„Kein Mensch kann erzählen, was gestern war“

Barbara Christophe beschäftigt sich mit lebensgeschichtlichen Erinnerungen und deren Nutzen für die Geschichtsschreibung.

Hans-Jürgen Grasemann: Sprechen wir am besten über die Aufarbeitung der DDR- und SED-Vergangenheit. Wo sehen Sie Aufgaben beziehungsweise Grenzen an der Aufarbeitung dessen, was Diktatur war, was Verbrechen bedeutet – was können Demokratie und Rechtsstaat leisten?

Es gibt eine juristische Aufarbeitung, die ist recht einfach. Einfach, weil die Feststellung Rechtsbruch und Schuld einfach ist. Schwieriger und spannender ist die Aufarbeitung in und mit Geschichten, die gefunden und die erzählt werden müssen. Schwierig ist es in der Tat, eine Sprache dafür zu finden, die den Opfern gerecht wird, die aber auch den Menschen gerecht wird, die damals unter ganz anderen Bedingungen gehandelt haben. Und schließlich müsste diese Sprache gleichzeitig auch noch verstanden werden von den folgenden Generationen.

Hilda Groll: Ich habe mich fotografisch mit der innerdeutschen Grenze auseinandergesetzt und habe Spuren gesucht. Ich fand Spuren der Verletzung. Beispielsweise ein Baum, der seine Überlebensstrategie sucht, indem er den Stacheldraht, der in seiner Rinde steckt, überwuchert. Im Ergebnis zeigen meine Bilder, dass die Menschen noch sehr stark verletzt sind. Ich zeigte sie in einer Ausstellung in Marienborn, und viele Besucher, auch junge, begannen, angesichts der Bilder von konkreten Erlebnissen und Erfahrungen zu sprechen.

Ich finde Ihren Ansatz spannend, auch deshalb, weil es eine ganze Reihe von Versuchen gegeben hat, miteinander ins Gespräch zu kommen. Nicht alle sind erfolgreich gewesen. Ich glaube es hängt damit zusammen, wie wir, in welcher Art wir Geschichten erzählen. Gerade DDR-Geschichten werden oft in schwarz und weiß erzählt – da gab es die Guten und die Bösen. Das sind Geschichten, in denen sich kaum ein Mensch wiederfindet.

Groll: Seit fünf Jahren wohne ich in Goslar und erlebe für mich den Harz als ein einziges Mittelgebirge. Aber in Wirklichkeit gibt es einen Ost-Harz und einen West-Harz, weil die Menschen sich nicht verstehen, sie haben keine gemeinsame Ebene. Ich glaube daran zu erkennen, dass die Menschen durch unterschiedliche Systeme so geprägt sind, dass sie keine Gemeinsamkeit in Sprache, Kultur und Politik finden können.

Ja, die haben unterschiedliche Biografien, unterschiedliche Prägungen. Aber es gibt mittlerweile auch Forschungsansätze, die suchen jenseits dieser Unterschiede die Gemeinsamkeit. Denn – was wissen wir im Westen, was die Menschen im Osten, nicht nur der DDR, auch im hintersten Sibirien beispielsweise an Folk-Musik, an amerikanischer Musik gehört haben? Also Ansätze, die zeigen, dass es eben doch Gemeinsamkeit gibt. Das ist die Arroganz des Westens, der sich den Osten oft als einen einzigen Gulag vorstellt.

Ich vermisse Geschichten, die die Gemeinsamkeiten sichtbar machen.

Grasemann: Schwarz-Weiß-Malerei? Da habe ich ein anderes Bild. Durch Besuche und Vorträge in Schulen in Erfurt oder Weimar weiß ich, dass die junge Generation nach 1989 die Chance des Austauschs, des Gesprächs hat und nutzt.

Wenn man aber die Frage nach der Bilanz, nach den Erfolgen der juristischen Aufarbeitung stellt, dann kommt man zu nicht ganz so zufriedenstellenden Ergebnissen, denn die Masse an Delikten kann man gar nicht aufarbeiten. Die Delikte des Nationalsozialismus in Deutschland wollte man in den 50er Jahren wohl auch gar nicht aufarbeiten. 106 000 Ermittlungsverfahren zu NS-Verbrechen sind eingeleitet worden, davon sind 6500 Angeklagte verurteilt worden. 72 000 Ermittlungsverfahren gab es zu DDR-Taten, davon sind letztlich maximal 1300 Angeklagte verurteilt worden.

Man muss erst einmal den Zugang finden, um überhaupt sprechen zu können. Dazu ist es wichtig, dass wir die unterschiedlichen Ebenen voneinander trennen: kriminelle Schuld, moralische Schuld, metaphysische Schuld. Karl Jaspers hat das für den Nationalsozialismus so unterschieden.

Bei krimineller Schuld, also da, wo jemand ein Gesetz gebrochen hat oder sich über den eigentlich überall geltenden moralischen Grundsatz hinwegsetzt, dass man den Menschen neben sich nicht an Leib und Leben schädigt, einfach so, da kann und muss ich über einen anderen urteilen. Bei moralischer Schuld ist das etwas völlig anderes. Moralische Schuld kann nicht von außen zugesprochen werden. Moralische Schuld muss von innen anerkannt werden. Das hat auch psychologischen Gründe. Sonst wirkt sie nicht.

Die gesellschaftliche Herausforderung liegt darin, ein Gesprächsklima herzustellen, in denen Mensch das Risiko eingehen können, laut nachzudenken und zu sagen: Da und da habe ich mich so und so verhalten, da bin ich vielleicht auch moralisch schuldig geworden – die Angst war so groß, der Terror war so groß, was auch immer.

Grasemann: Wie definiert man einen Rechtsstaat? Wie definiert man einen Unrechtsstaat? Was ist in einem Unrechtsstaat – bleiben wir bei der DDR – vorhanden, was wir hier in einem Rechtsstaat alles an Institutionen haben. Und wir kommen zu einer Fehlanzeige: kein gesetzlicher Richter, keine Gewaltenteilung, keine demokratische Legitimation. Wenn ich das alles zusammennehme, dann bleibt am Ende das, was man immer auf den NS-Staat bezogen hat, nämlich der Begriff vom Doppelstaat – Maßnahme-Staat, der Terror-Staat ist. Und dann angewendet auf die DDR war es so, dass alles in Normen lief, Maßnahmen aber gegen Andersdenkende ergriffen wurden, die kriminalisiert wurden.

Das logische Gegenteil von einem Unrechtsstaat ist nicht unbedingt ein Rechtsstaat. Die DDR war natürlich kein Rechtsstaat. Aber sie war auch kein Unrechtsstaat wie NS-Deutschland. Die Berechtigung, den Menschen neben mir erschlagen zu dürfen, weil er minderwertig ist, das ist ein staatliches Prinzip, das ist Unrechtsstaat. Und das war in der DDR anders. Da wurden auch Menschen getötet. Aber das Töten folgte nicht aus dem offen anerkannten Prinzip des Staates, dass das Leben dieses oder jenes Menschen nichts wert ist, ganz unabhängig davon was er tut oder lässt. Mit dem Thema alltägliche Diktatur erreichen Sie, glaube ich, auch junge Menschen. Handlungssituationen kann man ihnen als Dilemma vor Augen führen. Nicht die Frage danach, was gut und was richtig ist, sondern, wie verhalte ich mich richtig.

Grasemann: Wie kann das Thema Aufarbeitung rein praktisch umgesetzt werden? Was wird benötigt? Sind Bücher, wie Frau Groll sie macht, hilfreich?

Jetzt spreche ich auch als jemand, der an einem Institut für Schulbuchforschung arbeitet. Sie brauchen in erster Linie Schulbücher, die etwas anders funktionieren als die, die wir derzeit haben. Ich wünschte mir Schulbuchautoren, die mehr Zeit haben sich Gedanken zu machen, was dem Schüler von heute erzählt werden muss, damit er versteht, weshalb die Geschichte der DDR für ihn relevant ist. Lebensläufe gehörten dazu. Geschichten von SED-Mitgliedern zum Beispiel, die aus einem guten Antifaschismus in die Partei gingen, und immer mehr ins Zweifeln gerieten, es aber versäumt haben, aus ihren Zweifeln Konsequenzen zu ziehen und deshalb moralisch mitschuldig geworden sind.

Grasemann: Da geht es dann aber in aller Regel immer um die soziale Existenz. Es gibt da folgende Geschichte: Einer wird gefragt: Warum warst Du in der NSDAP? Da antwortet der: Ich hatte Familie und war bei der Reichsbahn. Und warum warst Du ab 1946 in der SED? Da antwortet der: Ich hatte immer noch Familie und war immer noch bei der Reichsbahn. Da muss man die Frage nach moralischer Schuld wohl gar nicht mehr stellen.

Es gibt natürlich unterschiedliche Antworten, weshalb jemand in eine Partei eintritt. Es gibt natürlich auch Opportunisten. Und es gibt Menschen, für die ist es gar keine Entscheidung, in einer Partei zu sein. Für die gehört es einfach dazu, in einer Partei zu sein, weil Familienmitglieder schon seit Generationen einer Partei angehören. Oder weil es einfach selbstverständlich ist und man darüber gar nicht mehr nachdenkt. Aber das entbindet natürlich nicht davon, dass daraus auch moralische Schuld erwachsen kann.

Groll: Wie kann man die Jugendlichen zum Gespräch oder zur Auseinandersetzung mit dem Thema abholen? Ich denke eben doch, dass man mit Bildmaterial junge Menschen neugierig machen kann.

Bilder können sehr viel transportieren, sie können gewissermaßen zwischen den Zeilen sprechen.

Groll: Sie können die Verletzbarkeit visualisieren, ohne einen verletzten Menschen zu zeigen.

Opferbilder haben wir. Die Bundesrepublik steckt voll davon.

Es gibt Untersuchungen darüber, wie die Geschichte der DDR überhaupt nicht zu vermitteln ist. Ich glaube, unsere Erzählungen über die DDR sind weit entfernt von den Menschen und der Wirklichkeit in der damaligen DDR. Wir müssen dringend auch andere DDR-Geschichten als die Opfer-Geschichten erzählen.

Grasemann: Was also brauchen wir für die Aufarbeitung? Bilder, Einzelschicksale, erzählte Geschichte – Zeitzeugen?

Aber der Zeitzeuge hat genau dasselbe Problem wie das Bild. Er erzählt ja nicht, wie es gewesen ist. Erinnerung ist trügerisch, denn er erzählt von seinem heutigen Horizont aus.

Grasemann: Ich glaube, da werden wir dem Zeitzeugen nicht gerecht, denn er erzählt ja auch, wie es damals war.

ZUR PERSON

Barbara Christophe ist Leiterin des Arbeitsbereichs „Schulische Bildungsmedien im Zeichen von Globalisierung“ am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung. Ende April richtete die promovierte Historikerin und habilitierte Politologin den Workshop „Blick zurück im Zorn oder gibt es ein richtiges Leben im Falschen?“ aus. Das Arbeitstreffen beschäftigte sich mit den lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Geschichtslehrern in der ehemaligen Sowjetunion und bildete den Abschluss eines von der Volkswagenstiftung finanzierten Forschungsprojekts.

Kein Mensch auf der Welt kann erzählen, was gestern war. Versuchen Sie es. Sie werden immer auswählen, auswählen für den, dem Sie von gestern erzählen. Sie erzählen für ein Publikum. Das ist so. Und mit dem Publikum verändert sich die Erinnerung.

Redaktion: Thomas Parr

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