Ein Fahrrad für den Rucksack

Braunschweig  Der gebürtige Wolfsburger Karsten Bettin entwickelt ein besonders kompaktes Klapprad. Das ist vor allem für die Stadt geeignet.

Die allermeisten Fahrräder werden sitzend gesteuert, einige Exoten liegend. Rad fahren im Stehen, das gab es bislang nicht. Das wird sich nun ändern, wenn Karsten Bettin seine Entwicklung Kwiggle auf der Radmesse Eurobike präsentiert. Der gebürtige Wolfsburger, der an der TU Braunschweig Maschinenbau studiert hat, beansprucht für sein Fahrrad aber noch weitere Alleinstellungsmerkmale. So sei es das weltweit leichteste und kleinste Klapprad.

Tatsächlich wiegt Kwiggle nur acht Kilogramm, was für ein vollwertiges Fahrrad beachtlich wenig ist. „Ich habe um jedes Gramm gekämpft“, sagt Bettin. Zudem ist es mit wenigen Handgriffen in einem Rucksack verstaut.

Nur wenige Teile, etwa Lampen oder Bremsen, kommen aus dem Regal. Stattdessen setzt Bettin auf Eigenentwicklungen, für die er fünf Patente hält. Während die tragende Säule aus Edelstahl gefertigt ist, kommt bei den anderen Komponenten Aluminium zum Einsatz. Die Einzelteile lässt der Ingenieur bei Spezialisten unter anderem in Italien fertigen.

Ein Nachteil bei Rädern mit kleinen Rädern: Der Fahrer muss besonders viel strampeln, um flott voranzukommen. Dieses Problem hat Bettin durch die Entwicklung eigener Getriebe gelöst, die bei Bedarf mit einer Gangschaltung kombiniert werden können.

Das Testmodell, das er mit nach Braunschweig gebracht hat, verfügte über ein Eingang-Getriebe, das bereits ein müheloses Mitschwimmen im Verkehr ermöglicht. Wegen seiner Eigenheiten benötigt Kwiggle gerade für Erstnutzer einige Minuten Eingewöhnungszeit. Das liegt nicht nur an den kleinen 12-Zoll-Rädern, sondern auch an der aufrechten Fahrhaltung, der Nähe des Lenkers zum Fahrer und der besonderen Sattelposition.

Zur Entlastung beim Fahren kann sich der Radler auf einen kleinen Sattel, der einem halbierten Ball ähnelt, setzen. Der Sattel ist aber wegen der stehenden Position des Fahrers nicht wie üblich fest positioniert, sondern schwingt beim Treten nach rechts und links. Hat man sich daran gewöhnt, macht das Radfahren Spaß und Kwiggle zeigt sich dank seiner Wendigkeit als echter Cityflitzer.

Kosten soll das Rad etwa 1500 Euro. Als Kunden ansprechen will Bettin unter anderem Berufspendler, die das Rad unkompliziert in Bus, Bahn und Flieger verstauen können. Dabei hat er auch den asiatischen Markt im Blick. Ansprechen will der 52-Jährige zudem die Autoindustrie. Das Rad ließe sich als Zubehör mühelos in einem Kofferraum unterbringen.

Bettin hat das Rad nach eigenen Angaben in seiner Freizeit entwickelt und bislang mehrere hunderttausend Euro investiert. Vor rund einem Jahr hat der fünffache Vater seine Tätigkeit bei den Stadtwerken Hannover aufgeben und konzentriert sich nur noch auf sein junges Unternehmen. Gefertigt werden soll das Rad in Hannover, wo Bettin lebt. Bei der weiteren Finanzierung will er auch auf Crowdfunding setzen – ein spezielles Modell, an dem sich private Geldgeber beteiligen.

Dass das Rad im Stehen gefahren werden muss, ist übrigens kein Spleen oder Werbegag. Bettin verspricht dadurch eine unverkrampftere Fahrposition als im Sitzen. Die Idee dazu sei ihm gekommen, als er im Fernsehen die Tour de France verfolgt habe. Da sei Lance Armstrong am Berg auf seinem Rad aufgestanden und habe Jan Ullrich abgehängt. „Das wollte ich trainieren. Allerdings muss man sich bei herkömmlichen Rädern weit nach vorne beugen, was den Körper stark belastet.“

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