuern ab: 2,8 Milliarden Euro stehen für ein Plus von etwa 170 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die operative Umsatzrendite vor Sondereinflüssen sank um 1,5 Punkte auf 6,4 Prozent.

Finanzvorstand Witter erwartet mehr Verkäufe als 2017

Mit Blick auf das Gesamtjahr bestätigte Witter die bisherige Prognose: VW erwarte ein „moderates“ Auslieferungsplus, der Umsatz steige um bis zu 5 Prozent. Die operative Umsatzrendite werden sich zwischen 6,5 Prozent und 7,5 Prozent bewegen. An der Börse kamen diese Botschaften in Zeiten, in denen der Autobauer Daimler und der Zulieferer Continental ihre bisherigen wirtschaftlichen Ziele kassieren, gut an. Die VW-Vorzugsaktie legte seit Montagabend um x,xx Prozent auf xxx,xx Euro zu. Nord-LB-Auto-Analyst Frank Schwope empfiehlt weiterhin den Kauf von VW-Aktien.

Autoexperte Professor Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen, der VW in der Vergangenheit oft scharf kritisierte, war voll des Lobes. Obwohl der Autobauer von der WLTP-Umstellung am stärksten betroffen sei, habe er ein gutes Ergebnis vorgelegt. „Es wird erkennbar, dass Vorstandschef Herbert Diess einen sehr guten Job macht“, sagte Dudenhöffer unserer Zeitung. „Die Effizienz des Unternehmens wird deutlich gesteigert, sein Potenzial sichtbar.“

Dafür spreche auch, dass der ehemalige Chef des Zulieferers ZF, Stefan Sommer, neuer VW-Einkaufsvorstand ist. „Das ist das Beste, was VW passieren konnte“, sagt Dudenhöffer, der die Berufung Sommers ebenfalls Diess zuschreibt. Sommer sei mit seinem Zulieferer-Know-how der richtige Manager für die Neuausrichtung der Komponenten-Fertigung.

Dass VW nun bei wichtigen Zukunftstechniken wie etwa der Fertigung von Batteriezellen Kooperationen anstrebe, sei der einzig richtige Weg. Grund: VW komme so rascher und wirtschaftlicher ans Ziel als mit der Strategie eine eigene Produktion aufzubauen. Dudenhöffer: „Das ist auch ein Signal an die Politik in Berlin. VW zeigt, wie man mit dem Thema Batteriefertigung zurecht kommt.“

Witter hatte zuvor in der Online-Konferenz bereits betont: „Wir wollen uns deutlich mehr für Kooperationen öffnen.“ Das könne auch die Batterie-Fertigung betreffen. „Es wurde aber noch keine Entscheidung getroffen.“ Das gelte auch für Allianzen zur Entwicklung des autonomen Fahrens.

Wie sich einige Marken in den ersten neun Monaten entwickelten, zeigt folgender Überblick:

VW PKW: Die Konzern-Kernmarke steigerte ihren Umsatz um 7,3 Prozent auf 62,5 Milliarden Euro. Der operative Gewinn vor Sondereinflüssen beträgt 2,3 Milliarden Euro. Das sind 200 Millionen Euro weniger als im Vorjahreszeitraum. Von diesem Ergebnis müssen noch 1,6 Milliarden Euro abgezogen werden, die die Marke für die Aufarbeitung des Abgas-Betrugs aufbringen musste.

Audi: Die Premiumtochter steigerte den Umsatz um 300 Millionen Euro auf 44,3 Milliarden Euro. Der operative Gewinn vor Sondereinflüssen sank um 200 Millionen Euro auf 3,7 Milliarden Euro. Davon müssen 800 Millionen Euro für die Bewältigung des Diesel-Skandals abgerechnet werden.

Skoda: Der Umsatz stieg um 2,1 Prozent auf 12,6 Milliarden Euro. Der operative Gewinn sank um rund 10 Prozent auf 1,1 Milliarden Euro.

Seat: 7,7 Milliarden Euro Umsatz stehen für ein Plus von 6,7 Prozent. Der operative Gewinn verbesserte sich um 54,4 Prozent auf 237 Millionen Euro.

Porsche: Die Stuttgarter steigerten den Umsatz um 11,5 Prozent auf 17,5 Milliarden Euro. Der operative Gewinn nahm um 10,6 Prozent auf 3,2 Milliarden Euro zu.

VW-Nutzfahrzeuge: Der Umsatz sank um 3,9 Prozent auf 8,6 Milliarden Euro, der operative Gewinn um 10 Prozent auf 628 Millionen Euro.

MAN: Der Umsatz verbesserte sich um 7,5 Prozent auf 8,6 Milliarden Euro. Der operative Gewinn sank dagegen um 17,5 Prozent auf 222 Millionen Euro.

VW-Finanzdienstleistungen: Der operative Gewinn stieg um 8,6 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro.

Lesen Sie hier den Kommentar zur Neun-Monatsbilanz:

Das Glas ist halb voll

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (4)