Atari kam aus Braunschweig

Braunschweig. In den 80er Jahren hatte Atari einen Ruf wie Donnerhall. Dann folgte der Abstieg des Computerpioniers: Wechselnde Eigentümer, Aufspaltungen, Bedeutungslosigkeit, Wiederauferstehung. Jüngster Akt des Dramas: Atari hat in den USA Insolvenz angemeldet. Was viele nicht wissen: Auch in unserer Region hat der legendäre Konzern Spuren hinterlassen. Es gab einen Standort in Braunschweig – und noch immer gibt es Fans und Sammler der Atari-Rechner.

Helmut Joswig wird demnächst 75, er lebt als Rentner in Vechelde. Vor 25 Jahren war er Geschäftsführer der 30-köpfigen Entwicklungsabteilung, die Atari 1988 in der Braunschweiger Julius-Konegen-Straße angesiedelt hat. „Damals bin ich ständig zwischen Fernost, den USA und Braunschweig hin und her geflogen.“

Bevor er den Atari-Standort übernahm, hat Ingenieur Joswig die Geschicke des Konkurrenten Commodore geleitet – der ebenfalls in Braunschweig vertreten war. „In den besten Zeiten haben 250 Menschen in Braunschweig 100 000 Commodore-Rechner im Monat produziert.“

Zurück zu Atari. Es blieb ein Zwischenspiel in Braunschweig. Nach nur zweieinhalb Jahren wurde der Standort Anfang 1990 aufgelöst. „Wir waren traurig damals, wir hatten viele gute Ingenieure voller Tatendrang“, sagt Joswig. Ihre bedeutendste Entwicklung war der sogenannte PC 4 von Atari. „Wir haben die Wechselfestplatte mit 44 Megabyte marktfähig gemacht.“

Die Insolvenz des heutigen US-Geschäfts lässt Joswig kalt. „Es ist ja nur noch der Name Atari – das ist längst ein ganz anderes Unternehmen.“ Tatsächlich hat Atari, ursprünglich ein US-Konzern, heute nach diversen Eigentümerwechseln seinen Sitz in Frankreich, die Mutterfirma will sich mit der Insolvenz der US-Tochter sanieren. Computer werden längst nicht mehr gebaut, nur noch Spiele programmiert.

Trotzdem bleibt Atari ein Name, der viele heute 40- bis 50-Jährige nostalgisch macht: 1975 hat der spätere Apple-Gründer Steve Jobs dort gearbeitet, „Pong“ war für Millionen das erste Videospiel – und manche Musiker schwören bis heute auf Atari. Zum Beispiel der Braunschweiger Julien Deseke. „Dank seines analogen Soundchips hat der Atari einen einzigartigen Klang – er konnte zum kleinen Preis ein komplettes Tonstudio auf der Tastatur sein.“ Deseke ist mit seiner Atari-Musik auf diversen Festivals aufgetreten. „Erst gucken viele komisch, wenn sie die alten Rechner sehen. Aber sobald die Töne kommen, sind sie begeistert.“

Deseke sammelt Ataris, er hat fast alle Modelle, organisiert Fan-Treffen – und ist damit das lebende Beispiel dafür, dass der Mythos Atari auch nach seiner Glanzzeit noch ansteckend ist: Deseke ist 25 Jahre jung.

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