Volkswagen ist für viele Türöffner in ein besseres Leben

Für die meisten Mitarbeiter ist der Autobauer mehr als nur ein Arbeitgeber. Viele bezeichnen VW als „ihre“ Familie.

Es muss 1973 gewesen sein, vielleicht auch 1974. Wir Jungs spielten wie so oft im großen Garten meines besten Freundes, der in einem Wolfsburger Vorort hinter einem dieser typischen Siedlerhäuser aus den 1950er-Jahren lag. Mein Kumpel wohnte nur einige Häuser von mir entfernt. Wie fast alle Väter verdiente auch seiner im VW-Werk Wolfsburg sein Brot – in diesem Fall als Facharbeiter. An diesem Tag war etwas anders als sonst. Als sein Papa mit dem Auto nach Hause kam, wurde er von seiner Familie vor dem Garagentor empfangen. Großer Bahnhof also. Die Mama war da, die große Schwester meines Freundes und er selbst natürlich auch. Ich war Zuschauer. Das Besondere war: Der Vater hatte an diesem Tag seinen allerersten Passat abgeholt. Ein Mittelklasse-Auto! Als er ausstieg, wurde er von Frau, Tochter und Sohn mit Handschlag beglückwünscht. Ein feierlicher Moment, heute wohl kaum noch vorstellbar.

Wenn mir damals auch klar wurde, dass irgendetwas Ungewöhnliches geschehen ist, so war mir die tiefere Bedeutung nicht bewusst. Heute weiß ich, dass der Mittelklasse-Wagen symbolisierte: Wir haben es geschafft! So ging es vielen Menschen in Wolfsburg. Zunächst musste in den Aufbaujahren das Auskommen gesichert werden. Dann gab es so etwas wie Wohlstand, hart erarbeitet. Man konnte sich etwas leisten und darauf stolz sein.

Die Stadt war in der Nachkriegszeit Heimat geworden für Flüchtlinge und Vertriebene, für viele Arbeiterfamilien. Wolfsburg war in den ersten Jahren nicht mehr als eine Art Goldgräber-Siedlung. Die meisten von ihnen kamen mit wenig oder nichts und suchten eine Perspektive. Für sie war VW das Versprechen für ein besseres Leben, und dieses Versprechen hatte sich spätestens an diesem Tag Anfang der 1970er-Jahre für die Eltern meines Freundes erfüllt. Wir haben es geschafft! Dieses Versprechen, der Glaube daran, vererbt sich. Inzwischen arbeitet bei VW oft schon die dritte Generation einer Familie. Und auch die, die von außen kommen, glauben an dieses Versprechen. Deshalb war der Schock, das Entsetzen gerade in Wolfsburg groß, als im September 2015 der Abgas-Betrug bekannt wurde. Wie konnte ein Unternehmen, da sich so auf Werte beruft, verantwortlich sein für einen Betrug dieses Ausmaßes? Obwohl Diesel-Gate nicht der erste Skandal war, der VW erschütterte – genannt sei nur die Korruptions-Affäre um von VW begünstigte Betriebsräte –, war diese Dimension neu.

Der Glaube an das Wohlstandsversprechen kam und kommt nicht von ungefähr. Der Autobauer war schon in den Aufbaujahren der Bundesrepublik anders als viele andere Unternehmen. Vergleichbar wohl nur mit Betrieben der Stahlindustrie. Das liegt an der von Anfang an starken Verankerung der Mitbestimmung im „Werk“, wie es in Wolfsburg heißt. Nicht zufällig ist Wolfsburg der mitgliederstärkste Bezirk der IG Metall. Arbeitsbedingungen, Einkommen, Altersvorsorge, Altersteilzeit, Sicherheit der Arbeitsplätze – in vielen Punkten setzte Volkswagen Maßstäbe oder war früher dran als andere. Zudem bietet das Unternehmen zahlreiche Aufstiegsmöglichkeiten. Wer fleißig ist, sich reinhängt, wird gezielt gefördert und kann Karriere machen.

Zum deutschen Sonderweg der sozialen Marktwirtschaft zwischen nacktem Kapitalismus und real existierendem Sozialismus gehört als wesentlicher Bestandteil eben auch VW. Es ging zwar auch in Wolfsburg immer ums Geldverdienen, natürlich, es ging aber auch stets darum, dass die Beschäftigten ihren Teil von Kuchen abbekommen.

Hinzu kommt, dass VW ein Symbol ist für das „Wirtschaftswunder“. Die Marke steht für die Massenmobilisierung, die einhergeht mit dem Empfinden persönlicher Freiheit. Wer kennt nicht die Fotos von Familien, die sich im Käfer nach Italien aufmachten? Das alles sorgt über Generationen für eine hohe Identifikation vieler Menschen mit Volkswagen – bis heute. Der Autobauer ist ein fester Bestandteil der deutschen Geschichte und ein noch festerer Bestandteil der Historie Wolfsburgs – aber auch auf anderen Kontinenten hat VW eine ähnliche Bedeutung. Das gilt für Käfer und Bulli in den USA oder den Santana in China. Er ist im Reich der Mitte ein Symbol der Massenmobilisierung und damit persönlicher Freiheit.

Heute ist der VW-Konzern der weltgrößte Autobauer, die Marke VW das Herzstück. Als solche repräsentiert sie die wichtigste deutsche Industrie-Branche. Die Bedeutung von VW als Stütze der deutschen Wirtschaft ist unbestritten– und als bedeutender Arbeitgeber in vielen Ländern. Längst geht es nicht mehr allein um das Autobauen. VW macht sich auf, die Welt der Digitalisierung ins Auto zu holen und diese Fahrzeuge mit neuen Antrieben auszustatten. Aus dem Autobauer soll ein breit aufgestelltes Mobilitätsunternehmen werden, das es Menschen ermöglicht, in jeder Form beweglich zu sein – egal ob im klassischen Auto oder im selbstfahrenden Shuttle, das per App geordert wird. Das Entwickeln eigener Software für alle Bereiche eines Autolebens soll so selbstverständlich werden, wie es seit jeher die Autoproduktion ist. Zentraler Baustein dieses Wandels ist neben der Technik der von VW selbst proklamierte Kulturwandel. Er soll dafür sorgen, dass das Unternehmen offener wird, die Führungskräfte kritikfähiger, der gesamte Autobauer schneller und effizienter. Genau genommen ist auch der Kulturwandel ein Versprechen, das VW seinen Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern gibt– für ein konstruktiveres, menschlicheres Miteinander, das in wirtschaftlichen Erfolg münden soll.

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