München. Funktioniert ein Leben ohne Zucker? Die amerikanische Journalistin Eve Schaub hat es ein Jahr lang ausprobiert.

Zucker ist überall. In fast allem was wir essen – egal ob süß, salzig oder herzhaft. Viele Lebensmittel enthalten von Natur aus Zucker, doch oft wird er zusätzlich beigemischt. Eigentlich unnötig, manchmal gefährlich und fast immer bedauerlich. Denn unsere Geschmacksnerven werden süchtig nach dem weißen Stoff. Sie stumpfen ab und nehmen vieles andere nicht mehr wahr. Herrliche Kräuter werden so zu langweiligem Grünzeug. Aber funktioniert ein Leben „ohne“? Die Amerikanerin Eve O. Schaub hat es ein Jahr lang ausprobiert.

Guter böser Zucker

„Extrem süße Nachspeisen schmecken uns gar nicht mehr so sehr. Stattdessen gönnen wir uns lieber etwas Leichteres, wie ein Frucht-Sorbet.“
„Extrem süße Nachspeisen schmecken uns gar nicht mehr so sehr. Stattdessen gönnen wir uns lieber etwas Leichteres, wie ein Frucht-Sorbet.“ © Eve O. Schaub über ihr Experiment, ein Jahr lang auf Zucker zu verzichten

Zucker ist lecker, Zucker schmeckt gut. Am schönsten ist es, wenn er auch noch in bunte Farben gehüllt daher kommt: Rote Lutscher, blaue Bonbons, grüne Gummibärchen oder zartbraune Schokolade. Zucker liefert dem Gehirn und dem Körper wichtige Energie, ohne die wir gar nicht funktionieren würden.

Vor Tausenden von Jahren signalisierte „süß“ den Menschen: Das ist essbar. An diesen Grundsatz haben wir uns im Laufe der Jahre gehalten – und an immer mehr Zucker gewöhnt. Früher war Zucker ein Luxusgut. Das „weiße Gold“ konnten sich nur Reiche leisten und deshalb war es natürlich begehrt. Heute ist Zucker immer und überall verfügbar. Jedes Jahr verbrauchen wir im Durchschnitt 35 Kilogramm – meistens nicht in Form von Süßigkeiten, sondern versteckt in Nahrungsmitteln, wo wir ihn gar nicht vermuten.

Denn Zucker wird benutzt, um Lebensmittel haltbarer zu machen. Oder um ihnen eine „schönere“ Farbe zu geben. Die moderne Lebensmittel-Industrie liebt Zucker geradezu. Und genau da liegt die Gefahr – denn zu viel Zucker schadet unserem Körper auf vielerlei Weise: Er kann Karies verursachen, Übergewicht oder Diabetes. Auch viele Krebszellen lieben ihn. Nehmen wir zu viel zu uns, kommt das Organ, das die sogenannte Fructose verarbeitet, nicht mehr hinterher – und eine gefährliche Verfettung der Leber droht. Fest steht: Zu viel Zucker tut keinem gut. Und weniger davon wäre für uns alle eine Wohltat.

Ein Leben ohne Zucker

Die amerikanische Journalistin Eve O. Schaub wollte es wissen: Schaffe ich es mit meinem Mann und unseren Töchtern Greta und Ilsa, ein Jahr lang ohne Zucker zu leben? Das Experiment begann – und sie stellte schnell fest: „Künstlich zugesetzter Zucker taucht an den seltsamsten Orten auf: Salat-Dressing, Hühnerbrühe, Erdnussbutter, Tomatensoße, Tortellini, Würstchen, Speck, Räucherlachs, Mayonnaise oder Babynahrung. Außerdem zählten wir 56 verschiedene Wörter, hinter denen sich Zucker versteckt.“ Darunter zum Beispiel Maltose, Aspartam, Malzextrakt, Dextrin, Maisstärkesirup oder Saccharose. Wer Zutatenlisten und Nährwerttabellen auf Verpackungen studiert, erkennt: Zucker versteckt sich oft in Fertig-Gerichten, Brotaufstrichen, Saft, Müsli-Riegeln, Wurst, Fertigsalaten, Gemüse aus dem Glas oder sogar Brot.

Je weiter vorne Zucker oder eine seiner Formen aufgelistet ist, desto mehr ist drin. „Natürlich ist es oft nur eine geringe Prozentzahl pro Portion, aber wenn Zucker in fast allem ist, was wir essen, dann addieren sich diese kleinen Prozentzahlen schnell. Und plötzlich haben wir, ohne es zu merken, eine riesige Menge Zucker gegessen – bevor es überhaupt Dessert gab“, findet Eve O. Schaub. Über ihre Erfahrungen hat sie erst einen Blog und dann ein Buch geschrieben: „Year of no Sugar“ (Sourcebooks, 12 Euro, nur auf Englisch). Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt eine Tagesmenge von cirka 25 bis 30 Gramm Zucker für Erwachsene. Klingt nach relativ viel auf den ersten Blick. Ist es aber nicht, wenn man bedenkt, dass man diese Grenze schon mit 20 Gummibärchen schon erreicht.

Eigentlich besteht kein Grund, Lebensmittel mit künstlich zugeführtem Zucker zu uns zu nehmen. Die Natur versorgt uns nämlich mit jeglicher Süße, die wir brauchen. Durch Obst, zum Beispiel. Zusammen mit Faser- und Ballaststoffen kann der Körper den Zucker besser verarbeiten und verwerten. Doch leider haben wir unseren Geschmacksnerven geradezu abtrainiert, die feine Süße natürlicher Nahrungsmittel überhaupt zu schmecken. Wir sind abgestumpft von Schokolade, Limo & Co. – und vor allem von den gesüßten Fertig-Mahlzeiten.

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Dabei kann eigentlich sogar Gemüse süß schmecken, Karotten oder Tomaten, zum Beispiel. Leider ist unser Radar meist so auf künstlichen Zucker geeicht, dass wir das gar nicht mehr merken. Erst wenn wir mal für längere Zeit auf Zucker verzichten, sozusagen einen Zucker-Entzug machen, dann erst können wir wieder erfahren, wie natürliche Aromen schmecken – und übrigens auch duften. Das ist dann ein tolles Erlebnis, wenn unsere Geschmacks- und Geruchsnerven die Welt um uns herum neu entdecken. Wie intensiv so ein Apfel plötzlich riecht, wie süß so eine Karotte ist, wenn wir sie mit Bedacht kauen.

Die fiese Zucker-Sucht

Auch Eve O. Schaub sagt, dass sie nie das Gefühl hatte, auf süße Leckereien verzichten zu müssen: „Sie nehmen reife Bananen, schneiden sie in Scheiben und stecken diese für 60 bis 90 Minuten ins Tiefkühlfach. Danach in den Mixer geben und – voilà: Das leckerste Bananen-Softeis aller Zeiten.“ Ihre Töchter haben es geliebt – ohne künstliche Zucker-Zusätze. Die Journalistin fing an, viel öfter selbst zu kochen und auch neue, andere Lebensmittel auszuprobieren. Auch ihre Mädchen hatten Spaß in der Küche. Das Experiment brachte die Familie enger zusammen. Vielleicht, weil es einen gemeinsamen „Feind“ gab: Zucker. Wie Zigaretten kann Zucker richtig süchtig machen. Der Körper will immer mehr und alles andere schmeckt plötzlich fad und langweilig.

Natürliche Helfer

Wer das Experiment selbst wagen möchte, findet Helfer in der Natur: Bitterstoffe – sie dämpfen den Hunger auf Süßes. Schritt für Schritt können wir uns so entwöhnen. Schon nach kurzer Zeit wird das Verlangen danach weniger. „Viele unserer Freunde haben erwartet, dass wir nach unserem Jahr ohne Zucker losrennen und ein Schoko-Eisbecher-Gelage veranstalten“, erzählt Eve O. Schaub. „Tatsächlich aber schmecken uns diese extrem süßen Nachspeisen gar nicht mehr so sehr. Stattdessen gönnen wir uns lieber etwas Leichteres, wie ein Frucht-Sorbet.“ Nach einem Jahr Experiment fühlte sich Familie Schaub gesünder und fitter. Ilsa und Greta hatten weniger Krankheits-Fehltage in der Schule als jemals zuvor. Eve sagt, sie wurde eine viel bessere Köchin. Alle beschäftigten sich mehr damit, wo Lebensmittel eigentlich herkommen und was da alles so drin steckt. Trotz allem hält sich die Familie heute nicht mehr so strikt an den Plan. Das ist auch nicht nötig, findet die Amerikanerin. Wenn wir jeden Tag nur ein bisschen achtsamer mit dem umgehen, was wir zu uns nehmen – ohne dabei zu streng zu uns zu sein, dann ist schon eine Menge gewonnen. Für unsere Gesundheit – und unser allgemeines Wohlgefühl.

Dieser Artikel ist dem Magazin „Herzstück“ entnommen.