Berlin. Libidoverlust ist ein Massenphänomen, das immer mehr auch Männer betrifft. Eine Expertin verrät, wie man die Lust retten kann.

Es ist eines der Rollenklischees schlechthin: Männer haben immer Lust auf Sex – oder zumindest mehr als Frauen. Dabei ist sexuelle Unlust bei Männern weiter verbreitet als man denkt. Sexuelle Lust beginnt bei beiden Geschlechtern im Kopf – und wenn der blockiert ist, wirkt sich das auch auf die männliche Libido aus. Eine Paar- und Sexualtherapeutin nennt Anzeichen, Ursachen und Lösungen für sexuelle Unlust beim Mann.

Wie äußert sich sexuelle Unlust bei Männern?

Galt Libidoverlust lange Zeit als reines „Frauenproblem“, belegen neue Studien das Gegenteil: Laut Pro Familia berichten verschiedenen Umfragen zufolge bei den 18- bis 59-jährigen Männern je nach Altersgruppe zwischen 14 und 17 Prozent über eine verminderte Libido. Unter allen möglichen Problemen rund um die Sexualität ist dies demnach immerhin die am zweithäufigsten genannte Ursache – nur über vorzeitigen Samenerguss klagen noch mehr Männer. An dritter Stelle folgen Erektionsstörungen.

Auch die Paar- und Sexualtherapeutin Beatrice Wagner stellt in ihrer Praxis eine zunehmende Sexmüdigkeit bei Männern fest: „Während Männer früher dem Klischee nach immer Lust auf Sex hatten, sind heute viele durch Videopornos visuell erschöpft“, erklärt sie. „Da Sex durch Videopornos, aber auch durch Dating-Apps schnell verfügbar ist, gewöhnt sich das Gehirn daran und der Glücksbotenstoff Dopamin wird überstrapaziert.“ Das könne dazu führen, dass Männer weniger Lust auf Sex haben, so die Expertin.

Welche Ursachen kann sexuelle Unlust bei Männern haben?

Ein häufiger Grund für sexuelle Unlust bei Männern ab 40 ist der zunehmende Mangel an dem Hormon Testosteron, das nicht nur die Lebensfreude, sondern auch die Libido ankurbelt: Zehn bis 45 Prozent der älteren Männer haben laut Pharmazeutischer Zeitung einen „erniedrigten Testosteronspiegel“. „Dieses Hormon ist sowohl bei Männern als auch bei Frauen für das Lustempfinden verantwortlich“, erklärt Paartherapeutin Wagner. Ein Testosteronmangel vermindere die sexuelle Phantasie, das sexuelle Verlangen und die Sensibilität der Geschlechtsorgane, so die Expertin weiter. Auch andere sexuelle Störungen wie Erektionsstörungen seien mögliche Ursachen für einen Libidoverlust.

Beatrice Wagner ist eine Paar- und Sexualtherapeutin mit einer Privatpraxis in der Nähe von München. Darüber hinaus ist sie Dozentin für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Buchautorin.
Beatrice Wagner ist eine Paar- und Sexualtherapeutin mit einer Privatpraxis in der Nähe von München. Darüber hinaus ist sie Dozentin für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Buchautorin. © privat

Bei jungen Männern können exzessive Selbstbefriedigung und das Phänomen der „Netflix-Lustlosigkeit“ zu sexueller Unlust führen. Dieses Phänomen tritt laut Paartherapeutin Wagner auf, wenn Paare es sich zu bequem machen und sich nur noch im sicheren Bereich bewegen. „Sex und Lust brauchen eine gewisse Aufregung, einen Adrenalinkick“, sagt Wagner. Fehlt der Kick, könne die Lust in der Bequemlichkeit ersticken.

In den allermeisten Fällen sei Lustlosigkeit jedoch psychisch bedingt, meint Paartherapeutin Wagner. „Wenn der Mann kein körperliches Interesse mehr an seiner Partnerin hat, liegt das sehr oft an einem zu hohen gesellschaftlichen Leistungsdruck – sowohl beruflich als auch sexuell.“

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Der Druck kann aber auch von innen kommen: „Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist ein Thema, das auch viele Männer betrifft“, sagt die Expertin. Ob im Fernsehen, auf Plakaten oder Zeitschriftencovern: Auch Männer werden täglich mit Bildern von muskelbepackten Männern konfrontiert. Solche Bilder könnten Männer verunsichern, meint Wagner.

Weitere Ursachen für sexuelle Unlust bei Männern:

1. Stress als Lustkiller

Ein riesiger Faktor für sexuelle Lustlosigkeit ist oft der berühmte Stress. Denn: „Das Stresshormon Adrenalin ist Gift für jede Erektion“, sagt Paartherapeutin Wagner. Vor allem ältere Männer hätten häufig stressbedingte Erektionsprobleme, da der Testosteronspiegel im Alter nicht mehr so hoch sei wie in jungen Jahren. Oft würden Männer den Stress durch Sex kompensieren wollen, so die Expertin, doch der Testosteronmangel in Kombination mit den erhöhten Stresshormonen verhindere dies.

2. Konflikte und psychische Belastungen

Eng verwandt mit Stress sind Dinge, die psychisch belasten – weil sie letztlich auch Stress bedeuten. Das können laut der Expertin Konflikte sein, die in der Freundschaft, in der Liebe oder am Arbeitsplatz auftreten und emotional sehr belastend sein können. Die Energie wird dann für die Bewältigung der Belastungen benötigt und fehlt dann im Bett mit der Partnerin.

Was hilft gegen sexuelle Unlust bei Männern?

Zunächst einmal gilt: Psyche und Sexualität hängen zusammen. „Ein blockierter Kopf führt umgekehrt zu einer Blockade im Bett“, sagt Paartherapeutin Beatrice Wagner. Deshalb ist es hilfreich, zunächst dem seelischen Problem auf die Spur zu kommen: Wann hat das Problem angefangen? Was wäre, wenn das Problem verschwinden würde? Welche Theorie habe ich, warum es im Bett nicht klappt? Vielleicht helfe aber auch ein kurzes Entspannungsritual am Abend, um den Alltag abzuschütteln, ein entspanntes Abendessen zu zweit oder eine Sporteinheit, so Wagners Rat. Blockaden entstünden im Kopf und sollten auch dort gelöst werden.

Habe die Lustlosigkeit körperliche Ursachen, helfe eine gesunde Lebensweise, Sport und eine ausgewogene Ernährung, erklärt die Expertin. Gerade in Sozialen Netzwerkel liest man auch immer wieder von so genannten „Sexfoods“ wie Austern und Spargel, denen eine luststeigernde Wirkung nachgesagt wird. Tatsächlich liefern Austern und Spargel viel Zink. Fehlt dem Körper dieser Nährstoff, kann sich das negativ auf die Testosteronproduktion auswirken. Es gibt jedoch keine wissenschaftlichen Hinweise darauf, dass eine erhöhte Zinkaufnahme die sexuelle Leistungsfähigkeit tatsächlich verbessert.