Sie bringen das Internet auf die Straße

Ferhat Akgün ist einer von 400 Software-Entwicklern der Bochumer Volkswagen Infotainment.

Dass Ferhat Akgün bei einem Automobilkonzern angestellt ist und trotzdem mit der Bahn zur Arbeit fährt, wundert nicht weiter, wenn man bedenkt, wo er lebt: im Ruhrgebiet. Dort, wo auf den Autobahnen ständig Stillstand herrscht, ist die Schiene eine Alternative für Pendler. 70 Kilometer legt der 34-Jährige jeden Tag pro Strecke zurück, um zu seinem Arbeitsplatz zu gelangen.

Akgün arbeitet als Softwareentwickler bei Volkswagen Infotainment in Bochum. 400 Menschen sind bei dieser Volkswagen-Tochter beschäftigt, und es werden immer mehr. Es sind Experten aus aller Welt. Die Teamkollegen von Akgün stammen aus Deutschland, Indien, Kamerun, Rumänien, der Türkei, Kroatien und China. Gemeinsam arbeiten sie am Auto der Zukunft. Das alles geschieht unter höchster Geheimhaltung. Verschlossene Türen, Verschwiegenheitserklärungen, gesicherte Labore, keine Fotos ohne Erlaubnis und auch keine Details von den Produkten und Dienstleistungen von morgen.

„In der Zukunft wird das Auto noch viel stärker mit dem Internet und mit der Verkehrsinfrastruktur interagieren“, sagt Akgün. Seine Arbeit trägt dazu bei, dass dies gelingt. Stunden verbringt er vor dem Computerbildschirm, schreibt Software, die technische Bauteile im Auto steuert und überwacht – „Embedded Software Engineering“, sagt der Fachmann dazu.

„Ich finde das ist ein sehr spannender Bereich, der sich von der standardisierten PC-Computerwelt deutlich unterscheidet“, sagt Akgün. „Beim Programmieren muss ich mir intensiv Gedanken machen.“ Jede Zeile Code müsse er hinterfragen, ständig gelte es, die Kosten sowie den Raum-, Speicher- und Energiebedarf im Blick zu haben.

Akgün hat durch diesen Job ein neues Denken gelernt, sagt er. Plötzlich sei seine Arbeit sicht- und anfassbar geworden. „Früher habe ich Software geschrieben, die dazu führte, dass innerhalb eines Computers irgendein Prozess ablief“, sagt er. „Heute kommt meine Software in Autos zum Einsatz. Da sitzt man drin, drückt einen Knopf, und dann passiert etwas, weil ich das vorher so programmiert habe“, erzählt Akgün mit Begeisterung. Als Beispiel nennt er den „E-Call“, einen Notruf, der bei einem Unfall automatisch an die nächstgelegene Einsatzleitstelle geht. Für solche Anwendungen schafft er die Online-Verbindung mit dem Fahrzeug.

Da die Autos der Zukunft, die Fachwelt spricht von „Connecting Cars“, schnurlos mit ihrer Umwelt kommunizieren, nennt Akgün ein weiteres Beispiel: „Stellen Sie sich vor, Sie steigen in Amerika aus dem Flugzeug, sind sich aber nicht sicher, ob Sie Ihr Auto am Düsseldorfer Flughafen tatsächlich abgeschlossen haben“, sagt er. „Mit unserer Technologie können Sie das ganz einfach per Smartphone kontrollieren, und Sie können Ihr Auto per Klick öffnen oder verriegeln.“

Die Möglichkeiten, wie sich diese Ansätze weiter entwickeln ließen, seien schier endlos. „Die Steuergeräte, die wir hier programmieren, sind das Tor ins Internet“, sagt Akgün. „Das Fahrzeug wird zum Smartphone.“ Dabei soll es aber nicht bloß darum gehen, Telefonanrufe anzunehmen oder Musik abzuspielen. Vielmehr gehe es um „Car2X“, die Kommunikation des Autos mit dem eigenen Zuhause, dem Büro, Tankstellen, Parkplätzen und anderen Fahrzeugen.

Die Volkswagen Infotainment, bei der Akgün angestellt ist, gibt es seit dem Jahr 2014. Sie ging hervor aus dem europäischen Entwicklungszentrum des Smartphone-Herstellers Blackberry – die Wolfsburger Autobauer hatten es übernommen und sicherten sich so nicht nur den Standort Bochum, sondern auch das dort vorhandene Wissen. Sie übernahmen die komplette Belegschaft und stellten neue Mitarbeiter ein.

Akgün entdeckte eine Stellenanzeige der Volkswagen Infotainment im Internet, schrieb eine Bewerbung, ging zum Vorstellungsgespräch – und bekam den Job. „Damals wurden in anderen Branchen massenhaft Programmierer vor die Tür gesetzt, da habe ich einen sicheren Hafen gesucht – und den habe ich bei Volkswagen gefunden“, sagt Akgün.

Als er im Oktober 2015 seinen Arbeitsvertrag unterschrieb, war das Unternehmen gerade erst ein knappes Jahr alt. Ihren Start-up-Charakter hat die Firma bis heute bewahrt. Das Wort „Sie“ haben die Mitarbeiter aus ihrem Vokabular gestrichen, selbst die Chefs werden geduzt, die Hierarchien sind flach. Wer möchte, arbeitet von unterwegs oder wählt sich von daheim aus ins Firmennetz ein.

Nicht nur während der Arbeit geht es bei aller Anstrengung locker zu, sondern auch in der Freizeit. Einige Mitarbeiter haben eine Band gegründet. Sie spielen im Keller des Bürogebäudes und auf den Weihnachtsfeiern.

Akgün mag Sport – und auch er kommt auf seine Kosten. Gemeinsam mit seinen Kollegen steigt er jeden Montag in einer zur Kletterhalle umgebauten Zeche die Wände hinauf, mittwochs paddelt er mit ihnen in einem Drachenboot auf dem Rhein-Herne-Kanal. In den Sommermonaten gehen sie Windsurfen auf dem Kemnader Stausee. „All das ist ein guter Ausgleich zu meinem Job“, sagt er.

Auch wenn Akgün sagt, er habe vor zehn Jahren nicht damit gerechnet, einmal in der Automobilindustrie zu arbeiten, so hat er doch damals schon die Weichen dafür gestellt – und zwar mit einem Entwicklungsprojekt während seines Studiums. „Damals habe ich mit Carrera-Autos experimentiert“, sagt er über seine Zeit an der Hochschule Niederrhein in Krefeld.

Akgün hatte für sein Projekt eine Carrera-Rennbahn mit speziellen Sensoren ausgerüstet, dann hat er eine Software geschrieben – und am Ende fuhren die Autos ohne menschliches Zutun ein Rennen. „Mir ist es gelungen, dass alle Autos mit der maximal möglichen Geschwindigkeit und trotzdem unfallfrei ins Ziel kamen.“ Seine Software war dabei sogar in der Lage, ein derart perfektes Rennergebnis zu erzielen, wenn sich die Strecke oder das Gewicht der Fahrzeuge änderte.

Akgün hat seinen Traumberuf gefunden. Dass er mit Computern arbeiten möchte, wusste er schon, als er im Alter von 13 Jahren seinen ersten 486er-PC bekam. Hin und wieder gönnt er sich aber auch eine Auszeit von Bits und Bytes. Im Urlaub fährt er in weit entfernte Länder. Ohne großes Budget, nur mit einem Rucksack ausgerüstet, genießt er das einfache Leben, taucht ein in fremde Kulturen. Zuletzt war er sechs Wochen auf Madagaskar unterwegs.

Auf der Insel vor dem afrikanischen Festland dachte der Softwareentwickler nach eigenen Angaben nicht nach über Themen wie Connecting Cars, Autonomes Fahren oder Elektromobilität. Er stand vor einer ganz anderen Herausforderung. Akgün musste den Kapitän eines Vanille-Frachters überreden, ihn an Bord zu lassen, damit er seinen Heimflug nicht verpasst, um wieder pünktlich in Bochum – an seinem Arbeitsplatz – zu sein.

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