Blau-gelber Moment: Eintrachts Kampf gegen Schalker Kreisel

Braunschweig.  1937 ist Braunschweig aus dem Häuschen. Schalke 04 kommt mit den Stars Szepan und Kuzorra. Es wird ein denkwürdiges Pokalspiel.

Eintracht Braunschweig lieferte dem Schalker Starensemble 1937 einen großen Kampf. In der Verlängerung ging das Pokalspiel aber knapp verloren.

Eintracht Braunschweig lieferte dem Schalker Starensemble 1937 einen großen Kampf. In der Verlängerung ging das Pokalspiel aber knapp verloren.

Foto: Eintracht Braunschweig

Der Gegner war nicht irgendwer. Ernst Kuzorra und Fritz Szepan waren in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts für den deutschen Fußball so etwas wie Lionel Messi und Cristiano Ronaldo im heutigen internationalisierten Kicker-Kosmos – die absoluten Superstars. Mit ihrem Spielstil hatten sie sogar einen Begriff geprägt, der noch heute von allen Fußball-Experten gekannt und mit der höchsten Spielkultur in Verbindung gebracht wird: der „Schalker Kreisel“.

Dreimal war der Klub aus Gelsenkirchen in den vergangenen vier Jahren deutscher Meister geworden. Kein Wunder, dass fast ganz Braunschweig aus dem Häuschen war, als das Starenensemble am 31. Oktober 1937 bei der Eintracht zu Gast war – im Achtelfinale des Tschammer-Pokals, dem Vorläufer des DFB-Pokals. „Das war für Braunschweig eine richtig große Nummer“, sagt Eintracht-Historiker Gerhard Gizler.

Ein Spiel, über das Jahrzehnte gesprochen wird

Und auch im Nachgang sollte diese Partie bei den Eintracht-Fans lange eine große Bedeutung besitzen. „Ich kann mich erinnern, dass mein Großvater und mein Vater auch noch Jahrzehnte später über dieses Spiel gesprochen haben“, sagt Gizler, der seine erste Begegnung im Eintracht-Stadion 1957 als kleiner Junge erlebte.

Das Einbrennen dieser Partie in das Gedächtnis vieler blau-gelber Fans hat sicherlich auch mit der Dramatik des Spielverlaufs zu tun. 120 Minuten lieferten die Außenseiter aus Braunschweig dem aus dem Ruhrgebiet angereisten Favoriten einen riesigen Kampf. Am Ende standen die Eintracht-Spieler aber mit leeren Händen da. Doch zunächst der Reihe nach.

3000 Menschen am Bahnhof begrüßen Schalker Stars

Bereits am 30. Oktober, einen Tag vor dem Spiel, waren 3000 Menschen zum alten Braunschweiger Hauptbahnhof gekommen, um die Ankunft der Schalker Stars zu erleben. Es wurden sogar einige hundert Einlasskarten für den Bahnsteig vergeben. Unter dem Applaus und Jubel der Masse stiegen Kuzorra und Co. aus dem Zug, mussten den Bahnhof anschließend wegen des Gedränges durch einen Nebeneingang verlassen, um zum Hotel Deutsches Haus zu kommen, wo sie die Nacht verbrachten.

Das war aber nur ein Vorgeschmack auf das, was am nächsten Tag folgte. Mit Siegen über Sömmerda und TuRa Bonn hatten sich die Löwen ins Achtelfinale gespielt, und dort wartete mit dem FC Schalke 04 nun die ganz große Nummer. Erstmals in seiner Geschichte war das Eintracht-Stadion ausverkauft – 22.000 Tickets waren in kurzer Zeit vergriffen. Doch es hätten noch viel mehr verkauft werden können. Gefühlt wollte fast ganz Braunschweig das Spiel gegen die Knappen sehen. Sogar in den Pappeln, die hinter den Tribünen standen, kletterten Menschen, um die Partie verfolgen zu können.

Dramatik und Spannung bis zum Schluss

Und das Spiel sollte die hohen Erwartungen der Massen erfüllen, zumindest was Dramatik und Spannung betraf. Die Blau-Gelben lieferten dem Favoriten aus dem Ruhrpott nämlich einen leidenschaftlichen Kampf auf Augenhöhe. In den ersten 30 Minuten seien die Gastgeber sogar die bessere Mannschaft gewesen, hieß es hinterher. Ein Treffer wollte ihnen aber nicht gelingen, so übernahmen die Schalker nach und nach das Kommando auf dem Platz und waren nahe dran am Führungstor.

Die Startruppe war den Braunschweigern technisch und spielerisch klar überlegen, doch die Löwen hielten kämpferisch dagegen und besaßen auch in der zweiten Hälfte Möglichkeiten, das Spiel für sich zu entscheiden.

Das Spiel geht ohne Tore in die Verlängerung

Da aber in 90 Minuten keine Tore fielen, musste die Verlängerung über den Einzug ins Pokal-Viertelfinale entscheiden. Das Stadion verwandelte sich in einen Hexenkessel, und die Braunschweiger kämpften bis zum Umfallen. Auswechslungen gab es damals im Fußball noch nicht. Bei einem Unentschieden nach 120 Minuten hätte es ein Rückspiel auf Schalke gegeben.

Doch es kam anders und ganz bitter für die tapfere Eintracht-Elf. Nach einem Handspiel von Albert Sukop im Strafraum gab es Elfmeter für Schalke – in der 119. Minute. Diese Chance ließ sich Ernst Poertgen nicht nehmen. Der Stürmer schob den Ball vom Punkt zum 1:0 für die Gelsenkirchener in die linke Torecke. Eintracht war geschlagen.

Die Fans feiern Eintracht frenetisch

Trotzdem wurden die Braunschweiger nach dem Schlusspfiff von ihren Fans frenetisch gefeiert. Sie hatten den Stars um Kuzorra und Szepan einen tollen Kampf geliefert und sich teuer verkauft. Es gibt wohl nur wenige Niederlagen in der Eintracht-Geschichte, die sich so positiv in die Erinnerung der Fans eingebrannt haben. Deshalb sprach man in Braunschweig auch noch Jahre später von dem Tag, als die Eintracht fast den großen FC Schalke 04 aus dem Pokal geworfen hätte.

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