Ralf Kellermann: Vom Kreisliga- zum Frauenfußballwelttrainer

Wolfsburg.  „50 Jahre Frauenfußball“: Zum Abschluss der Serie stellen wir Ralf Kellermann vor, der den VfL Wolfsburg als Trainer zu großen Erfolgen führte.

Titelsammler: Ralf Kellermann, hier nach dem Sieg der Frauen des VfL Wolfsburg im DFB-Pokalfinale gegen den SC Freiburg (1:0) im Rheinenergiestadion in Köln am 1. Mai 2019.

Titelsammler: Ralf Kellermann, hier nach dem Sieg der Frauen des VfL Wolfsburg im DFB-Pokalfinale gegen den SC Freiburg (1:0) im Rheinenergiestadion in Köln am 1. Mai 2019.

Foto: Darius Simka / regios24

Wir haben uns mit Niedersachsens erster Nationalspielerin Christel Klinzmann beschäftigt, hatten die zweifache Weltmeisterin Martina Müller im Blatt, und nun folgt – quasi als krönender Abschluss unserer Serie „50 Jahre Frauenfußball“ – ein Welttrainer: Ralf Kellermann formte das Frauenteam des VfL Wolfsburg zu einer internationalen Spitzenmannschaft, feierte in seiner Amtszeit als Coach (2008 bis 2017) drei deutsche Meistertitel, vier DFB-Pokal-Erfolge, wurde mit den Wölfinnen zweimal Champions-League-Sieger – und durfte sich im Januar 2015 über die Auszeichnung „FIFA-Frauenfußballtrainer des Jahres 2014“ freuen. Bis heute ist der 51-Jährige als Sportlicher Leiter der VfL-Frauen aktiv, blickt im Gespräch mit unserer Zeitung auf die bewegendsten Momente seiner bisherigen Trainerlaufbahn zurück – und wirft einen Blick in die Zukunft.

Anfänge als Leiter der Scouting-Abteilung – und als Trainer in Helmstedt

Kellermanns Zeit in Wolfsburg begann bereits wenige Monate nach seiner Spielerkarriere als Torwart (siehe Infokasten). Thomas Strunz hatte am 1. Januar 2005 den Manager- und Geschäftsführerposten beim VfL übernommen – und holte seinen ehemaligen Mitspieler beim MSV Duisburg nur einen Monat später zu den Grün-Weißen. Bei denen leitete der gebürtige Duisburger vom 1. Februar 2005 bis 30. Juni 2010 die Scouting-Abteilung im administrativen Bereich – eine Tätigkeit, die ihm für seine spätere Trainerkarriere helfen sollte. „Allerdings habe ich Fußball schon als Spieler so geguckt, als wenn ich Trainer wäre“, verrät Kellermann.

Die erste Chance, sich an der Seitenlinie zu beweisen, ergab sich für den VfL-Verantwortlichen zu Beginn des Jahres 2007 – und zwar im Landkreis Helmstedt beim SV Brunsrode/Flechtorf. „Das war damals ein Freundschaftsdienst für SV-Spieler David Hoff, der Halbjahrespraktikant in einer Abteilung bei uns war“, erzählt Kellermann. Obwohl er sich anfangs nicht hatte vorstellen können, zweimal pro Woche abends in der Kreisliga zu trainieren, ließ sich der spätere Coach von Hoff überzeugen, und gerät beim Gedanken an die Leute im Verein, speziell die Familie des damaligen SV-Präsidenten Martin Etmanski, noch heute ins Schwärmen: „Das war so sympathisch. Zudem hatte David nicht untertrieben, Brunsrode/Flechtorf hatte wirklich eine ganz junge Mannschaft, die einfach richtig Bock auf Fußball hatte.“ Und sportlich lief es für den Kreisligisten auch hervorragend: In beiden Spielzeiten wurde er Kreispokalsieger und feierte durch einen 3:1-Sieg beim TSV Danndorf am letzten Spieltag der Saison 2007/08 den Aufstieg in die Bezirksliga.

In dieser Spielklasse sollte Kellermann die „Blauen Bullen“ aber nicht mehr trainieren, weil er ein Angebot bekommen hatte, das er „nicht ablehnen konnte“: das Amt des Cheftrainers bei den VfL-Frauen, da der bisherige Coach Bernd Huneke zum Sportdirektor Frauenfußball aufgestiegen war. „Ich wollte den nächsten Schritt gehen“, sagt Kellermann, „habe den SV aber durchaus mit einem lachenden und weinenden Auge verlassen, weil mir die Spieler und der Verein schon ans Herz gewachsen waren.“

Triple-Saison 2013: Der tolle Teamgeist gibt den Ausschlag

So aber zog es den ehemaligen Profi-Keeper zu den Wölfinnen, mit denen er in den kommenden Jahren große Erfolge feiern sollte. Im Sommer 2008 lagen die aber noch in weiter Ferne. Die VfL-Frauen belegten in dieser Zeit regelmäßig Plätze im Mittelfeld der Bundesliga-Tabelle – und da viele Topspielerinnen damals lieber zum 1. FFC Frankfurt oder FC Bayern München gingen, um in der Champions League zu spielen, verstärkten sich die Niedersächsinnen mit Akteurinnen aus dem Ausland, die bis dahin nicht so bekannt gewesen waren, wie der Ungarin Zsanett Jakabfi, die bis heute für den VfL aktiv ist.

Da es sich laut Kellermann irgendwann herumgesprochen habe, „dass wir hohe Ziele haben und der Verein bereit ist, das zu unterstützen, ging es jedes Jahr einen Schritt voran“. So gelang es den Grün-Weißen zu Beginn der Spielzeit 2011/12, namhafte Spielerinnen wie Lena Goeßling vom SC 07 Bad Neuenahr oder Nadine Keßler vom Meister 1. FFC Turbine Potsdam in die VW-Stadt zu lotsen. Dass sich die Erfolge aber derart schnell einstellen sollten, damit hatte auch der VfL-Trainer nicht gerechnet: „Es war schon sensationell, dass wir in dieser Saison erstmals Vizemeister geworden sind.“

Danach seien die VfL-Kickerinnen „völlig ohne Druck und ohne Wissen, was uns in Europa erwartet, in die Triple-Saison reingegangen“, sagt Kellermann. Triple-Saison, genau, denn neben dem Triumph in der Liga holten die Wölfinnen durch einen 3:2-Sieg im Finale gegen Potsdam auch erstmals den DFB-Pokal und setzten sich mit dem Gewinn des Champions-League-Endspiels (1:0) gegen das französische Topteam Olympique Lyon auch international die Krone auf. „Die Champions League war für uns ein Abenteuer, weil wir Spiele auf diesem Niveau noch nicht kannten“, betont Kellermann. Dass es für seine Elf so gut lief, lag zum einen daran, „dass wir herausragende Spielerinnen wie Martina Müller, Nadine Keßler und Alexandra Popp hatten. Zum anderen hatten wir aber auch damals schon einen überragenden Teamgeist und waren irgendwann so von uns überzeugt, dass uns gar nichts passieren konnte.“

Januar 2015 in Zürich – Kellermann auf dem Gipfel seiner Trainerkarriere

Im Jahr darauf wiederholten die Autostädterinnen ihren Erfolg in der Bundesliga, nahmen durch einen 4:3-Sieg im Finale gegen Tyresö FF erneut die silberne Champions-League-Trophäe entgegen – und Kellermann durfte sich wie schon 2014 über eine Einladung zur „FIFA Ballon d’Or Gala“ freuen.

Diese fand am 12. Januar 2015 erneut in Zürich statt. Dabei wusste der VfL-Coach, der im selben Hotel wie die Superstars Cristiano Ronaldo und Lionel Messi untergebracht war, bis zur Verkündung des Siegers nicht, dass es nach Rang 2 im Vorjahr diesmal zum ersten Platz, also der Ernennung zum Frauenfußball-Welttrainer des Jahres, reichen sollte. „Das war schon ein sehr einschneidendes Erlebnis, als mein Name dann aufgerufen wurde“, gibt der Bokensdorfer einen Einblick in seine Gefühlswelt. Da seine Akteurin Nadine Keßler und Bundestrainer Joachim Löw (Weltmeister von 2014) ebenfalls ausgezeichnet wurden, wurde die Veranstaltung in der größten Stadt der Schweiz zu einem deutschen Abend. Mit Löw und dessen Delegation unterhielt sich Kellermann in der Hotellobby übrigens noch bis in die frühen Morgenstunden – und erinnert sich bis heute gerne daran.

Nach einem weiteren Meistertitel und drei weiteren DFB-Pokal-Triumphen sah der Wolfsburger Erfolgscoach im April 2017 den Moment gekommen, seine Arbeit als Trainer aufzugeben und fortan nur noch als Sportlicher Leiter zu fungieren – diese Tätigkeit hatte der damals 48-Jährige nach Hunekes Aus beim VfL bereits seit April 2010 in Doppelfunktion ausgeübt. „Das wurde mir dann einfach zu viel, obwohl ich mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht habe“, erklärt Kellermann. Nachdem Co-Trainerin Britta Carlson abgesagt hatte, fragte der Trainer bei seinem Assistenten Stephan Lerch an, ob der sich den Job als Bundesligatrainer vorstellen könne. Nach Bedenkzeit sagte der ehemalige Coach der zweiten VfL-Frauenmannschaft zu, worüber Kellermann aus heutiger Sicht sehr froh ist: „Es war eine mutige Entscheidung, aber definitiv keine falsche. Ich habe ja eine Mannschaft von europäischer Klasse einem Trainer übergeben, der nie zuvor auf dem Niveau eigenverantwortlich trainiert hatte. Ich wusste aber, dass es fachlich und menschlich passen wird. Die Zusammenarbeit mit Stephan bis zum heutigen Tag ist überragend, von daher ist es schön, dass es so gelaufen ist.“

Ungeachtet von Lerchs toller Arbeit (Deutscher Meister 2018, 2019 und 2020, DFB-Pokalsieger 2018 und 2019) wurde es für die Wölfinnen in den vergangenen Jahren immer schwieriger, die Erfolge vor allem auf europäischer Ebene zu bestätigen. Kellermann glaubt, dass dies auch in Zukunft der Fall sein wird, zumal die Bayern weiterhin aufrüsten und international ohnehin viel investiert wird. „Es wird definitiv so kommen, dass irgendwann immer Manchester City, Chelsea, Barcelona, Real Madrid, Lyon, Paris und hoffentlich Wolfsburg und Bayern unter den besten Acht in Europa zu finden sind“, meint der Sportliche Leiter. „Das ist Wahnsinn, was in England und Spanien möglich ist: wirtschaftlich, von der Infrastruktur und von dem Einbinden der Frauenabteilung in den Gesamtverein her.“ Von daher müsse es das Ziel des VfL sein, sich dauerhaft für die Champions League zu qualifizieren und unter die letzten Acht, also ins Viertelfinale, zu kommen. „Wenn wir das schaffen, dann haben wir – glaube ich – in der Zukunft einiges richtig gemacht.“

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